Schleichender Völkermord in Amazonien: Indigene Stämme immer stärker bedroht

Schleichender Völkermord in Amazonien: Indigene Stämme immer stärker bedroht
Vertreter indigener Völker demonstrieren Ende August in São Paulo gegen eine Entscheidung des Justizministeriums, einem indigenen Stamm nördlich der Stadt die Landrechte zu entziehen.
Morde, Massaker, Vertreibungen und ein Staat, der wegschaut: Im brasilianischen Amazonasgebiet stehen ökonomische Interessen über dem Schutz der Ureinwohner. Die Regierung unter Präsident Michel Temer befördert diese dramatische Entwicklung.

Wo es keine Öffentlichkeit gibt, eröffnet sich Raum für Verbrechen. Aktivisten warnen bereits vor einem schleichenden "Genozid". Die Täter handeln zwar aus unterschiedlichen Motiven, aber eine Volksgruppe wird leidet immer stärker darunter: Die Indigenas im Amazonasgebiet. Mit Brasiliens Verfassung von 1988 wurden ihre Gebiete besser geschützt. Das revolutionäre Ziel: große Reservate, wo keinerlei wirtschaftliche Aktivitäten erlaubt sind. So sollte auch die möglicherweise klimaschädliche Regenwaldabholzung eingedämmt werden.

Nun tobt eine Art Konterrevolution. Der neue Bericht des indigenen Missions-Rats (Cimi), der vom deutschen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird, dokumentiert Schwarz auf Weiß die dramatischen Veränderungen. Im vergangenen Jahr fielen 118 Ureinwohner mutmaßlich politisch motivierten Gewaltakten zum Opfer, zwar etwas weniger als im Vorjahr (137), aber doppelt so viele wie noch zur Jahrtausendwende. Adveniat-Hauptgeschäftsführer Pater Michael Heinz kritisiert die zunehmende Gewalteskalation: 

Der Giftschlamm des Rio Doce ergießt sich mittlerweile schon in den Atlantik

Ihre Lebenswelt wird durch den rücksichtslosen Abbau von Rohstoffen, Abholzungen oder gigantische Staudammprojekte systematisch zerstört. Morde, Morddrohungen und Vertreibungen müssen ein Ende haben.

Morde und Massaker bleiben oft ungesühnt

Von den insgesamt 112 aufgeführten so genannten unkontaktierten Völker, die weitgehend in Isolation leben, sind mittlerweile 65 in ihrer Existenz bedroht: durch Invasoren, die illegal Tropenholz in ihren riesigen Gebieten roden, über den Bau von Straßen und Wasserkraftwerken bis hin zu Drogentransportrouten, illegalem Fischfang und dem Abbau von Gold.

Viele Morde bleiben ungesühnt – falls die Behörden überhaupt von solchen Verbrechen Kenntnis erlangen. Erst im September sorgten Berichte über ein Massaker an einem isoliert lebenden Stamm für Aufsehen. Mindestens zehn Indigenas sollen brutal von Goldgräbern ermordet, ihre Körper zerstückelt und in einen Fluss geworfen worden sein. Die Täter sollen danach mit der Tat geprahlt und von Selbstverteidigung gegen die Indianer gesprochen haben, die sich mit Pfeil und Bogen gewehrt hatten. 

Das Geschehen ereignete sich in der Nähe der Grenze zu Peru im Reservat Vale do Javari. In dem Gebiet, das größer ist als Österreich, leben rund 2.000 Indios ohne Kontakt zur Außenwelt in geschätzt 14 Stämmen. Allein die schiere Größe des Gebiets macht eine Kontrolle so schwer.

Zum Schutz der hunderttausenden Indigenas gibt es in Brasilien seit rund 50 Jahren die Schutzbehörde Fundação Nacional do Índio (Funai), die dem Justizministerium zugeordnet ist und vor allem die mit der Verfassung von 1988 gestärkten Rechte garantieren soll. Eigentlich sollten alle rund 1.200 indigenen Stämme und deren Lebensräume längst unter Schutz gestellt sein, aber erst bei 453 ist das bisher geschehen.

Neue Regierung stellt Wirtschaftsinteressen über verfassungsmäßig geschützte Rechte

Die Regierung des 2016 an die Macht gelangten brasilianischen Präsidenten Michel Temer verfolgt eine Politik, die ökonomischen Interessen wie der Erschließung neuer Sojaanbauflächen, dem Bau von Wasserkraftwerken und dem Rohstoffabbau einen eindeutigen Vorrang gegenüber dem verfassungsmäßigen Schutzauftrag einräumt. Trotz massiver Proteste aus der Zivilgesellschaft ist Temers von Korruptionsvorwürfen geplagtes Kabinett bestrebt, bestehende Schutzzonen aus wirtschaftlichen Gründen aufzuweichen.

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Für die Lockerung der Schutzrechte gibt es zudem eine starke Lobby. So ist einer der größten Sojaunternehmer des Landes, Blairo Maggi, zugleich der Agrarminister. Die rechte Temer-Regierung sieht im Amazonasbecken mit seinen Ressourcen einen Ansatz, um nach der tiefsten Rezession der Geschichte wieder Wachstum zu generieren. Die "Ruralistas", die diesen verfolgen, gelten mit rund 120 Abgeordneten und 13 Senatoren als mächtigste Lobbygruppe im Kongress in Brasilia. Sie stellen knapp ein Viertel der Mandatsträger.

Als "Ruralistas" gelten Politiker, die sich für die verstärkte ökonomische Nutzung bisher unerschlossener Gebiete einsetzen und neue Indigena-Schutzzonen strikt ablehnen. Einige Vertreter dieser Fraktion hetzen sogar ganz offen gegen Indigenas und deren Unterstützer.

Massive Mittelkürzung bei Schutzbehörde

Die Regierung beförderte ein solches politisches Klima zusätzlich mit ihrer Entscheidung, der Schutzbehörde Funai massiv die Mittel zu kürzen. Im letzten Jahr hatte man den Etat der Behörde inflationsbereinigt um rund elf Prozent auf 534 Millionen Reais (142 Mio Euro) reduziert. Dieses Jahr könnten es einem Zeitungsbericht zufolge noch mal über 30 Prozent weniger werden. Weniger Geldmittel bedeutet auch weniger Personal, um die Einhaltung der vom Staat festgelegten Schutzzonen zu überwachen. Nach den starken Kürzungen bei der Schutzbehörde mehren sich mittlerweile die Attacken gegen die Indigenas.

Seit Temers Antritt wurde zudem kein Dekret mehr zur Ausweisung neuer Schutzzonen erlassen, obwohl rund 70 absegnungsreife Territorien-Vorschläge vorliegen. So droht eine weitere Abnahme der indigenen Bevölkerung. Laut dem letzten Zensus leben noch 817.000 Indigenas in Brasilien, bei Ankunft der portugiesischen Kolonialisten vor über 500 Jahren waren es noch rund drei Millionen.

Der Anthropologe Miguel Aparicio hat viele Feldforschungen zu indigenen Gemeinschaften im Amazonasbecken unternommen. Hinsichtlich der Ambitionen zur wirtschaftlichen Erschließung der Region sagte er:

Die Gebiete der isoliert lebenden Indianer sind das Hauptziel, wegen des Reichtums an Ressourcen. Der Fokus liegt auf der Ausweitung des Bergbaus und auf der Vieh- und Sojaproduktion.

Besonders die 40 isolierten Völker ohne eigene Reservate sind in großer Gefahr, heißt es im Cimi-Bericht. "Sie sind besonders bedroht durch die Abholzung, die einen Anstieg um 30 Prozent zwischen August 2015 und Juli 2016 verzeichnete", schreiben die Autoren.

Dabei hatte Temers Vorgängerin Dilma Rousseff noch im August 2015 bei den ersten deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen Kanzlerin Angela Merkel versichert, die illegale Abholzung im Regenwald werde bis zum Jahr 2030 auf Null zurückgefahren. Davon ist keine Rede mehr, seit Rousseff unter fragwürdigen Umständen ihres Amtes enthoben wurde.

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Internationaler Druck gefordert

Der Amazonasregenwald gilt zudem als "Lunge des Planeten", als Baustein des Weltklimavertrags von Paris, dessen Ziel sei, einer angeblich drohenden weiteren Erderwärmung entgegenzuwirken. Der Schutz der Indigenas wäre dementsprechend immer auch ein Maßnahme zum "Schutz des Klimas". Nun jedoch diskutiert die Politik über Projekte wie das gigantische Wasserkraftwerk am Tapajós-Fluss im Bundesstaat Pará. Es liegt zwar auf Grund von Umweltbedenken auf Eis, aber es gibt Versuche für einen Neuanlauf - man kann bei all den Projekten den Eindruck gewinnen, das so artenreiche Amazonasgebiet wird zur neuen "Sonderwirtschaftszone".

Der Ethnologe Wolfgang Kapfhammer von der Ludwig-Maximilians-Universität München, ein Kenner der Region, sieht auch die internationale Gemeinschaft gefordert, um mehr Druck auf die Temer-Regierung auszuüben. Die Kürzungen bei Funai seien verheerend, die staatliche Kontrolle falle zunehmend weg. Er spricht von "anachronistischen Wirtschaftskonzepten", die zu dieser zunehmenden Erschließung Amazoniens führten - diese werde dem Volk positiv als "Entwicklung" verkauft.

Bei der Vergabe von Aufträgen und dem Wegschauen verquicke sich eine Korruptionskultur "mit einer tief internalisierten Tradition des Raubbaus an der Natur". Ihn erinnere diese Gegenrevolution, das Ende des Staates als Schutzmacht der Indigenas, fast schon an die Zeit der portugiesischen Konquistadoren.

(dpa/rt deutsch)

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