Argentinien: Wo ist Santiago Maldonado? - Regierung soll für Verschwindenlassen verantwortlich sein

Argentinien: Wo ist Santiago Maldonado? - Regierung soll für Verschwindenlassen verantwortlich sein
In Deutschland lebende Argentinier demonstrieren vor der argentinischen Botschaft in Berlin gegen das gewaltsame Verschwindenlassen von Santiago Maldonado
Der wahrscheinlich erste Fall eines gewaltsamen Verschwindenlassens durch Polizeikräfte seit Ende der Diktatur sorgt in Argentinien für Aufruhr. Ein Aktivist für die Anliegen der indigenen Mapuche-Volksgruppe soll geschlagen und abtransportiert worden sein. Seither fehlt von ihm jede Spur.

von Maria Müller, Montevideo

Tausende Menschen demonstrierten am 1. September in Argentinien und Uruguay für Santiago Maldonado. Auch in Berlin, Paris und London gab es Demonstrationen, die nach den Verbleib des Aktivisten für indigene Rechte fragen. Der 28-jährige ist seit einer Polizeiaktion, die vor einem Monat in der Provinz Patagonien stattgefunden hatte, verschwunden. Hintergrund des Falles ist der Kampf der Mapuche-Indianer um ihren traditionellen Landbesitz im Süden Argentiniens. Der Besitzer der italienischen Mode-Firma Benetton hatte sich Rechte an umfangreichen Territorien angeeignet, ohne die Mapuche, die Anspruch auf dieses Land erheben, zu entschädigen. Die Region ist reich an Bodenschätzen. 

Demonstration in Berlin gegen das mutmaßliche gewaltsame Verschwindenlassen des sozialen Aktivisten Santiago Maldonado in Argentinien

Seit einem Monat suchen nun Familienangehörige, Menschenrechtsorganisationen und sogar die UNO-Kommission gegen das gewaltsame Verschwinden Lassen nach dem jungen Kunsthandwerker. Der aus der Provinz Buenos Aires stammende Santiago hatte sich vor wenigen Monaten in der Kleinstadt El Bolsón in Patagonien niedergelassen. Die Stadt gilt als Anziehungspunkt für Menschen mit alternativem Lebensstil.

Im dortigen Markt für Kunsthandwerk fertigte er Tätowierungen an. Er liebte die Natur und galt politisch als nicht interessiert - doch sensibel für soziale Ungerechtigkeiten. Santiago solidarisierte sich mit dem Anliegen der dort lebenden Mapuche-Indianer, die schon seit über 25 Jahren darum kämpfen, ihr angestammtes Land von der italienischen Firma Benetton zurückzuerhalten.

Der Unternehmer Luciano Benetton, Besitzer der bekannten italienischen Modefirma Benetton, hatte sich 1990 in der Gegend 900.000 Hektar Land angeeignet, auf dem er inzwischen 100.000 Schafe züchtet. Niemand weiß, an wen er welchen Preis dafür bezahlt hat, noch welche vorherigen Eigentümer im Zusammenhang mit dem Verkauf genannt wurden. Die Ureinwohner der Gegend, aus deren Reihen mehrfach einige Personen Ansprüche auf das Land erhoben, hat man jedenfalls nicht gefragt. Unter dem Ex-Präsidenten Carlos Menem haben internationale Investoren weite Landstriche im Süden Argentiniens käuflich erworben.

United Bullets for Benetton 

Am 1. August blockierten Indigene der Mapuche-Volksgruppe die Verbindungsstraße von der argentinischen Stadt Esquel nach Chile. Sie protestierten damit gegen die Inhaftierung ihres Anführers Facundo Jones Huala. Die Gendarmerie ging mit Kritikern zufolge exzessiver Gewalt gegen die Demonstranten vor. Mit Tränengas, Gummigeschossen und Bleikugeln vertrieb sie die Demonstranten, unter ihnen auch Santiago Maldonado. Einige Flüchtende überquerten den nahen Fluss mit Niedrigwasser in Richtung Chile. Sie wurden Zeugen der Verhaftung von Santiago. Dieser habe sich unter einem Baum am Ufer versteckt. Gendarmen hätten ihn gefunden und gerufen: "Da haben wir einen" und "Du bist verhaftet".

Ein anderer Zeuge will von einer Anhöhe aus gesehen haben, wie Polizisten auf einen Mann mit gefesselten Händen einschlugen. Etwas später, um 13.30 Uhr, sei ein Geländewagen der Gendarmerie angefahren. Die Polizisten hätten Ketten gebildet und so die Sicht auf einen Gegenstand oder Körper verdeckt, der durch die Hintertür in das Polizeiauto geschoben wurde. Dann fuhr der Wagen auf der nahen Landstraße in Richtung der Stadt Esquel davon.

Seitdem ist der junge Mann verschwunden. Presseberichten zufolge sollen Haare und ein Blutfleck an einem Auto der Gendarmerie gefunden worden sein, doch eine DNA-Untersuchung erbrachte negative Ergebnisse. Andrea Antico, der Schwager von Santiago, sagte:

Es gab Unregelmäßigkeiten bei den Untersuchungen der Fahrzeuge der Gendarmen. Sie wurden gewaschen, um Spuren zu verwischen.

Die argentinische Menschenrechtsorganisation Zentrum für soziale und juristische Studien (CELS) hat die Kommission gegen das gewaltsame Verschwinden Lassen in der UNO gebeten, einzugreifen. Diese hat inzwischen die Regierung von Mauricio Macri aufgefordert, alles zu tun, um Licht ins Dunkel des Falles zu bringen. Auch die argentinische Katholische Bischofskonferenz hat sich eingeschaltet und fordert Aufklärung, des Weiteren die Interamerikanische Menschenrechtskommission der Organisation Amerikanischer Staaten (OEA). Die Staatsanwaltschaft Argentiniens hat den Fall als gewaltsames Verschwinden klassifiziert. 

Im Visier der Naumann-Stiftung: Die Bronze-Statue des argentinischen Revolutionärs Ernesto

Zweifelhafte Rolle eines Kabinettschefs 

Der Kabinettschef des Innenministeriums, Pablo Nocetti, hatte den umstrittenen Polizeieinsatz am 1. August persönlich vor Ort geleitet. Fragen werden laut, warum ein hoher Regierungsvertreter eine so weite Strecke von 1.850 Kilometern zurücklegt, um eine blockierte Überlandstraße zu räumen. Er gilt als fanatischer Gegner der Mapuche-Bewegung und hat öffentlich gedroht, alle Mitglieder der Mapuche-Widerstandsgruppe "Resistencia Ancestral Mapuche" (RAM) zu inhaftieren - notfalls auch ohne richterlichen Haftbefehl. In früherer Zeit hatte sich Nocetti als Verteidiger von Militärs aus der Zeit der Diktatur einen Namen gemacht, die wegen Menschenrechtsverbrechen angeklagt wurden. 

Was ist der Hintergrund des Konfliktes? Die Nachfahren des in früheren Zeiten enteigneten, misshandelten und vertriebenen Mapuche-Volkes wollen heute in ihrem alten Stammesland wieder als eine Nation leben. Die Mapuche-Indigene bewohnten ursprünglich einen breiten Gebietsstreifen im Südzipfel des Kontinents, der quer durch Argentinien und Chile vom Pazifik bis zum Atlantik reicht.

Sie klagen über den, wie sie es nennen, an ihnen seit Jahrhunderten verübten kolonialen Genozid und den bis heute andauernden Landraub in beiden Ländern. Das Recht der indigenen Bevölkerung, ursprünglichen Landbesitz einzufordern, ist von der argentinischen Verfassung garantiert.

Die Innenministerin Patricia Bullrich gab am 8. August in einem Interview mit Radio Mitre hingegen Erklärungen ab, die einen politischen Hintergrund des Verschwindens von Santiago erahnen lassen. 

Wir werden eine autonome Mapuche-Republik mitten in Argentinien nicht zulassen",

verkündete sie. Man sei entschlossen, gegen die sich radikalisierenden Indigenen vorgehen. 

Sie haben Autos der Gendarmerie angezündet, Privatautos mit Parolen bemalt, Motorräder der Polizei unbrauchbar gemacht, Land besetzt.

Regierung betreibt Null-Toleranz-Politik gegenüber Mapuche-Protesten

Eine Gruppe von etwa 20 Familien soll bereits 2015 auf dem Gelände der Benettons eine Hüttensiedlung errichtet haben. In Chile soll die Mapuche-Organisation RAM das Haus eines Großgrundbesitzers angezündet haben, dessen Gelände sich auf angestammtem Mapuche-Land befinden soll.

Schon im August 2016 war auf der Webseite des Innenministeriums zu lesen, dass manche Mapuche-Gemeinden sich bewaffnet und Ländereien in Gebieten besetzt hätten, in denen Erdöl und Erdgas gefördert wird. Dadurch würden sie häufig die übliche Ausbeutung der Bohrlöcher behindern.

Es geht um strategische Ressourcen. Nach Angaben der staatlichen Ölfirma YPF sind 200 Bohrlöcher zeitweise lahmgelegt worden", heißt es auf der Seite.

Seit 2016 bemüht sich das argentinische Innenministerium darum, die Gruppe RAM zu einer terroristischen Vereinigung erklären zu lassen, um sie dann mit Sondergesetzen bekämpfen zu können. Doch der Oberste Gerichtshof hat diesen Versuch in einem Urteil zurückgewiesen.

Ähnliche Situation in Chile

In Chile spielt sich das gleiche Drama ab. Auch dort kämpfen Mapuche-Völker schon seit vielen Jahrzehnten um von ihnen beanspruchtes Land. Reiche Forstbestände werden von Großfirmen ausgebeutet, die ursprünglichen Besitzer sind dagegen machtlos. Was sie als "Widerstandsaktionen" bezeichnen, sieht die Regierung in Chile schon seit langem als Terrorismus. Zahlreiche Mapuche sind heute in Chile nach Sondergesetzen inhaftiert. Vertreter der Volksgruppe haben vor internationalen Organisationen wegen Menschenrechtsverletzungen Beschwerden erhoben.

Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass sich Chiles Präsidentin Michelle Bachelet gegen Ende ihrer Amtszeit zu einem außerordentlichen Schritt entschlossen hat: Sie bat am 23. Juni offiziell das chilenische Mapuche-Volk um Entschuldigung wegen der Leiden, die der chilenische Staat ihm zugefügt habe. Die Regierung will nun einen Entwicklungsplan für die Region der chilenischen Mapuche umsetzen. Auf diese Weise will man auch dem Traum von einem eigenen Mapuche-Land Wasser abgraben. Doch weder in Chile noch in Argentinien ist derzeit eine politische Verhandlungslösung in Sicht, die diese Konflikte überwinden könnte.