Gewalt gegen Journalisten in Mexiko eskaliert: 44 Morde seit Machtantritt von Nieto

Gewalt gegen Journalisten in Mexiko eskaliert: 44 Morde seit Machtantritt von Nieto
Fotos von getöteten Journalisten bei einer Demonstration in Mexiko-City.
Innerhalb der ersten acht Monate des Jahres 2017 sind in Mexiko zehn Journalisten ermordet worden. Seit Machtantritt des Präsidenten Enrique Peña Nieto im Dezember 2012 sind 44 Journalisten systematisch hingerichtet worden. Ein Großteil der Gewalt gegen Pressevertreter geht auf das Konto von Staatsbeamten.

Am 22. August wurde mit Ríos Vázquez in Hueyapan de Ocampo im Bundesstaat Veracruz der bisher letzte einer langen Reihe von Journalisten getötet. Vázquez war als Polizeireporter der Tageszeitung Diario de Acayucan tätig und stand seit 2013 auf Grund von Drohungen lokaler Funktionäre unter Polizeischutz.

"Pabuche", so der Spitzname von Ríos Vázquez unter Freunden und Kollegen, ist bereits der zehnte Journalist, der in diesem Jahr ermordet wurde, und der 44. Mord an einem Journalisten seit Amtsantritt des mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto im Dezember 2012. Insbesondere im Vergleich mit der Berichterstattung zu Venezuela fällt die relative Stille im westlichen Mainstream zu der Situation in Mexiko auf.

Mexiko: Zehn Morde an Journalisten seit Jahresbeginn

Laut einem Bericht der britischen Menschenrechtsorganisation Article19 wurden für das Jahr 2016 über 260 „Aggressionen und Drohungen gegen Journalisten“ dokumentiert. Davon ging mit 226 Gewaltandrohungen die übergroße Mehrzahl jedoch nicht von Drogenkartellen, sondern von Staatsbeamten und Funktionären aus. Gruppen des organisierten Verbrechens waren laut dem Bericht nur für 17 dokumentierte Einschüchterungsversuche verantwortlich.

Auch bei den direkten körperlichen Angriffen gegen Journalisten gehen 53 Prozent auf das Konto von staatlichen Kräften, dies entspricht einem Anstieg um 37 Prozent im Verhältnis zum Vorjahr.

Liste der zehn bisher 2017 in Mexiko ermordeten Journalisten:

1. Cecilio Pineda, 39 Jahre

Pineda, Chefredakteur der Regionalzeitung La Voz und Mitarbeiter von El Universal, der auflagenstärksten Tageszeitung Mexikos, wurde am 2. März von bewaffneten Männern in seiner Hängematte erschossen, als er Mittagsschlaf in der Nähe seines Hauses in Tierra Caliente im Bundesstaat Guerrero hielt.

Er hatte zuvor von Morddrohungen in sozialen Netzwerken berichtet. Ein vorheriges Attentat im Jahr 2015 überlebte er.

2. Ricardo Monlui, 57 Jahre

Monlui wurde am 19. März in Begleitung seiner Ehefrau und seines Sohnes in einem Restaurant im Bundesstaat Veracruz mit zahlreichen Schüssen niedergestreckt. Er war Leiter der Tageszeitung El Político. Der Bundesstaat Veracurz gilt nach Ansicht von internationalen Beobachtern als der gefährlichste Bundestaat für die Ausübung des Journalismus.

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3. Miroslava Breach, 54 Jahre

Breachs Leiche wurde am 23. März mit zahlreichen Einschüssen in seiner Schädeldecke im Kofferraum eines Autos in Chihuahua, im gleichnamigen Bundesstaat gefunden. Er war Reporter für die Tageszeitungen La Jornada und el Norte de Juárez. Breach recherchierte seit 20 Jahren über das organisierte Verbrechen und Korruptionsfälle in der Regierung des Bundesstaates.

4. Maximino Rodríguez, 71 Jahre

Am 14. April wurde Rodríguez in Begleitung seiner Frau in seinem Auto mit mehreren Schüssen aus einem Lieferwagen in La Paz, der Bundeshauptstadt von Baja California, niedergeschossen. Rodríguez war Reporter der Zeitschrift Colectivo Pericú und war spezialisiert auf polizeiliche Themen.

5. Javier Valdez, 50 Jahre

Valdez, Mitarbeiter der Nachrichtenagentur AFP und Reporter für die Tageszeitung La Jornada wurde am 15. Mai auf offener Straße in Culiacán, Hauptstadt des Bundstaates Sinaloa, niedergeschossen. Der Bundesstaat wird auch als „Wiege der großen Drogendealer Mexikos“ bezeichnet. Sein letzter Beitrag für AFP handelte über die Kämpfe unter den verschiedenen Fraktionen des Sinaloa-Kartells seit der Auslieferung des Kartellbosses Joaquín “El Chapo” Guzmán an die USA.

Beamte der mexikanischen Bundespolizei wärmen sich an einem Feuer an einer Straßenkontrolle in Ciudad Juarez, Mexiko 19. Januar 2017.

6. Jonathan Rodríguez Córdoba, 26 Jahre

Ebenfalls am 15. Mai wurde Córdoba, Journalist bei der Wochenzeitung in El Costeño Autlán de Navarro, im Bundesstaat Jalisco in seinem Auto ermordet. Er war gemeinsam mit seiner Mutter, stellvertretende Geschäftsführerin der Zeitung zum Einkaufen unterwegs, als eine Gruppe von fünf Personen den Wagen anhielten, die Tür öffnete und das Feuer eröffneten. Seine Mutter überlebte schwer verletzt.

7. Salvador Adame, 44 Jahre

Am 26. Juni bestätigten die mexikanische Bundespolizei den Tod von Salvador Adame. Er war zuvor am 18. Mai in Michoacán entführt worden, danach fehlte jedes Lebenszeichen von ihm. Sein verkohlter Körper tauchte am 14. Juni auf einer Verbindungsstraße zwischen den Dörfern Lombardía und Nueva Italia im selben Bundesstaat auf und wurde anhand einer DNA-Probe identifiziert.

Adame war Besitzer des lokalen Fernsehkanals Canal 6. Ermittlungen ergaben, dass er im Auftrag des Anführers einer kriminellen Bande, der unter dem Spitznamen „El Chano Peña“ agiert, ermordet und verbrannt wurde.

8. Edwin Rivera Paz, 28 Jahre

Dieser honduranische Kameramann, Hauptkameramann für das Programm “Los Verduleros”, suchte Asyl in Mexiko, nachdem ein Journalisten-Kollege von ihm in Honduras ermordet wurde. Am 10. Juli wurde Paz in Veracruz von Vermummten auf einem Motorrad mit mehreren Kugeln niedergestreckt.

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9. Luciano Rivera, 33 Jahre

Am 31. Juli wurde Rivera, Reporter des Nachrichtenkanals CNR, im Morgengrauen mit einem Kopfschuss in der Bar La Antigua im Zentrum von Playas de Rosarito hingerichtet. Zunächst ging man davon aus, dass sein Tod nicht in Verbindung mit seiner journalistischen Tätigkeit stand, später verdichteten sich aber die Hinweise, dass es sich um einen inszenierten Streit gehandelt habe, mit dem Ziel ihn zu ermorden. Aussagen von Arbeitskollegen decken diese Einschätzung.

10. Cándido Ríos, 55 Jahre

Am 22. August wurde Ríos Vázquez in Hueyapan de Ocampo im Bundesstaat Veracruz von Vermummten getötet. Vázquez war Polizeireporter der Tageszeitung Diario de Acayucan und stand seit vier Jahren auf Grund von Drohungen lokaler Funktionäre unter Polizeischutz.

Die Lage zwischen der Hauptstadt des Landes und dem Golf von Mexiko macht den Küstenbundesstaat Vercruz zu einem der wichtigen Umschlagsplätze für das organisierte Verbrechen. Journalisten stehen bei dem Bandenkrieg zwischen den beiden Drogenkartellen "Los Zetas" und "Jalisco Nueva Generación" im Kreuzfeuer. Doch Gefahr droht nicht nur von den Drogenkartellen. Wie das Onlineportal Amerika21 berichtet, bedrohte der wegen Korruption zurückgetretene Gouverneur Javier Duarte jahrelang Journalisten offen mit dem Tod. Keiner der während seines Mandats begangenen Morde an Pressevertretern wurde je aufgeklärt.

Laut Christian Mihr, Geschäftsführer der Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen, ist der Bundesstaat Veracruz für Medienschaffende "der gefährlichste Ort in der Region".

Das laufende Jahr ist schon jetzt eines der gewalttätigsten im Hinblick auf die Verletzung der Meinungs- und Pressefreiheit in Mexiko. Laut der britischen Menschenrechtsorganisation ARTICLE 19 waren ähnlich wie schon 2016 für 50,7 Prozent der Drohung gegen Pressevertreter im ersten Quartal 2017 Staatsbeamte verantwortlich.