Venezuela: Regierungskritiker halten Hubschrauber-Attacke für eine Inszenierung

Venezuela: Regierungskritiker halten Hubschrauber-Attacke für eine Inszenierung
Óscar Pérez, mutmaßlicher Pilot des Hubschraubers, der am Mittwoch Regierungsgebäude in Caracas angriff, posiert für die Fotografen während einer Veranstaltung seiner Polizeieinheit im März 2015.
Die Hubschrauber-Attacke vom Mittwoch auf Regierungsgebäude in Caracas stellt in den Augen von Regierungskritikern eine Inszenierung dar. Die Regierung wolle damit von umstrittenen Maßnahmen ablenken und eine Legitimation für hartes Vorgehen schaffen.

Eine False Flag im Dienste der Bolivarischen Revolution? Die Hubschrauber-Attacke auf Regierungsgebäude in Venezuelas Hauptstadt Caracas vom Mittwoch nährt Spekulationen, es habe sich bei dieser um eine Inszenierung der linken Regierung unter Präsident Nicolás Maduro gehandelt. In einem Videomanifest hatte der mutmaßliche Pilot des gekaperten Polizei-Helikopters von einer "Koalition zwischen Militärs, Polizisten und Zivilisten" gesprochen, die hinter ihm stehe. Bei dem Mann handelte es sich offenbar um Óscar Pérez, einen Mitarbeiter der Polizeieinheit CICPC. 

Nicht nur Vertreter der venezolanischen Opposition halten den Angriff für eine Inszenierung der Regierung. So schreibt die spanische Tageszeitung El Mundo am Donnerstag zu dem Ereignis:

Man darf den Zwischenfall nicht herunterspielen. Es handelt sich um eine verwerfliche Aktion. Aber alles deutet darauf hin, dass wir vor einem grotesken Propagandaakt stehen - und nicht vor einem Putschversuch, wie die Regierung mehrfach versichert hat.

Ein Anhänger der Opposition greift Sicherheitskräfte an, auf einer Demonstration gegen Präsident Nicolas Maduro in Caracas, 26. April 2017.

Ein notorischer Selbstdarsteller

Regierungsgegner führen verschiedene Gründe für ihren Verdacht an. So sei es merkwürdig, dass der Hubschrauber unbehelligt von der Flugabwehr seine Kreise über den Regierungsgebäuden ziehen konnte. Auch sei es ein seltsamer Zufall, dass die aus dem Hubschrauber abgeworfenen Granaten nicht detonierten und dementsprechend auch keine Schäden verursachten. Verdächtig sei zudem, dass der Pilot nach der Landung unbemerkt fliehen konnte.

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Für eine Inszenierung würde auch sprechen, dass Pérez bereits Erfahrungen als Schauspieler gesammelt hat. Vor zwei Jahren spielte er in dem Actionfilm "Suspended Death" einen Piloten, der mit einem Fallschirm aus einem Hubschrauber springt, um anschließend kolumbianische Gangster zu erschießen. Auf seinem Instagram-Profil hat Pérez, den Behörden als "Psychopathen" bezeichnen, kuriose Aufnahmen gepostet, die seinen Hang zur Selbstdarstellung aufzeigen. So zeigt ein Video den Mann, wie er über die Schulter eine hinter ihm positionierte Schaufensterpuppe beschießt, die er durch einen Handspiegel anvisiert. 

"Ich sehe gegenwärtig nur zwei Möglichkeiten: Entweder wurde der Pilot hereingelegt, oder die Sache war inszeniert", äußerte sich Félix Seijas Rodríguez, ein politischer Analyst aus Caracas, zu der Attacke. "Es macht einfach keinen Sinn."

Regierungskritiker sprechen von einem Ablenkungsmanöver

Kritiker werfen der Regierung vor, den Vorfall inszeniert zu haben, um sich einen Vorwand für weitere Vollmachten zu verschaffen und von ihren jüngst ergriffenen, umstrittenen Maßnahmen abzulenken. Die "surreale" Hubschrauber-Attacke sei zu einem für die Regierung idealen Zeitpunkt geschehen, so Francisco Toro, Herausgeber der Webseite Caracas Chronicles. Zwei Maßnahmen der Regierung seien dadurch in den Hintergrund getreten: die Entscheidung, die "Befugnisse der Generalsstaatsanwaltschaft weitestgehend auszuhöhlen", und der "Überfall auf das Parlament".

Am Mittwoch hatte die Regierung zudem die Befugnisse der Generalstaatsanwältin Luisa Ortega weiter beschnitten. Außerdem wurde ihr Bankkonto eingefroren. Zudem darf die vehemente Regierungskritikerin das Land nicht mehr verlassen. Ortega bezeichnete die gegen sie eingeleiteten Maßnahmen als "staatlichen Terrorismus".

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Soldaten schaffen Kisten ins Kongressgebäude

Am Mittwoch hatten Soldaten außerdem Kisten ungeklärten Inhalts in das Gebäude des Kongresses getragen, der von der Opposition dominiert wird. Daraufhin kam es zwischen den Soldaten und oppositionellen Abgeordneten zu einem Handgemenge. Die Regierungsgegner fürchten, mit der Aktion soll eine Übernahme des Kongresses vorbereitet werden, wenn Präsident Maduro im August seine Pläne für eine Verfassungsreform umsetzt.

Der Präsident selbst sprach nach der Hubschrauber-Attacke von einem "terroristischen Angriff" und einem Putschversuch.

Wenn Venezuela in Chaos und Gewalt gestürzt und die Bolivarische Revolution zerstört werden sollen, werden wir in den Kampf ziehen", hatte Maduro nur Stunden vor dem Angriff erklärt. 

Laut ihm soll der Pilot Pérez Verbindungen zum ehemaligen Innenminister Miguel Rodríguez Torres unterhalten, der zwölf Jahre lang die venezolanischen Geheimdienste führte. Torres habe die Aktion zusammen mit der CIA eingefädelt, so der Vorwurf der linken Regierung. Belege hat sie dafür jedoch nicht vorgelegt. Torres selbst bezeichnete die Hubschrauber-Attacke als eine "dümmliche Montage", hinter der wohl die Regierung stecke.

Viele Länder verurteilten den Luftangriff auf den Obersten Gerichtshof und andere Regierungsgebäude in Caracas. Nicht so die Vereinigten Staaten. Deren UN-Botschafterin Nikki Haley erklärte am Mittwoch: "Wir müssen den Druck auf Maduro aufrechterhalten."