Uruguay: Massendemonstrationen und politischer Streik gegen häusliche Gewalt und Frauenmorde

 Frauendemonstration in Montevideo
Frauendemonstration in Montevideo
An einer Frauendemonstration in Montevideo nahmen 300.000 Menschen teil. Auch Teile des öffentlichen Dienstes streikten. Die Gewerkschaften unterstützten die Aktionen gegen häusliche Gewalt und für Gleichbehandlung in allen Ländern des Kontinents.

von Maria Müller, Montevideo

In Uruguay hatte der Gewerkschaftsdachverband PIT-CNT zu einem halbtägigen politischen Streik aufgerufen, damit möglichst viele arbeitende Frauen und Männer an diesem Tag demonstrieren konnten. Die Rechnung ging auf. Die Mobilisierung sprengte alle Erwartungen. Ab 18 Uhr versammelten sich die Menschen in der Hauptstraße Montevideos.

Esther Miano, 82, eine ehemalige  Mau Mau Kommandeurin und Mitglied der Veteranen Vereinigung von Mau Mau Kämpferinnen (MMWVA), während einer Gedenkveranstaltung zur kolonialen Repression durch britische Soldaten während der Besatzungszeit, Nairobi, Kenia.

In der Abenddämmerung wuchs die Demonstration zu einer der größten in der Geschichte des Landes an. Nach offiziellen Angaben waren es 300.000 Menschen, die sich zur Kundgebung versammelten, überwiegend Frauen. Doch auch Männer, vor allem aus der jüngeren Generation, beteiligten sich. Auch zahlreiche Persönlichkeiten aus Regierung, Parlament, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen gingen mit.

Manche Teilgewerkschaften nutzten die Gelegenheit auch, um für eigene, spezifische Themen zu werben. Dazu weiteten sie den Streik auf 24 Stunden aus. So waren unter anderem die Lehrkräfte von Gymnasien, Universitäten und technischen Oberschulen sowie die Angestellten der Kommunen mit eigenen Abordnungen präsent.

Femizide als gravierendes Problem in Uruguay

Das öffentliche Gesundheitswesen streikte 12 Stunden lang, ebenso der gesamte öffentliche Dienst. Der Bürgermeister von Montevideo und seine Kabinettsmitglieder stifteten jeweils ihre Gehälter einer Organisation gegen häusliche Gewalt. Das Verteidigungsministerium des Landes hat dem gesamten weiblichen Personal an dem Tag freigegeben. 

In acht Städten Uruguays gab es zudem Demonstrationen, Kundgebungen, Arbeitsniederlegungen und Versammlungen am Eingang der Arbeitsstelle. Diese machten vor allem auf die hohe Anzahl an Fällen häuslicher Gewalt und so genannter Ehrenmorde und Femizide aufmerksam.

Die Frauen trugen Transparente mit Aufschriften wie "Entschuldigen Sie die Störung, wir werden ermordet!", "Gleichheit!" oder "Frauen: doppelte Ausbeutung!".

Im Januar und Februar 2017 sind sechs Frauen von ihren Ehemännern und Ex-Partnern umgebracht worden. Im letzten Jahr waren es 22 Frauen", berichtet Marcela Dabbadie, eine Sprecherin der feministischen Gruppen Uruguays, die hinter dem Demonstrationsaufruf stehen.

Das Innenministerium hat 2015 im Durchschnitt 85 Fälle von Gewalt gegen Frauen pro Tag registriert, im gesamten Jahr 2016 waren es insgesamt 30.000. Die Anzahl der Frauenmorde ist damit im Verhältnis zur Bevölkerungszahl von nur drei Millionen sehr hoch, eine der höchsten weltweit.

Die Abendnachrichten bringen reißerische Berichte über die Verbrechen des Tages, man kann den Fernseher nicht mehr anschalten", beschweren sich manche Menschen im Gespräch.

Sie sehen darin eine Stimmungsmache, die mitverantwortlich für das Anwachsen des Übels sei. Die starke Präsenz dieser Verbrechen würde einen Nachahmungseffekt bewirken.

Bereits 2015 hatten Abgeordnete erfolglos eine Gesetzesvorlage zur Bekämpfung des so genannten Femizids eingebracht, die seitdem auf Eis liegt. Am 8. März forderte die Frauengruppe im Parlament, die Abgeordneten müssten das Gesetz nun endlich verabschieden.

Die feministischen Organisationen Uruguays kritisieren, dass die bisherigen Maßnahmen gegen die häusliche Gewalt nicht wirksam sind.

Ungleiche Chancen in der Arbeitswelt

Sie beklagten außerdem, dass das aktuelle Abtreibungsgesetz ihrer Auffassung nach immer noch zu restriktiv sei. Einen größeren gesellschaftlichen Konsens dürfte es hingegen bezüglich der Einschätzung geben, es gäbe bei der Gleichbehandlung im Berufsleben noch reichlich Luft nach oben. In der Arbeitswelt werden Frauen in Uruguay noch immer diskriminiert.

Die Wirtschaftskrise trifft die Frauen am härtesten. Sie verlieren als erste ihren Arbeitsplatz, die Arbeit ist weniger qualifiziert und es gibt große Lohnunterschiede zu den Männern", sagt Marcela Dabbadie.

Den Daten des Arbeitsministeriums zufolge erhalten Frauen in der Privatwirtschaft für die gleiche Arbeit um die Hälfte bis ein Drittel weniger Gehalt als Männer.

Zudem gibt es weniger an unselbstständigen Beschäftigungsmöglichkeiten: Nur 49,4 Prozent der auf Arbeitssuche befindlichen Frauen finden einen Job, gegenüber 68,7 Prozent der Männer. Die Arbeitslosenrate bei Frauen beträgt neun Prozent, bei Männern 6,5 Prozent. Dies sagen die Zahlen des Statistikinstituts vom Februar 2017.  

Wenn es so weitergeht, erreichen wir erst in 118 Jahren den gleichen Lohn für Frauen", bemerkte Laura Raffo, Wirtschaftsexpertin des Verbands der Unternehmerinnen Uruguays (OMEU), auf einem Treffen, das sich mit diesem Thema befasste.

Gewerkschaften geraten selbst in Erklärungsnot

Die Problematik der Ungleichbehandlung macht jedoch auch vor den Gewerkschaften selbst nicht Halt. Deren Entscheidungsgremien sind überwiegend von Männern besetzt. Unter dem Eindruck der Massenaktionen kam beim Dachverband PIT-CNT das Thema nun auf die Tagesordnung.

Obwohl 45 Prozent der arbeitenden Bevölkerung Frauen sind und diese 50 Prozent der Mitglieder des PIT-CNT ausmachen, sitzen im 15-köpfigen Exekutivkomitee nur drei Frauen – ohne Stimmrecht. Auf dem letzten Gewerkschaftskongress nahmen überdies auch nur 28 Prozent Frauen als Delegierte teil.

Der Dachverband will die Situation verbessern und Vorschläge analysieren, wie man dieser Schieflage Abhilfe schaffen kann. Möglicherweise werde man zu diesem Zwecke die Statuten ändern.

In Uruguay haben Frauen zudem auch im Parlament bedeutend weniger Sitze als in den meisten anderen lateinamerikanischen Staaten. Bei den Wahlen 2014 gab es erstmalig eine Quotenregelung. Demnach mussten Parteien ihre Wahllisten zu mindestens einem Drittel mit Frauen besetzen.

Diese Regelung sollte vorerst nur für eine Legislaturperiode gelten. Doch inzwischen fordert eine parteienübergreifende Frauengruppe von Abgeordneten und Senatorinnen eine neuerliche Quotenregelung für die kommenden Wahlen 2019. Diese soll nach dem Willen der Parlamentarierinnen sogar noch ausgeweitert werden. Künftig soll die Hälfte der Listenplätze für Frauen reserviert sein.

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