China in Lateinamerika: Licht und Schatten einer wirtschaftspolitischen Symbiose

China in Lateinamerika: Licht und Schatten einer wirtschaftspolitischen Symbiose
China ist mittlerweile in vielen Ländern Lateinamerikas der größte Wirtschaftspartner, unter anderem in Infrastruktur, Agrarindustrie und Bergbau. Die Kooperation verändert das Gesicht des Kontinents. Chinas Banken vergeben Kredite ohne politische Vorbedingungen. Teil II zu Lateinamerikas Außenhandel

von Maria Müller, Montevideo

Die chinesischen Wirtschaftsinitiativen in Lateinamerika scheinen die Interessen beider Seiten zu bedienen. China investiert seine Devisenreserven und erhält im Gegenzug mineralische und/oder landwirtschaftliche Rohstoffe. Im Gegenzug verbessern die Lateinamerikaner ihre Infrastruktur und können durch den Rohstoffverkauf die Entwicklung ihrer Staaten fördern.

Kritiker sehen jedoch ein Ungleichgewicht, das die Tauschgeschäfte überschattet: So wird ihrer Meinung zufolge die heimische Industrie durch den Import chinesischer Manufakturwaren stark benachteiligt.

Vetternwirtschaft und Korruption gehörten zu den Vorwürfen, die am Beginn des zweifelhaften Amtsenthebungsverfahrens gegen Brasiliens gewählte Präsidentin Dilma Rousseff standen. Diese scheinen nun tatsächlich wieder an der Staatsspitze zu grassieren - unter ihrem Nachfolger.

Zudem würde der Großeinkauf lateinamerikanischer Rohstoffe durch die Chinesen die Wirtschaft des Kontinents überwiegend in einer einseitigen Weise auf diese festlegen. Auf diese Weise geraten die Ziele des Aufbaus einer eigenen verarbeitenden Produktion und der Entwicklung innovativer Technologien in den Hintergrund.

Diese Problematik ist auch dem chinesischen Partner durchaus bewusst.

Wir müssen die Beziehungen zwischen Lateinamerika und China aktualisieren", sagte der chinesische Premierminister Li Keqiang 2015 in Brasilien. "Auf lange Sicht können wir uns nicht vorstellen, dass Lateinamerika nur ein Lieferant von Rohstoffen nach China, und dass China eine Fabrik von billigen Produkten für Lateinamerika bleibt."

Im vergangenen Jahrzehnt der hohen Rohstoffpreise haben die linken oder progressiv-sozialdemokratischen Regierungen in Bolivien, Ecuador, Argentinien, Venezuela, aber auch Brasilien und Chile gute Wachstumsraten erzielt. Sie investierten in Sozialprogramme, Bildung, medizinische Versorgung, sozialen Wohnungsbau und Infrastruktur in der Hoffnung, auf diese Weise die Armut endgültig zu überwinden.

Die Zeit war zu kurz bemessen, der plötzliche internationale Preisverfall beim Erdöl und Erdgas läutete wiederum Wirtschaftskrisen ein. Deutlich wurde, dass die angestrebte eigene industrielle Entwicklung mehrheitlich noch nicht stark genug ist, um den betroffenen Ländern die Unabhängigkeit vom Rohstoffexport zu ermöglichen. Nach wie vor scheint dieser die überwiegende Lebensader Lateinamerikas zu sein – und bis auf Weiteres zu bleiben.

Symbolbild

Zudem haben im gleichen Zeitraum Länder wie Mexiko, Kolumbien oder Peru weite Teile ihres Staatsgebietes mittels Bergbaukonzessionen unter kolonial anmutenden Bedingungen an Weltkonzerne verhökert. Mexiko hat privaten Unternehmen beispielsweise 30 Prozent seines Staatsgebiets zur Ausübung von Schürfrechten freigegeben. In Peru sind es 25 Prozent, in Kolumbien gar die Hälfte des Landes. Das Ausmaß der Umweltzerstörung ist katastrophal. So vergiftet eine große Gold- Silber- oder Kupfermine beispielsweise täglich so viel Wasser wie eine Stadt von 1,5 Millionen Einwohnern im gleichen Zeitraum verbraucht. Doch auch Infrastrukturprojekte oder die Monokulturen der Agroindustrie bringen oft Umweltschäden und soziale Konflikte mit sich.

Für die einheimische Bevölkerung, gerade auch die indigenen Einwohner der ländlichen Gebiete, münden diese Land- und Umweltkonflikte regelmäßig in Erfahrungen rücksichtsloser Repression und Vertreibung. Dabei müssten sie aufgrund des historischen Genozids, der mit dem Kolonialismus einhergegangen war, eigentlich ein besonderes Anrecht auf Schutz genießen.

Neben den überwiegend kanadischen und US-amerikanischen Bergbaukonzernen, dem britischen AngloGold Ashanti oder dem Schweizer GLENCORE operieren in wachsender Zahl auch chinesische Unternehmen in Lateinamerika. Bekannt sind diesbezüglich unter anderem Shougang Hierro und MMG Limited in Peru, die Gesellschaft ECSA Explorcobres S.A. in Ecuador und Paradox Global Resources in Mexiko. In Brasilien, Venezuela, Argentinien und Kolumbien sind wiederum die chinesischen Erdölförderfirmen Sinopec, Petrochina, China Petrol, Cnooc und Andes Petroleum aktiv. 

Der Giftschlamm des Rio Doce ergießt sich mittlerweile schon in den Atlantik

Die chinesischen Förderfirmen sind wie auch andere ausländische Unternehmen in soziale Konflikte und Verstöße gegen Umweltschutzbestimmungen verwickelt. Dabei legen sie - mit wenigen Ausnahmen – auch ähnliche zweifelhafte Praktiken an den Tag. Oft steht die einheimische Bevölkerung mit dem Rücken zur Wand, manchmal werden ihre berechtigten Anliegen von politischen Kräften mit dubiosen Zielen benutzt und missbraucht. 

Hier wäre es eigentlich die Aufgabe der chinesischen Regierung, als Garant für die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards zu intervenieren. Immerhin ist die staatliche Wirtschaftsdiplomatie die Wegbereiterin für chinesische Unternehmen. Ähnliches gilt für Regierungen von Herkunftsstaaten westlicher Konzerne.

Der einseitige Charakter der chinesischen Partnerschaften mit Lateinamerika, der in der Kritik steht, verdeutlicht jedoch nur einen Teil der Entwicklung. Zahlreiche Beispiele für eine Zusammenarbeit auf höchstem technologischem Niveau weisen auch in eine andere, erfreulichere Richtung.

Im Folgenden ein kurzer Überblick:

BRICS-Staaten

Im November 2016 fand ein erstes Treffen von Weltraumagenturen der BRICS-Staaten statt. Dessen Teilnehmer kamen überein, eine gemeinsame Satelliten-Gruppe zur Fernerkundung der Erde einzurichten und ihre Zusammenarbeit im Weltall zu intensivieren.

Venezuela

Bereits 2008 wurde von der Raketenbasis Xichang aus der erste venezolanische Satellit Venesat-1 in den Weltraum befördert, dem 2012 ein zweiter folgte. Auch 52 einheimischen Ingenieuren wurden in diesem Zusammenhang Ausbildung und Praxis zuteil. Zudem ist ein Konstruktions- und Forschungszentrum zum Bau von kleineren Satelliten in Betrieb. Daneben investierte China in den Bereichen der Erdölindustrie, der Petrochemie, des Bergbaus, des Tourismus, des Bauwesens, des Forstwesens, der Militärindustrie und der Banken.

Ecuador

In Ecuador finanziert China das ehrgeizige Projekt der "Stadt des Wissens". Es handelt sich dabei um eine völlig neu erbaute Stadt, in der Wohn- und Lebensbereiche mit öffentlichen und privaten Forschungseinrichtungen, Universitätsgebäuden und Zentren des Technologietransfers kombiniert wurden. Firmen, die auf hohem technischem Niveau arbeiten, arbeiten dort mit Bildungseinrichtungen zusammen und studieren auch die überlieferten indigenen Kenntnisse in Biologie, Landwirtschaft und Medizin.

YACHAY ist das größte und modernste Projekt seiner Art in ganz Lateinamerika. Hier soll ein Wirtschaftsmotor entstehen, der es den Volkswirtschaften ermöglichen soll, sich von den Abhängigkeiten eines Rohstoffexportlandes zu befreien.

Bereits 2011 hat Ecuador mithilfe Chinas einen Windmühlenpark installiert. Beim Besuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping 2016 wurden zudem elf Abkommen über Finanzierung, Kommunikation, Gesundheitswesen, Kultur, produktive Strategien sowie eine Kooperation zur Bewältigung der Folgen des Erdbebens in Ecuador abgeschlossen.

Bolivien

Wir wollen die Weiterverarbeitung unserer Bodenschätze in Bolivien unter der Kontrolle des Volkes", erklärte im Jahr 2016 Präsident Evo Morales.

Bolivien hat mit China eine Reihe von Kooperationsverträgen im Bereich der Raumfahrttechnik abgeschlossen. Seit 2014 besitzt das Land ebenfalls einen Satelliten, Tupac Katari. Außerdem verhandelt La Paz seit 2016 mit den Chinesen über Flugzeuge, Hubschrauber, Telekommunikation, Züge, Straßenbau, Zuckerproduktion und Bergbau. Auch ein Flughafen und eine U-Bahn in der Hauptstadt sind im Gespräch. China hat zudem den Bau des riesigen Eisenhüttenwerks Mutún ermöglicht. Dies ermöglicht eine technologische Ausbildung einheimischer Arbeitskräfte. 

Im Fall der Lithiumgewinnung in Bolivien wurde 2016 ein deutsches Unternehmen mit dem Bau einer Produktionsanlage beauftragt, während China dafür finanzielle Unterstützung leistet.

Brasilien

Der gemeinsame Entwicklungsplan 2015 bis 2021 stellt die Beziehung zwischen beiden Nationen auf eine höhere Stufe",

sagte 2015 Brasiliens damalige Präsidentin Dilma Rousseff anlässlich des Besuchs einer hochrangigen chinesischen Delegation im Land. Seit 2009 ist China Brasiliens größter Handelspartner. Im Mai 2015 vereinbarten beide Nationen ein Investitionspaket.

Dieses umfasst insgesamt 35 Projekte im Wert von 53 Milliarden Dollar. Es handelte sich dabei um Vorhaben in Bereichen wie der Energie, der Kommunikation, der Satellitentechnik, im Transport, bei den Finanzen, ferner für Lebensmittel, Bildung und Sport. Eines der Projekte ist der Bau einer innerbrasilianischen Eisenbahnstrecke zwischen dem Atlantik und der peruanischen Pazifikküste. Zudem fassten Peking und Brasilia die Schaffung eines neuen Stahlwerkes und die Errichtung weiterer Hochspannungsleitungen ins Auge. China hat in Brasilien seinerseits insgesamt acht große Schiffe zum Transport von Stahlerzeugnissen gekauft sowie 60 Flugzeuge. 

Argentinien

Argentinien und China vereinbarten bereits 2008 die Schaffung eines gemeinsamen Zentrums für Wissenschaft und Technologie. Es geht dabei unter anderem um Biotechnologie, Mikrotechnologie und die Konservierung von Lebensmitteln. Seit 2010 hat China Finanzmittel und technische Zusammenarbeit in den Bereichen Windenergie, Biogas, Bergbau, Transport, Forstwirtschaft, Medikamente und Veterinärmedikamente, Energie und Landwirtschaftsmaschinen beigesteuert. 

Der Vize-Handelsminister der Volksrepublik, Tong Daichi, äußerte dazu im Jahr 2015:

China will das Handelsvolumen mit den Ländern Lateinamerikas vervielfältigen und Produkte mit höherer Wertschöpfung importieren. Wir hoffen unsererseits, dass lateinamerikanische Länder mehr Produkte exportieren, die dem chinesischen Markt gerecht werden."

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