"Castro verkörperte einen Traum": Politisches Russland diskutiert den Tod des Revolutionsführers

"Castro verkörperte einen Traum": Politisches Russland diskutiert den Tod des Revolutionsführers
Der Anführer der kubanischen Revolution, Fidel Castro, und der Vorsitzende der Ministerrates der UdSSR, Nikita Chruschtschow, auf der Tribüne des Lenin-Mausoleums am 1. Mai 1963. Das Bild zeigt Castro während seiner legendären, einmonatigen ersten Reise in die UdSSR.
Seit über 25 Jahren gehen die ehemaligen Verbündeten unterschiedliche Wege. Der Begriff "Insel der Freiheit" beschreibt am treffendsten die sowjetische Kuba-Romantik. Sie ist in Russland bis heute nicht in Vergessenheit geraten.

Die Begeisterung für Kuba war ein Teil des sowjetischen Lebensgefühls. "Kuba, meine Liebe, die Insel der glutroten Morgenröte", hieß es in einem bekannten sowjetischen Lied, das vielen Menschen in den ehemaligen Republiken angesichts der Todesnachricht wieder in den Sinn gekommen sein dürfte.

Die von Fidel Castro angeführten kubanischen Revolutionäre stürzten am 1. Januar 1959 den als Statthalter der USA geltenden, diktatorisch regierenden Staatschef Fulgencio Battista und befreiten das Land. Eine Konfrontation mit dem mächtigen Nachbarn konnten sich die Kubaner aber nicht leisten. Sie befürchteten eine Invasion der USA und suchten deshalb nach Unterstützung von außen. Die Sowjetunion eilte zu Hilfe und baute auf diese Weise ihren Einfluss in der Region aus. Die damit verbundene Öffnung eines riesigen Absatzmarktes für kubanischen Rohrzucker und unbefristete Kredite konnte für den Inselstaat die Folgen der durch die USA nach dem Sturz Battistas verhängten Wirtschaftsblockade lindern.

Angesichts wiederholter Versuche vonseiten der USA, die revolutionäre Regierung zu stürzen, intensivierte Fidel Castro auch die militärische Zusammenarbeit mit der UdSSR. Damit wurde Kuba zu einem der Schauplätze des Kalten Krieges. Als Antwort auf die Stationierung US-amerikanischer Nuklearwaffen auf dem Territorium der Türkei ließ die Sowjetunion im Gegenzug eigene Streitkräfte auf Kuba stationieren, Nuklearwaffen inklusive.

Als diese ursprünglich geheime Strategie aufflog, brach in Oktober 1962 die so genannte Kubakrise aus. Als einer der Höhepunkte des Kalten Krieges ging sie weltweit in die Schulbücher ein. Der Rolle von Fidel Kastro in diesem Zusammenhang beschrieb der seit 1993 amtierende Vorsitzende der Kommunistischen Partei Russlands (KPRF), Gennadij Sjuganow:

Die Entschlossenheit von Fidel Castro zu einer offenen Konfrontation half uns, die nukleare Katastrophe zu vermeiden. Da die Amerikaner diejenigen waren, die Nuklearwaffen bereits benutzt hatten, konnten nur die unmittelbare Abschreckung sie davon abhalten, sie abermals anzuwenden. Sie hatten verstanden, dass sie auch verwundbar sind.

Die Castro-Regierung übernahm weitgehend das sowjetische Gesellschaftmodell. Sie verstaatlichte das Privateigentum an Produktionsmitteln und ließ nur eine politische Partei zu, die Kommunistische Partei Kubas. Fast über drei Jahrzehnte hinweg befanden sich die beiden sozialistischen Staaten in regem wirtschaftlichem, gesellschaftlichem und kulturellem Austausch. Fidel Castro besuchte zehn Mal die Sowjetunion. Die Sowjetunion half seinem Land maßgeblich beim Aufbau des bis jetzt für lateinamerikanische Verhältnisse als fortschrittlich geltenden Gesundheitswesens und Bildungssystems.

Im Jahre 1990 strich die Sowjetunion ihr Hilfsprogramm für Kuba. Eigene wirtschaftliche Probleme und die Auflösung des Ostblocks führten zum schnellen Rückzug des untergehenden sozialistischen Weltreiches auch aus den weltweiten eigenen Einflusssphären. Der Besuch Gorbatschows auf Kuba im April 1989 ließ Fidel Castro diese Entwicklung vorausahnen. Bekannt geworden sind seine Worte aus dem Juni des gleichen Jahres:

Selbst wenn wir morgen oder an irgendeinem anderen Tag mit der Nachricht über einen Bürgerkrieg in der UdSSR aufwachen oder dass sich die UdSSR aufgelöst hat, ein Vorgang der sich hoffentlich niemals ereignen wird, dann werden selbst unter diesen Umständen Kuba und die kubanische Revolution weiterkämpfen und weiter Widerstand [gegen das US-Imperium] leisten.“

Der Rückzug der Sowjetunion und später der Russischen Föderation aus Kuba führten in den 1990er Jahren zu einer humanitären Katastrophe in dem Land, das jahrelang auf Hilfe angewiesen war. In den letzten Jahren intensivierten sich indessen die Kontakte zu Kuba wieder. Im Vorfeld des Besuchs Wladimir Putins im Juli 2014 erließ die Russische Föderation Kuba insgesamt 31,7 Milliarden an Staatsschulden, was 90 Prozent der gesamten Verbindlichkeiten der Zuckerinsel ausmachte.

Der nunmehrige Tod des langjährigen kubanischen Staatschefs und in vielen Teilen der Welt bis heute hoch angesehenen Revolutionsführers Fidel Castro erzeugte in Russland ein enormes Medienecho.

Folgende Castro-Zitate fanden Einzug in die populärsten politischen Wochenschau-Sendungen des russischen Fernsehens:  

Kapitalismus ist abstoßend. Er trägt den Krieg, die Heuchelei und die Rivalität.

Verurteilen Sie mich. Das hat nichts zu bedeuten. Die Geschichte wird ein Urteil über mich fällen.

Leben ohne Ideen bedeutet nichts. Es gibt kein größeres Glück, als für sie zu kämpfen.

Man kann keines der globalen Probleme in der Welt mit Gewalt lösen. Es gibt keine globale Kraft, technologische Kraft oder Militärmacht, die völlige Sicherheit garantieren würde.

Russlands Präsident Wladimir Putin und Kubas Staatschef Fidel Castro während des "Millenniumsgipfels" in New York am 8. September 2000.

Zehntausende Russen hatten über Jahre auf Kuba gearbeitet, viele sind dort geboren. Einer von ihnen ist der bekannte Journalist Sergej Briljow, der Autor der Wochenschau "Nachrichten am Samstag" beim Fernsehsender Rossija 1. Im Rahmen seines Auftritts ließ er die Epoche von Fidel Kastro Revue passieren.

So kritisierte der Journalist die kubanische Führung dafür, dass sie das sowjetische Modell auch mit seinen negativen Seiten übernahm. Eine zu starke Rolle der Geheimdienste und ein ineffizientes Kommandosystem in der Wirtschaft verursachten auf Kuba Armut und einen starken Wunsch nach Auswanderung. Er hielt der Regierung aber zugute, dass sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein speziell dafür eingerichtetes Zentrum beauftragt hat, die Fehler der sowjetischen Führung zu Zeiten der Perestroika zu analysieren, um dem Schicksal der Sowjetunion nicht zu folgen.

Quelle: https://twitter.com/vencancilleria

Trotz erheblicher wirtschaftlicher Probleme hatten die Brüder Castro und ihre Partei stets einen enormen Rückhalt in der Bevölkerung. Wäre es dem aktiven Teil der Bevölkerung ein Anliegen gewesen, die Regierung zu stürzen, hätte sie das problemlos geschafft, so Briljow. Ein sehr hoher Prozentsatz davon sei bewaffnet. Der Journalist, der Kuba bereits 26 Mal besucht hatte, verwies auf eine eigentümliche Mentalität und einen großen Nationalstolz bei den Kubanern hin. Sie hätten ihre Staatsbürgerschaft nur zwei Ausländern verliehen, einer von ihnen war der in Argentinien geborene Revolutionär Che Guevara.

Sie haben uns unseren Verrat verziehen", fasste Briljow während seines Auftritts in einer Talkrunde zusammen und meinte damit den hastigen Rückzug Russlands und die Preisgabe der Militärbasen auf Kuba.

In seiner Sendung zeigte er Ausschnitte aus seinem eigenen Interview mit Daniel Ortega, dem einstigen Anführer der sandinistischen Rebellen und langjährigen Präsidenten von Nicaragua. Dieser würdigte die Rolle Fidel Castros und dessen weltweiten Einsatz für den antikolonialen Kampf in Afrika und Lateinamerika.   

Seit einigen Jahren begreift sich Russland wieder als eine führende Kraft im Kampf gegen die hegemoniale Machtausübung vonseiten westlicher Staaten. Dies hat auch das Verhältnis zwischen beiden Staaten wieder stark verbessert. So unterstütze Kuba Russland in der UNO-Abstimmung zur Krim-Frage.

Als erste Nachrichtenagenturen die Meldung vom Castros Tod bekannt gaben, würdigten ihn führende russische Politiker und Personen des öffentlichen Lebens und wiesen auf seinen Platz in der Geschichte hin. Man spekulierte sogar darüber, ob der russische Staatschef Wladimir Putin zu der Beerdigung von Fidel Castro reisen wird, die für den 4. Dezember angesetzt ist.

Während Kubas Revolutionsführer im Westen auch anlässlich seines Todes als

Die Legende von Fidel Castro ist in Russland allen politischen Verwerfungen der letzten Jahrzehnte zum Trotz immer lebendig geblieben.

Fidel Castro war die Verkörperung eines Traums", brachte der Schriftsteller Alexander Prochanow diese Bewunderung ganz persönlich auf den Punkt.

Es gibt verschiedene Meinungen zu der Frage, ob mit dem Tod Fidel Castros auch eine "Epoche, deren Symbol er war" (Wladimir Putin) gegangen ist. Der Politologe und Talkshow-Moderator Dmitri Kulikow meint, dies sei nur eine "Quasi-Diskussion" und legt einen größeren zeitlichen Maßstab an:

Fidel und unsere russische Revolution waren die Vorboten der neuen Epoche. Diese Epoche ist nirgendwohin gegangen. Wir leben in einer komplizierten Zeit der Umbrüche und das, was Fidel machte und was er geleistet hat, dessen Symbol er war, all das kann zum Symbol der neuen möglichen Epoche werden. Und eventuell haben wir sogar das Glück, an deren Anfang zu leben. Er ist natürlich der Held im direkten Sinn dieses Wortes. Und die Helden gehen nicht aus der Geschichte, sie leben in ihr. Immer.

Am gestrigen Montag gab der Pressesprecher des Kremls, Dmitri Peskow, bekannt, dass der Vorsitzende der russisch-kubanischer Regierungskommission, Dmitri Rogosin, und der neu gewählte Sprecher der Duma, Wladimir Woloschin, den russischen Präsidenten auf dem Begräbnis vertreten werden.

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