Kolumbien: Die Jugend bringt den Stein ins Rollen - Massendemonstrationen für den Frieden

"Gemeinsam für den Frieden" - Transparent von Unterstützern des Friedensabkommens auf dem Bolivar-Platz in Bogota.
"Gemeinsam für den Frieden" - Transparent von Unterstützern des Friedensabkommens auf dem Bolivar-Platz in Bogota.
Nach dem überraschenden Nein der Bevölkerung in der Volksabstimmung über den Friedensvertrag zwischen Kolumbiens Regierung und der FARC-Guerilla nehmen junge Bürger das Heft in die Hand. In Massenkundgebungen werben sie für einen "Frieden von unten".

von Maria Müller

In der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá und in zahlreichen weiteren Städten fanden massenhaft besuchte Schweigemärsche für den Frieden statt. Sowohl Befürworter des "Ja" zur jüngst abgeschlossenen Friedensvereinbarung als auch solche des "Nein" gingen gemeinsam auf die Straße.

Die Mobilisierungswelle sollte vor allem der Vorstellung Ausdruck verleihen, dass das Recht auf Frieden jedem einzelnen und der ganzen Bevölkerung gehöre – und dass er deshalb nicht hinter verschlossenen Türen unter den so genannten Eliten ausgehandelt werden könne.

Darüber hinaus betonten die Demonstranten, es gelte die Spaltung des Landes, die sich anhand des Ergebnisses des Plebiszits offenbarte, mittels eines großen landesweiten Dialogs zu überwunden. Daran wollen sich die "Leute auf der Straße" massiv beteiligen. Nur auf diesem Wege könnten die einzelnen Punkte des Friedensabkommens mit der FARC auch von der großen Mehrheit akzeptiert und mitgetragen werden. Außerdem könnten nur auf diesem Wege wirkliche Erneuerungen in wichtigen Bereichen der kolumbianischen Gesellschaft in Gang kommen.

Kämpfer der FARC auf der Zeremonie für den Abschluss des Friedensvertrags in El Diamante, Kolumbien, September 2016.

Ein landesweiter Diskussions- und Verständigungsprozess, wie er nun gefordert wird, wäre offenkundig bereits vor der Volksabstimmung notwendig gewesen. Noch kurz vor der Abstimmung hatten in Meinungsumfragen gerade einmal sieben Prozent der Interviewten bestätigt, die Inhalte der Friedensvereinbarungen im Detail zu kennen. Nur so konnten Millionen Kolumbianer eine leichte Beute der professionell gesteuerten, demagogischen Kampagne des Ex-Präsidenten Alvaro Uribe und einer Medienhetze des "Nein"-Lagers im Stile des Kalten Krieges werden.

Für den Frieden und die Hoffnung", stand auf den Transparenten des Schweigemarsches in Bogotá, einer Stadt, in der die "Ja"-Stimmen klar überwogen haben. Und man ist sich auch in weiteren Forderungen einig: "Kein einziges Opfer mehr für diesen Krieg! Endgültiger Waffenstillstand!"

Tausende Menschen versammelten sich anlässlich der Großkundgebung auf dem zentralen Bolivar-Platz. Die Kundgebung lieferte reichlich Material für eindrucksvolle Bilder von Menschen mit Kerzen, von weißen Fahnen und geballten Fäusten. Über dem Platz lag ein tiefes Schweigen, das auch die Demonstrationen begleitete.

Zu der Kundgebung aufgerufen hatten Studenten von 26 Universitäten in 13 Städten Kolumbiens. Auch spontan gegründete Organisationen wie #PazalaCalle ("Den Frieden auf die Straße), die von nun an jeden Montag öffentliche Kundgebungen abhalten will, waren dabei. Auch die Bewegung "Marcha Patriótica" (Patriotische Demonstration) und der "Kongress des Volkes", ein Zusammenschluss sozialer Bewegungen, wollen präsent bleiben. Auch am Donnerstag und am Wochenende demonstrierten Tausende.

Wir werden das Friedensabkommen in seiner gegenwärtigen Fassung aktiv verteidigen", betonte ein Sprecher von Marcha Patriótica. "Es wurde von der Regierung und der FARC unterzeichnet und den internationalen Institutionen übergeben. Sechs Millionen Kolumbianern haben es unterstützt."

Auch für den 14. Oktober ruft Marcha Patriótica zu einer landesweiten Mobilisierung auf.

Die Mobilisierung durch die Jugend ist wunderbar, sie macht uns neue Hoffnung", freut sich auch die frühere Senatorin Piedad Córdoba. "Überall sieht man glückliche Gesichter. Und vor allem sind sie gegen diese Absprachen unter den Eliten, die glauben, dass sie den Frieden alleine unter sich aushandeln können."

María Herrera, eine 25-jährige Studentin, gibt zu bedenken:

Die Politiker des "Ja" und des "Nein" [zum Abkommen, d. Red.] glauben, sie könnten die große landesweite Übereinkunft allein unter sich im Regierungspalast ausmachen. Die wahre nationale Bürgerverständigung erleben wir heute auf den Straßen Bogotás und sie hat auch in den anderen Städten begonnen.

José Burgos, ein Ingenieurstudent der Universität von Javeria und Aktivist der Gruppe "Bürger von Javeria für den Frieden", äußerte sich am Rande der Kundgebung so:

Wir hatten die Idee, wenn das "Ja" bei der Volksabstimmung gewinnt, alle dazu einzuladen, bei unserer Bewegung mitzumachen, auch diejenigen, die für das "Nein" gestimmt haben. Jetzt, wo das "Nein" gewonnen hat, haben wir die gleiche Idee: Wir sollten alle zusammen für unser Land arbeiten und gemeinsam diskutieren, was wir dafür tun müssen. Wir Jungen wollen, dass der Konflikt durch eine Verhandlungslösung zu einem guten Ende kommt, sei es mit diesem Abkommen oder mit einem neu verhandelten Vertrag. Doch der endgültige Waffenstillstand muss bleiben. Wir wollen alle in Frieden leben.

Am Freitag, als bekannt wurde, dass der Friedensnobelpreisträger aus Kolumbien kommen würde, war Medellín der Schwerpunkt der Friedenskundgebungen.

Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos nach Bekanntgabe des Friendesnobelpreises.
Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos nach Bekanntgabe des Friendesnobelpreises.

Hunderttausende hatten sich auf den Straßen Kolumbiens eingefunden, schwerpunktmäßig in der über lange Jahre hinweg durch die Kriminalität der Drogenkartelle gepeinigten Stadt. Zu der Kundgebung fanden sich Massen ein, die meisten Teilnehmer waren in Weiß gekleidet, trugen Kerzen und weiße Fahnen. "Der Frieden gehört uns", stand auf großen Transparenten.

UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon sagte aus Anlass der Verleihung des Friedens-Nobelpreises an den Präsidenten Juan-Manuel Santos:

Der Frieden in Kolumbien ist schon zu weit fortgeschritten, als dass er wieder zurückgenommen werden könnte.