Brasilien: Deodoro, der Folterkeller unter dem Olympia-Park

Brasilien: Deodoro, der Folterkeller unter dem Olympia-Park
Gestern endeten die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro. Es feiern die fünf Medaillen-Sieger USA, Grossbritannien, China, Russland und Deutschland, es zelebriert das Internationale Olympische Komitee (IOC). Doch in Brasilien wurden die Spiele gemischt aufgenommen und zum Feiern war den Wenigsten zumute. An der gedrückten Olympia-Stimmung der Brasilianer hatten auch die von westlichen Medien totgeschwiegenen Leichen unter dem Olympia-Park ihren Anteil.

von Frederico Füllgraf

Die Tageszeitung Folha de São Paulo schätzte bereits Ende Juli, dass sich die Einnahmen des  IOC auf fünf bis sechs Milliarden Euro belaufen. Die Gewinne stammten hauptsächlich aus dem Verkauf von Eintrittskarten und medialen Übertragungsrechten. Insgesamt dürften die Gewinne etliche Millionen über den Einnahmen liegen, welche die FIFA im Jahr 2014 mit der Fußball-WM machte.

Von der beachtlichen Geldsumme profitiert das Austragungsland kaum. Noch schlimmer: Obwohl das Land mit den Spielen rund zehn Milliarden Euro an Unkosten einfährt, musste Brasilien dem IOC die Mehrheit der landesüblichen Steuern erlassen. Allein eine Milliarde machte der Steuerverlust für den Olympischen Park Deodoro aus.

Die Mehrheit der 80 Millionen erwerbstätigen Brasilianer hat ebenfalls keinen Grund zum Feiern. Zur Zeit beträgt die Arbeitslosigkeit 11,3 Prozent. Eine halbe Million Menschen verloren allein in den ersten beiden Monaten der Übergangsregierung Michel Temer ihren Job. Das durchschnittliche Grundeinkommen schmolz um 4,3 Prozent dahin.

Die totgeschwiegenen Leichen unter dem Olympia-Park

Zum Feiern gibt es überhaupt keinen Grund. Schon gar nicht im Olympia-Park Deodoro, mahnen Brasilianische Menschenrechtler. Sie erinnern an die zweifelhafte Geschichte mancher Sportstätte. Deodoro liegt im Zentrum der größten Kasernen-Anlage Brasiliens, genannt Vila Militar.

„Heute ist Deodoro nur deshalb ein Festplatz, weil aufgehäufte Erdschichten das Gedenken an jene makabre Zeiten verschüttet haben“, beschreibt Wadih Damous die Situation. Die Verbrechen unter der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 sind bis heute nicht aufgearbeitet. Der ehemalige Vorsitzende der Juristen-Vereinigung OAB in Rio de Janeiro und amtierende Senator der Arbeiterpartei kritisiert die Geschichtsvergessenheit des Landes.

„Brasilien ist das Land des Vergessens, der Unterlassungen und des Wegsteckens!“

Vor 45 Jahren stand dort, wo auf dem Trümmerboden der heutige Olympia-Park errichtet wurde, die Kaserne der gefürchteten 1. Kompanie der Militärpolizei. Ihre Keller dienten als Vernehmungsräume für verhaftete Oppositionelle. Hier wurden die Gefangenen den übelsten Foltermethoden unterzogen. 

Die Liste der Misshandlungen reicht von der Papageienschaukel über Auspeitschung oder Stehen auf scharfkantigen Metalldosen, zu Elektroschocks an Genitalien und Vergewaltigungen. Mindestens elf Gefangene – vor allem aus der Guerilla-Organisation VAR-Palmares, der auch Präsidentin Dilma Rousseff angehörte, fanden hier den Foltertod.

Als anonyme "Obdachlose" begraben

Nebenan, wenige Meter von der Stelle, an der gerade das Kanu-Slalom und die Mountain Bike-Wettkämpfe stattfanden, befindet sich ein ärmlicher Friedhof. Hier bestattet die untere Mittelschicht aus Rios Schlafstädten seit 100 Jahren ihre toten Angehörigen. Zwischen 1971 und 1973 ließen die Militärs hier ermordete politische Gefangene „entsorgen“. Das ergab die von Präsidentin Rousseff eingesetzte ‚Nationale Kommission für die Wahrheit‘.

Die Kämpferinnen und Kämpfer, die als Namenlose unter dem Zeichen NN auf dem Deodoro-Friedhof versteckt wurden, bettete man später in ein geheimes Massengrab um. Zwischen den sterblichen Überresten von annähernd 2.000 „Mittellosen“ ist ihre Identifizierung praktisch unmöglich. Zudem hatten die Militärs die Leichen oft verstümmelt, um künftigen Forensikern die Identifizierung zu erschweren.

Reuelose Leugnung

Nach zweijährigen Anhörungen und Zeugenvernehmungen tausender Überlebender, kam die Kommission in ihrem Abschlussbericht zu den Ergebnis, dass mindestens 377 Militärs und Polizisten daran beteiligt waren, Oppositionelle zu ermorden und „verschwinden zu lassen“. Die brasilianischen Streitkräfte leugnen die Verbrechen bis heute. Sie rechnen auf, dass angeblich 100 Soldaten und Zivilisten die „Opfer der subversiven Linken“ gewesen seien.

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Dass Präsidentin Roussef eine Wahrheitskommission bildete, stieß unter den Militärs auf erboste Ablehnung. Längst pensionierte Offiziere aus den Zeiten der Diktatur, in Brasilien, 'Generäle in Pyjamas’ genannt, machten gegen das Projekt gemeinsam mit der neuen Generation von Militärs Front.

Einzelne Polizisten und rechtsextremistische Offiziere wie etwa Jair Bolsonaro quittierten sogar vorzeitig ihren Dienst. Stattdessen machte Bolsonaro Karriere als Abgeordneter von Splitterparteien in Brasilia. Er ist auch einer der Drahtzieher hinter den aktuellen Massenaufmärschen gegen Dilma Rousseff. 

Als die Wahrheitskommission im Dezember 2014 ihren Abschlussbericht vorlegte, richtete Bolsonaro eine wütende Attacke gegen die Staatspräsidentin. Er nannte sie eine „kommunistische Terroristin“ und attackierte die Institutionen des Rechtsstaats.

Seitdem die Demokratisierung in den 1980er Jahren begonnen hat, behinderte die Justiz jeden Versuch, die Militärs zur Rechenschaft zu ziehen. Dafür hätte ihre „Selbst-Amnestierung“ in der Verfassung annulliert werden müssen. Auch erkannte der Staat niemals einen Grund, sich bei den Opfern für die in seinem Namen begangenen Verbrechen zu entschuldigen. Anders als in Argentinien und Chile wurde kein einziger der nahezu 400 Folterknechte jemals verurteilt.