Pinochet, die CIA und die Medien – Chiles größter Zeitungsverleger für Rolle bei Putsch angeklagt

Bis heute trauern in Chile Angehörige um die Opfer des von den USA unterstützten Staatsstreichs
Bis heute trauern in Chile Angehörige um die Opfer des von den USA unterstützten Staatsstreichs
In Chile steht mit Agustín Edwards Eastman nun jener Medienmogul vor Gericht, der in den 1970ern maßgeblich am Sturz von Salvador Allende und der Errichtung der Pinochet-Diktatur beteiligt war. Die Untersuchungen werfen ein helles Licht auf die tiefen Verstrickungen der CIA am Umsturz. Der Regime Change sollte dem Geheimdienst als Blaupause für weitere Einmischungen in die inneren Belange anderer Staaten dienen. Nicht nur für „Verschwörungs“-Fans sind die Enthüllungen daher interessant.

Von RT Deutsch Lateinamerika-Korrespondent Frederico Füllgraf

Die Nachwirkungen des von der CIA gestützten Staatsstreiches in Chile halten immer noch das Land in Atem. Sechsundzwanzig Jahre nach Ende der Militärdiktatur Augusto Pinochets steht nun Agustín Edwards Eastman, Chiles größter Zeitungsverleger, zum zweiten Mal wegen seiner politischen Vergangenheit vor Gericht. Kläger sind die beiden größten Menschenrechtsorganisationen des Landes – der Familien-Verband Verschwundener Politischer Gefangener (AFDD) und die Vereinigung der Familienangehörigen Politischer Mordopfer (AFEP) – sowie die Journalistengewerkschaft “Colegio de Periodistas de Chile”.

Anti-Regierungsproteste in Brasilien

"Wir fordern Anklage gegen einen Anstifter zum Aufruhr und Sturz einer Regierung, der dem demokratischen System in Chile 1973 ein Ende setzte und eine siebzehnjährige Diktatur errichtete, die tausende Chilenen verschwinden und töten ließ”, erklärte Javiera Olivares, Vorsitzende der Journalistengewerkschaft.

Die Strafanzeige gegen den chilenischen Medienmogul steht im Zusammenhang mit den von Richter Mario Carroza 2013 aufgenommenen Ermittlungen über die Mittäterschaft zahlreicher Zivilisten am blutigen Staatsstreich vom 11. September 1973.

Dennoch tadelte Lorena Pizarro, Sprecherin des Opferverbandes AFDD, die chilenische Justiz, die “den Verbrechern gegen die Menschenrechte und Agustín Edwards Eastman, als Anstifter zum Staatsstreich und Befürworter der Diktatur, längst hätte den Prozess machen können". Zu den mutmaßlichen Mitwissern und Helfershelfern zählt eine Schar von Anwälten, Unternehmern, Wirtschaftswissenschaftlern, Großgrundbesitzern und Journalisten.

Dass diese Untersuchungen erst sehr spät aufgenommen wurden, liegt darin begründet, dass sie auch seit Beginn der Demokratisierung in den 1990er Jahren von erzkonservativen Politikern, Wirtschaftsverbänden, Medien und einzelnen Richtern hintertrieben wurden.

Die Anregung für seinen Prozess bekam Richter Carroza von seiner uruguayischen Kollegin Mariana Mota, die weltweites Aufsehen erregte, als sie das 2012 verhängte Urteil einer 30-jährigen Haftstrafe gegen den zivilen Ex-Diktator Uruguays, José María Bordaberry, zum ersten Mal in der Geschichte der internationalen Jurisprudenz mit dem Rechtsbegriff des “Staatsstreichs als Verbrechen gegen die Menschlichkeit” begründete.

Agustín Edwards Eastmans amerikanische Freunde

Um den US-amerikanischen Geheimdienst rankt sich so manche Verschwörungstheorie, doch die Strafanzeige der chilenischen Menschenrechtler stützt sich auf längst erwiesene Tatsachen.

Als Nachfahre des gegen 1802 im nordchilensichen La Serena gestrandeten, britischen Freibeuters George Edwards Brown pflegte Agustín Edwards nach langem Studienaufenthalt an der Woodrow Wilson-Akademie und der Universität Princeton schon in den 1950er Jahren enge Kontakte zum US-amerikanischen Establishment, insbesondere zu David Rockefeller, der heute noch als fast 100-jähriger Greis im Rollstuhl oft gesehener Gast auf Edwards Gutshof an den Ufern des südchilenischen Ranco-Sees ist.

Die Putschisten haben in den umliegenden Gebäuden der Moneda, des Amtssitzes von Allende Stellung bezogen.

Im Amt des designierten Allein-Herausgebers des Mercurio, waren ihm in den 1960er Jahren die vom damaligen, christdemokratischen Präsidenten Eduardo Frei Montalva (1964-1970) begonnenen Reformen, insbesondere die in der katholischen Sozialdoktrin inspirierte Landreform, schon ein Dorn im Auge. So gründete Edwards ein Forschungsinstitut mit zahlreichen chilenischen Absolventen der Chicagoer Wirtschaftsschule unter Milton Friedman – die sich Frei Montalva mit der Forderung nach dem “Minimalstaat” widersetzten – und fusionierte sie mit der unheimlichen “Nautischen Bruderschaft des Südpazifiks” unter Admiral José Toribio Merino, der am 11. September 1973 den Putsch gegen Salvador Allende einleitete.

Bis zu den Präsidentschaftswahlen von 1970 arbeitete dieses frühe zivil-militärische Geheimbündnis als think tank des konservativen Präsidentschafts-Kandidaten Jorge Alessandri, der nur knapp gegen Salvador Allende unterlag, obwohl er nach Auskunft des Hinchey-Reports vom State-Department (CIA Activities in Chile — Central Intelligence Agency, Sept. 2000) mit hunderttausenden US-Dollar insgeheim finanziert worden war.

El Mercurio im Auftrag des CIA

Als Allende im Novemeber 1970 vereidigt wurde, verließ Edwards fluchtartig Chile, in Richtung USA.

Dreiundvierzig Jahre später bestätigte der inzwischen 86-jährige Edwards in seiner ersten Vernehmung durch Richter Carroza, tatsächlich Kontakte zur CIA gepflegt zu haben – aber angeblich niemals vom Geheimdienst Geld in Empfang genommen hat. Auch sei er keineswegs in umstürzlerische Umtriebe verwickelt gewesen, weil er zwischen 1970-1975 auch gar nicht in Chile gelebt hat.

Doch Edwards log. Die Hetzkampagne von El Mercurio dirigierte er aus den USA. Seit Vorlage des COVERT ACTION IN CHILE 1963-1973 STAFF REPORTS von US-Senator Frank Church, im Jahr 1974, wusste das informierte Chile von Edwards skandalösem, mit der CIA eingegangenem Tauschgeschäft: US-Dollars an den Medienmogul zur Finanzierung einer systematischen Destabilisierungs-Kampagne gegen die Regierung Allende.

Zehn Jahre später veröffentlichte Peter Kornbluh – Direktor des National Security Archives Chile Documentation Project – das Buch The Pinochet File: A Declassified Dossier on Atrocity and Accountability, mit Abdruck von Anfang des Milleniums deklassifizierten Dokumenten.

Massenproteste in Brasilien am vergangenen Sonntag

Schwarz auf weiß belegen Gedächtnisprotokolle und Geheimtelegramme vom damaligen CIA-Chef, Richard Helms, Edwards Verhandlungen mit Präsident Richard Nixon und Staatssekretär Henry Kissinger. In “The El Mercurio File” erfährt der ungläubige Leser von einer Geheimoperation, für die der CIA von 1970 bis 1973, in genauen Zahlen 1,965 Millionen US-Dollar [ca. 9 Millionen nach heutigem Wert] an Agustin Edwards zur Finanzierung der Tageszeitgung El Mercurio als Kriegsapostille gegen Salvador Allende zahlte.

Ein besonders makaberer Aspekt, den die Angehörigen der Pinochet-Opfer Edwards nicht vergessen wollen, waren die zwischen der Diktatur und der Mediengruppe El Mercurio abgekarteten Falschmeldungen, wie das “Unternehmen Colombo” von 1975, als Pinochets Geheimpolizei DINA falsche Nachrichten über angebliche “Abrechnungen zwischen linksgerichteten Terroristen” in Argentinien säte, die Edwards Tageszeitungen nachdruckten, um von der Ermordung der gleichen Oppositionellen in chilenischen Folterzentren und dem Abwurf ihrer Körper auf hoher See abzulenken.