"Nur zu eurem Besten" - US-Streitkräfte verfügen in Lateinamerika über 70 Militärstützpunkte

US-Soldaten landen auf der Luftwaffenbasis Muniz in San Juan, Puerto Ricoo.
US-Soldaten landen auf der Luftwaffenbasis Muniz in San Juan, Puerto Ricoo.
Die Administration Barack Obama ist sehr bemüht, den „Soft Power“-Kurs in ihrer Außenpolitik umzusetzen. Doch der übliche Diskurs über Freiheit, Demokratie, diplomatische Annäherung und freundschaftliche Beziehungen zu Lateinamerika stößt an seine Grenzen, wo Ordnung und Stabilität erforderlich sind. Die beiden Stichwörter sind sehr geläufig bei der Implementierung der nationalen US-Sicherheitsdoktrin auf dem Territorium Lateinamerikas.

Von Silvina M. Romano

Momentan sind die US-amerikanischen Streitkräfte auf der südlichen Halbkugel nicht nur mit ihren 70 Militärstützpunkten präsent. Ihre Anwesenheit ist auch in verschiedenen bi- und multilateralen Sicherheitsabkommen verankert, wie zum Beispiel: Plan Colombia, Regionale Anden-Initiative, Mérida-Initiative, Initiative für Regionale Sicherheit in Zentralamerika usw. Diese Abkommen umfassen unter anderem Trainings- und Ausbildungsprogramme, Waffen- und Munitionshandel und beziehen darin einerseits US-amerikanische Lieferanten, Sicherheitsbehörden wie DEA und FBI und andererseits lateinamerikanische Regierungen, Firmen und Polizeibehörden ein [1].

US-Soldaten während der Invasion der Karibikinsel Grenada 1983- Quelle: PETER CARRETTE

Der Grund dieser Gegenwart ist die „Sicherheit der Vereinigten Staaten“. Dieser Begriff bedeutet nun auch „Sicherheit und Stabilität” in jenen Territorien, von wo aus eine Bedrohung für die USA ausgehen könnte. In Trainingshandbüchern aus den 60er Jahren stand die Verbindung der beiden Termini schwarz auf weiß: „Eine mangelnde politische Stabilität und eine mangelnde sozialwirtschaftliche Ordnung in einem lateinamerikanischen Land halten die nationale Sicherheit Nordamerikas in Schach. Dementsprechend müssen die USA mit Programmen für Ausbildung und Militärhilfe taktische Maßnahmen ergreifen, um den Risiken einer solchen Instabilität durch wirtschaftliche Entwicklung und Ordnung vorzubeugen“ [2].

Somit gehört die Suche nach „Stabilität“ zum Diskurs, der in der Region seit dem Anfang des Kalten Krieges tiefe Wurzeln geschlagen hat, und der die Einmischung in die Souveränität der lateinamerikanischen Staaten irgendwie berechtigen soll. Heute kann man auf der Webseite des Südlichen Kommandos der Vereinigten Staaten (SOUTHCOM) lesen, dass eines der Ziele solcher Manöver wie UNITAS „Southern Seas 2015” die „Erfüllung der Verpflichtungen gegenüber der Region ist, die sich auf den Ausbau der Zusammenarbeit und die Förderung der Stabilität auf der Halbkugel richten“. Es liegt auf der Hand, dass diese Zusammenarbeit  nur mit jenen Staaten und Regierungen umgesetzt wird, die sich an die politischen, wirtschaftlichen und Sicherheitsregeln halten, die den Anweisungen Washingtons nicht widersprechen, wie dies in Peru, Chile, Kolumbien und Panama der Fall ist. Solche Trainings finden sogar in Brasilien statt: UNITAS schult die einheimischen Sicherheitskräfte im elektronischen Kampf, in der Luftabwehr, in der U-Boot-Jagd, indem verschiedene gemeinsame Übungen durchgeführt werden [3].

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Kurzum: Die Mission des Südlichen Kommandos der Vereinigten Staaten besteht darin, den befreundeten Nationen Trainings, Mechanismen zum Austausch von Informationen sowie technische und Infrastrukturelle Assistenz anzubieten. Es sei bemerkt, dass dies besonders die auf dem Sicherheitsgebiet tätigen US-Firmen bevorteilt. Darüber hinaus fungiert SOUTHCOM als Berater auf dem Gebiet der Aufklärung sowie bei Anti-Drogen- und Anti-Terroroperationen, wobei man den Menschenrechten „einen besonderen Wert“ beimesse [4].

Bemerkenswert ist, wie wenig man darüber in der Öffentlichkeit spricht, als ob die Präsenz solcher kooptierten Streitkräfte ein „natürlicher“ Bestandteil der Souveränität der Länder in der Region wäre. Selbst im Kontext der historischen Aufarbeitung der zwischen den 1950er und den auslaufenden 1980 Jahren durchgeführten Antirevolutionen und gewaltsamen Entführungen. Ausgerechnet im Laufe des Kalten Krieges wurde diese Hilfe in Bezug auf die Ausbildung von lateinamerikanischen Militärs in US-Akademien intensiviert. Es sei dabei nur um eine technische und keine „politisch-ideologische“ Schulung gegangen. Diese Behauptung wurde durch die Ereignisse in Chile und später in Argentinien widerlegt, wo die einheimischen Streitkräfte sich in die politische Sphäre putschten.            

Es ist auch heute alarmierend, eine Nachricht wie diese zu lesen: „Kolumbianische Unteroffiziere nehmen am Führungs-Unterricht in den Vereinigten Staaten teil. Im Rahmen des 10-tägigen Ausbildungsprogramms werden sie an den Einrichtungen der Militärbasis in Sam Houston bei San Antonio im US-Bundesstaat Texas in Führung, Organisationsleitung, Lösung von Konflikten ausgebildet und bekommen außerdem ein psychologisches Training“ [5].

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Es ist sinnvoll, einige Statistiken anzuführen, die den Grad der Abhängigkeit der lateinamerikanischen Streitkräfte anschaulich machen: Im Jahr 2014 verkauften die USA an die Staaten Lateinamerikas und der Karibik Waffen zum Gesamtwert von 1.605.861.326 US-Dollar. 2012 waren es 2.408.527.664 Dollar gewesen. 2013 wurden von den USA 12.157 Militärs aus Lateinamerika geschult, während im Folgejahr es 14.600 Mann wurden [6].

Die „Standardisierung der Streitkräfte“ gemäß den Bedürfnissen der Vereinigten Staaten läuft konstant seit dem Anfang des Kalten Krieges bis in die Gegenwart. Der zu besiegende in- und ausländische Feind wechselt ständig den Namen, ist aber immer da, um den Zweck (lies: die Aufbürdung) der „Sicherheit auf der Halbkugel“ zu rechtfertigen, die für die Stabilität lukrativer Geschäfte (ob legale oder illegale, ob regionale oder transnationale) garantiert. Deshalb werden wir aus dem „Reich des Guten“ niemals das Konzept eines „Zyklusendes“ vernehmen, sondern immer von einer „Aktualisierung der Strategien“ hören.   

Silvina M. Romano ist Forscherin am Instituto de Estudios de América Latina y el Caribe (Institut für Lateinamerikanische und Karibische Studien), UBA, CONICET, Argentinien.

[1] Borón, A. (2012) América Latina en la geopolítica del imperialismo. Bs As: Luxemburg, pp. 161-188.

[2] Tapia Valdés, J. (1980) El terrorismo de Estado. La doctrina de la seguridad nacional en el Cono Sur. México: Nueva Imagen p. 58

[3] http://www.southcom.mil/newsroom/Pages/US-Marines-train-with-partner-nations-in-Brazil.aspx

[4] http://www.southcom.mil/ourmissions/Pages/Supporting-Our-Partners--Building-Partner-Nation-Capacity.aspx

[5] http://www.infodefensa.com/latam/2015/11/03/noticia-estados-unidos-capacita-suboficiales-colombianos.html

[6] http://www.securityassistance.org/latin-america-and-caribbean

Der Artikel erschien in der spanischen Fassung zunächst auf dem Onlineportal der lateinamerikanischen Nachrichtenagentur ALAI.

Übersetzung: RT Deutsch Büro Moskau