Macht und Medien in Lateinamerika - Teil 1: Meinungsmonopole und Destabilisierungsversuche

Eine Demonstrantin fordert mit der brasilianischen Nationalflagge die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff
Eine Demonstrantin fordert mit der brasilianischen Nationalflagge die Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff
Zum Jahreswechsel veröffentlichte RT Deutsch die fünfteilige Serie "Der ultimative Mainstreammedien-Guide", in dem die deutsche Medienlandschaft unter die Lupe genommen wird. Doch das Phänomen einseitiger Meinungsmache und einflussreicher Medienkartelle beschränkt sich längst nicht auf Deutschland. RT Deutsch-Korrespondent Frederico Füllgraf untersucht in zwei Teilen die Informationsmultis aus Lateinamerika und deckt dort ebenfalls tiefe Verstrickungen zwischen Meinung, Macht und Medien auf.

von RT Deutsch-Lateinamerika-Korrespondent Frederico Füllgraf

Die mediale Verdrehung des Realen und der Missmut des Publikums gegen unsauberen Journalismus - mangelnde Recherche, falsche Tatsachen-Behauptungen, einseitige Berichterstattung mit ideologischer Parteiergreifung, ja systematische Agitation gegen von Herausgebern und Chefredakteuren unbeliebten Politikern und demokratisch gewählten Staatsoberhäuptern - ist in den westlichen Medien zum globalen Problem, genauer: Zur Zerreißprobe von Persönlichkeitsrechten und dem Bestand des Rechtsstaats ausgewachsen.

Papst Franziskus war es, der während einer im März 2014 abgehaltenen Audienz für den katholischen Rundfunk seine Besorgnis über die mediale Deformation äußerte:

"Heutzutage trägt das Klima in den Medien wahrhaftig zur Vergiftung bei. Die Menschen merken es, doch unglücklicherweise gewöhnen sie sich daran, die schädliche, schmutzige Luft des Radios und des Fernsehens einzuatmen. Es ist an der Zeit, eine saubere Luft in Umlauf zu bringen. Für mich persönlich gibt es drei Hauptsünden, die den Weg der Lüge pflastern, nämlich Desinformation, Verleumdung und Diffamierung”.

Meinungsmonopole und Medien-Diktaturen

Schön wäre es, dürfte man Meinungs-Monopole, Medien-Diktaturen und deren Angriffe auf die lateinamerikanischen Demokratien als hirnrissige Verschwörungstheorie abtun. Leider ist das Phänomen real und sind die Auswirkungen katastrophal.

Schon im Oktober 2012 hatte Frank La Rue, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung, während eines Besuchs in Argentinien und Brasilien auf die Einhaltung medialer Prinzipien der Vielfalt und des Pluralismus verwiesen und einem gerade in Kraft getretenen argentinischen Mediengesetz Modellcharakter für den gesamten Kontinent bescheinigt.

Zwei Jahre später, während einer Podiumsdiskussion in El Salvador, setze Ignacio Ramonet, Ex-Herausgeber des Le Monde Diplomatique, Alarmzeichen. Ein “Medien-Latifundium”, so der gebürtige Spanier, betreibe seit Jahren Attacken und schüre Aufstände gegen die Regierungen in Venezuela, Argentinien, Brasilien und Ecuador. Seine eindringliche Mahnung, wiedergegeben von Diario1, vom 16. Juli 2014:

“Der wichtigste Kampf, der von den demokratischen und Einkommen verteilenden Regierungen Lateinamerikas ausgetragen werden sollte, ist die Kommunikation”.

Der Fall Nisman, die ominöse Rolle der USA und die “vergessenen” Wikileaks-Depeschen

Schließlich, im Interview mit dem kolumbianischen Internet-Portal Polo Democrático, vom 13. Juli 2015, warnte der uruguayische Journalist, Schriftsteller und Mitbegründer von TeleSur, Aram Aharonian:

“Wir befinden uns mitten im Kulturkampf: Der Krieg um die Oktroyierung kollektiver Vorstellungswerte ist in den kybernetischen, audiovisuellen und den Printmedien voll im Gange[...] Es sind permanente Schläge unter die Gürtellinie, aus ihrem Kontext gerissene Scheinnachrichten, die die kollektive Wahrnehmung stark beeinflussen, und die bewährte Anwendung zur Destabilisierung populärer Regierungen in Lateinamerika finden”.

Der mediale Großgrundbesitz

Die Metapher von den “Medien-Latifundien” als Vergleich mit dem archaischen Agrar-Großgrundbesitzer-System ist brasilianischen Ursprungs und benennt vor allem die hanebüchene Marktkonzentrationen elektronischer Medien, die nach Meinung der Bürgerinitiative Fórum Nacional pela Democratização da Comunicação/ Nationales Forum für die Demokratisierung der Kommunikation (FNDC) eine umgehende „Agrarreform des Äthers“ erforderlich mache.

Brasilien

Sehen wir uns den Medienmarkt Brasiliens an: Er wird von rund sieben Familien beherrscht:Im Besitz 69 verschiedener Einzelmedien, darunter die überregionale Tageszeitung O Globo, nimmt die Familie Marinho mit TV Globo Monopolstellung auf dem Radio- und Fernseh-, sowie auf dem Musik-, Internet- und dem brasilianischen Markt für Kabelfernsehen ein.

Der Giftschlamm des Rio Doce ergießt sich mittlerweile schon in den Atlantik

Mit einem Privatvermögen von 24,6 Milliarden US-Dollar, nennt das Forbes-Ranking 2015 die drei Erben des Imperien-Gründers Roberto Marinho die zweitreichsten Männer Brasiliens. Mit 27 Regionalsendern, mehrheitlich im Besitz des evangelikalen Bischofs Edir Macedo und seiner „Universellen Kirche vom Reiche Gottes“, nimmt die Central Record de Comunicação den zweiten Platz ein, gefolgt von der SBT-Gruppe der Familie Silvio Santos. Auf Platz 4, mit 47 regionalen TV-Sendern, rangiert Grupo Bandeirantes der Familie Saad, gefolgt vom Familienunternehmen RBS der Sirotzkys, das TV Globo im südbrasilianischen Raum ausstrahlt und selbst 57 eigene Tageszeitungen, Radio und TV-Sender besitzt.

Marktbeherrschend und tonangebend in ganz Brasilien ist mit dem Internet-Anbieter UOL, die Tageszeitung Folha de S. Paulo, im Besitz der Familie Frias. Ihr folgt schließlich die Gruppe Abril, der Familie Civita. Sie kontrolliert 74 verschiedene Druckmedien, beherrscht den Zeitschriftenmarkt und ist Alleininhaber des Fernsehanbieters Sky.

Argentinien

Im benachbarten Argentinien besitzt die Clarin-Gruppe 41 Prozent des Radio-, 38 Prozent des Fernseh-und 59 Prozent des Kabelfernsehmarktes, und nimmt trotz des Entkartellisierungs-Gesetzes von 2009 die absolute Vormachtstellung ein. Neben der führenden Tageszeitung Clarin betreibt das Unternehmen Myriaden von Einzelmedien, darunter TV-Produktionsfirmen, Verlage, Druckereien, Internet-Angebot, private Post-Beförderung und Mischwaren-Geschäfte. Mit Ersterscheinung am 28. August 1945 – siehe antisowjetisches Titelblatt – ist die Tageszeitung Clarin – „Das Horn“ - eine Gründung des ultra-konservativen, nachweislichen Sympathisanten des Dritten Reichs und erklärtem Feind des argentinischen Peronismus, Roberto Noble.

Die Clarin-Holding wird zu 70,99 Prozent von Argentiniern, angeführt von Nobles Witwe Ernestina Herrera de Noble, kontrolliert. Wegen der Verstaatlichung der privaten Pensionsfonds im Jahr 2008, gehören 9 Prozent der Aktien dem argentinischen Staat, dem im Aufsichtsrat jedoch das Mitsprache-und Stimmrecht verweigert wird. Weitere 9,11 Prozent waren bis 2012 im Besitz der Bankergruppe Goldman Sachs, die an den US-Unternehmer Ralph H. Booth abgetreten wurden. Der Jahresumsatz 2015 der Clarin-Gruppe betrug 2,23 Milliarden US-Dollar.

Beschäftig sich lieber nicht mit den Mühen der Ebene der Demokratie und regiert per Noststandsdekreten. Dafür wird er von westlichen Medien als

Venezuela

Ein weiteres Medien-Imperium bildet die in Venezuela beheimatete Gruppe Cisneros de Comunicación, im Besitz des gebürtigen Kubaners Gustavo Cisneros. Die Holding betreibt unter anderem die tonangebenden, kommerziellen TV-Sender Venevisión und Venevisión Plus, den Satelliten-TV-Anbieter DirecTV, und ist bekannt für die exklusive Vertretung von Pepsi Cola in Venezuela. Bekannt als einer der fürstlichsten Kunstsammler der Welt, wird das Vermögen Cisneros auf ca. 4,0 Milliarden US-Dollar geschätzt (Forbes, 2015).

Zum engen Bekanntschafts- und Freundschaftskreis Cisneros´ zählen George Bush Senior, das New Yorker Moma (Museum of Modern Arts), das Spanische Institut Königin Sofia, in Madrid, und der Vorsitzende der Sozialistischen Arbeiterpartei Spaniens (PSOE), Felipe González - einer der schärfsten Gegner des „Chavismo“, Verbündeter der ultra-konservativen venezuelanischen Opposition, „Bündnis der Demokratischen Einheit" (MUD) und Anwalt der wegen gewaltsamer Aufstände und Anstiftung zum Staatsstreich inhaftierten, rechtsextremen Politiker Leopoldo López und Antonio Ledezma.

Cisneros beteligte sich nachweislich am Putsch vom 11. April 2002 gegen Hugo Chávez, wegen seiner strategisch bedeutsamem Kontakte zum Ausland galt der Medienmogul unter der Regierung Nicolás Maduro als „unantastbar“.

Doku-Tipp der Redaktion zum Thema:

Zu Teil 2 der Serie: "Macht und Medien in Lateinamerika - Der Medienkrieg tobt an allen Fronten"

Trends: # Medienkritik