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Kampf gegen Coronavirus: Brasilien und Argentinien mit völlig unterschiedlichen Strategien

Kampf gegen Coronavirus: Brasilien und Argentinien mit völlig unterschiedlichen Strategien
In einem Kreuzritter-Kostüm demonstriert ein Anhänger des rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro gegen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. (São Paulo, 25. April 2020)
Im Kampf gegen die Corona-Pandemie gehen die beiden wirtschaftsstärksten Nationen Südamerikas entgegengesetzte Wege. Während die argentinische Regierung auf restriktive Maßnahmen setzt, spielt die brasilianische Regierung unter Präsident Bolsonaro die Gefahr herunter.

von Maria Müller

Das Coronavirus kam in Lateinamerika etwas später an als in anderen Kontinenten, doch nun hat es sich seit Mitte März auch dort dramatisch ausgebreitet. Die Auswirkungen in den einzelnen Ländern zeigen graduelle Unterschiede, abhängig vom sozialen Charakter des jeweiligen Gesundheitswesens sowie von den teils ideologisch geprägten Konzepten zur Kontrolle der Epidemie.

Nicht zuletzt spielt auch die organisierte Solidarität innerhalb der Bevölkerung eine Rolle, mit der eine Hungerkatastrophe bisher vermieden werden konnte: in vielen Ländern entstanden Tausende von Volksküchen. Die Millionen Menschen in Lateinamerika, die auch heute noch – oder schon wieder – auf der Straße als Tagelöhner oder als Schwarzarbeiter das Geld fürs tägliche Überleben auftreiben müssen, leiden besonders unter den Quarantänemaßnahmen. Die Hilfen der Regierungen liefen für sie – wenn überhaupt – viel zu langsam an.

Szene auf einem Straßenmarkt in Medellin, Kolumbien – 19. März 2020

In einem Kontinent, in dem ein Teil der Bevölkerung in Armenvierteln oder in abgelegenen ländlichen Gebieten fern von staatlichen Institutionen lebt, sind auch die Statistiken über Infektionsfälle mit Vorsicht zu betrachten.

Brasilien: COVID-19 führt zu einer inneren Zerreißprobe der Regierung

Brasilien ist die am stärksten von der Pandemie betroffene südamerikanische Nation und weist die höchsten Zahlen auf. Nach Meldungen der WHO (Stand 25. April) gibt es dort 51.073 positiv Getestete, 26.573 inzwischen wieder Genesene und 3.407 Todesopfer.

Das Verhalten des Präsidenten Jair Bolsonaro führt zu einer inneren Zerreißprobe. Die Epidemie hat die Widersprüche innerhalb der Regierung, aber auch zwischen den Bundesstaaten und der Zentralregierung zugespitzt.

Nach Bolsonaros Besuch am 7.März in den USA kopierte der Brasilianer in Sachen COVID-19 die Kampagne des US-Präsidenten. Beide verharmlosten die Epidemie als "eine kleine Grippe", die bald vorüber sei, verzögerten Quarantänemaßnahmen und stellten diese offen in Frage. Als Allheilmittel gegen Corona empfahl Bolsonaro, ganz wie sein Freund Donald Trump, das Malariamedikament Cloroquina schon bei ersten Symptomen der Erkrankung zu verabreichen – wofür es bis heute keine wissenschaftlich abgesicherte Grundlage gibt. Auch gemeinsames Beten und Fasten sei ein hilfreiches Mittel, meint Bolsonaro mit Blick auf sein religiöses Sektenklientel.

Während Trump im Norden jedoch nach mehreren Wochen Verspätung zumindest akzeptierte, dass eine gewisse Teilquarantäne unumgänglich sei, kämpft Bolsonaro im Süden bis heute hartnäckig dagegen an. Er stellte sich damit in offenen Widerspruch zu seinem ehemaligen Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta, den er gerade entlassen hat. Auch mit den Gouverneuren mehrerer brasilianischer Bundesstaaten gab es Streit, die bereits vor einem Monat weitgehende Isolationsmaßnahmen einführten.

Inzwischen ist auch der umstrittene Justizminister Sergio Moro zurückgetreten, der die Maßnahmen des Ex-Gesundheitsministers öffentlich unterstützt hatte.

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro weigert sich, die Gefahr des Coronavirus anzuerkennen

Der interne Machtkampf in der Regierungsriege geht jedoch um weit mehr, die Epidemie scheint hier nur die Kulisse zu liefern. "Bolso" mobilisiert heute seine rechtsextreme Anhängerschaft offen gegen die demokratischen Institutionen, gegen das Parlament und den obersten Gerichtshof. Am Jahrestag des Militärputsches (1964) forderte er eine neue Diktatur.

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Bolsonaros Motto ist griffig einfach: die Quarantäne gegen das Coronavirus sei schädlicher als die Epidemie selbst. "Sollen wir wegen den Unfällen keine Autos mehr bauen?", lautet eine seiner polemischen Fragen.

Er instrumentalisiert die negativen wirtschaftlichen Folgen der Maßnahmen gegen die Epidemie als Argument gegen die Demokratie. Seine Botschaft lautet: die Interessen der Wirtschaft stehen über humanistischen Prinzipien. Oder andersrum: den Interessen der Wirtschaft den absoluten Vorrang zu geben, sei wahrer Humanismus.

Gesundheitssystem nicht vorbereitet

Unter den Regierungen von Lula da Silva (2003-2011) und Dilma Rousseff (2011-2016) entstand ein staatliches Gesundheitssystem, das 75 Prozent der Bevölkerung eine ärztliche Behandlung ermöglichte. Doch das neoliberale Programm schraubte die ärztliche Versorgung seit 2017 zurück.

Miguel Lago, der Direktor des Instituts für gesundheitspolitische Untersuchungen in Rio de Janeiro, kritisierte gegenüber BBC-World, dass die Regierung Bolsonaro nur 3,8 Prozent des Bruttosozialprodukts ins staatliche Gesundheitswesen investiere.Die Kapazitäten der Krankenhäuser seien einer Ausweitung der Epidemie nicht gewachsen.

Auch ein Bericht des Gesundheitsministeriums vom 4.April verdeutlicht:

Brasilien hat nicht genügend Ärzte, Labore und medizinische Ausrüstungen, um das Coronavirus zu bekämpfen. Es fehlt zudem an spezialisierten Pflegekräften.

(Archivbild). Eine Aufnahme der Favela von Santa Marta in Rio de Janeiro, 14. Januar 2009.

In Sao Paulo arbeiten die medizinischen Einrichtungen auf Hochtouren, in der Millionenstadt konzentrieren sich die meisten Kranken. Dort herrscht Quarantänepflicht, trotz der Proteste Bolsonaros. Doch der Präsident verkündete bereits, die strengen Bestimmungen stufenweise aufheben zu wollen.

Gesundheitsexperten von Rio de Janeiro warnen vor der großen Gefahr, dass COVID-19 in die dortigen "Favelas" vordringt, wo 11 Millionen Menschen auf engstem Raum zusammenwohnen. Falls der Präsident die strengen Quarantänemaßnahmen für die Vorstädte lockert, besteht die Gefahr, dass die arbeitenden Pendler die Virusverbreitung beschleunigen.

Extrem niedrige Anzahl von Tests

Erst am 1. April begann die Regierung damit, 500.000 Tests zur Früherkennung der Infektion zu verteilen. Damit sollen zuerst Gesundheitspersonal, Polizisten und Feuerwehrleute ausgestattet werden. Eine brasilianische Privatfirma hat fünf Millionen Tests gespendet.Brasilien rangiert bei den Testverfahren an hinterster Stelle im Vergleich zu Staaten mit ähnlichen Corona-Zahlen. Das Land führte bis jetzt 296 Proben pro Million Einwohner durch. (Brasilien hat 220 Millionen Einwohner.)

Innerhalb von 14 Tagen nahm nun das brasilianische Gesundheitssystem 89.000 Proben, wobei 93.000 nicht abgeschlossen werden konnten, weil es in den Laboren an Reaktivmitteln mangelt. Laut Expertenmeinung könnte die Dunkelziffer der Infizierten in Brasilien 12 mal höher sein. Auf jeden Fall ist die Epidemie in Brasilien noch lange nicht vorbei.

Argentinien als Gegenpol zu Brasilien: die andere Strategie

Das Vorgehen der Regierung von Alberto Fernández in Argentinien stellt den Gegenpol zur Situation in Brasilien dar. Fernández setzte sehr schnell auf strikte Quarantänemaßnahmen, um das Ausbreiten des Virus unter Kontrolle zu halten. Seit dem 24. März, kurz nach Bekanntwerden der ersten Fälle von Corona-Infizierten, herrscht in Argentinien eine komplette Pflichtquarantäne. Zentralregierung und Provinzgouverneure sind sich bei diesem Vorgehen einig.

Außer lebenswichtigen Herstellern und Dienstleistungen ist alles geschlossen. Auch der Lehrbetrieb, Sport- und Kulturveranstaltungen oder touristische Aktivitäten wurden ausgesetzt, Restaurants und Warenhäuser dicht gemacht. Die Landesgrenzen sind geschlossen, Flüge nur für heimkehrende Argentinier oder ausreisewillige Ausländer genehmigt. Fast 90 Prozent der Bevölkerung müssen zuhause bleiben. Personen mit besonderem Erkrankungsrisiko müssen eine Erlaubnis beantragen, um ihre Wohnung verlassen zu können.

Mir ist es lieber, eine Fabrik ist geschlossen, als ihre Arbeiter infiziert", lautet das Motto des linksperonistischen Präsidenten.

Erstes Abflachen der Infektionskurve

Die Entwicklung in den vergangenen Tagen hat Fernández Recht gegeben, die berüchtigte "Kurve" der Infektionsfälle ist abgeflacht. Heute zählt das Land mit einer Bevölkerung von 44,5 Millionen 3.780 positiv Getestete, 1.026 Genesene und 185 Todesopfer. Die Zahlen werden täglich von der WHO veröffentlicht. Das Vorgehen hat Leben gerettet, man gewann Zeit, um das Gesundheitssystem besser auf die Krise vorzubereiten, das trotz Mängel eines der besten in Lateinamerika ist. Währenddessen wurden 420.000 Tests durchgeführt.

Für die Wirtschaft eines Landes, das kurz voreiner Insolvenz steht, bedeutet diese radikale Maßnahme allerdings ein schwerer Einbruch. Doch Präsident Fernández hat früh und entschieden dem Leben der Bürger vor allen wirtschaftlichen und finanziellen Erwägungen den Vorrang gegeben. Argentinien hat mit dieser politischen Philosophie auch dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bereits einen Plan für eine Neustrukturierung seiner Schulden vorgelegt, um die Krise zu überleben. Außerdem wird das Land den IWF-Sonderfonds von rund 3,5 Milliarden US-Dollar für Katastrophenfälle n Anspruch nehmen.

Am 25. April erklärte der Präsident in seiner Fernsehansprache, dass nun eine "dritte Etappe" für Argentinien beginne. "Wir haben Fortschritte gemacht, doch die Situation erfordert weitere Anstrengungen", so Fernández.

Präsident Fernández: Problem noch lange nicht gelöst

Die obligatorische Isolation in den Großstädten soll mindestens bis zum 10. Mai beibehalten werden, da sich dort der größte Teil der Infizierten befinde. Gleichwohl könnten die Maßnahmen in einigen Provinzen und deren Kleinstädten gelockert werden, in denen es nur wenige Corona-Fälle gibt. Dort könne man zum normalen Leben und Arbeiten zurückkehren.

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Auf diese Weise werden wir erlauben, dass die Hälfte der Bevölkerung sich frei bewegen kann", so Fernández.

Eine weitere Erleichterung kommt dazu: Nun können alle Menschen, auch in den Großstädten, eine Stunde lang ihre Wohnung verlassen, um im Umfeld von fünf Straßenzügen oder in Parks spazieren zu gehen. Doch die öffentlichen Transportmittel bleiben weiterhin tabu.

Auch in Argentinien droht die Gefahr, dass das Coronavirus von den Zentren der großen Städte auf die armen Randbezirke, die "Villas", überspringt. Dort leben Tausende auf engstem Gebiet zusammen. Vor wenigen Tagen wurden die ersten zwei Fälle im Großraum Buenos Aires bekannt. Da die medizinische Versorgung dort schlechter ist, geht man davon aus, dass es eine größere Dunkelziffer gibt.

"Wir sind weit davon entfernt sagen zu können, dass wir das Problem gelöst haben", fügte Alberto Fernández auf der Pressekonferenz hinzu.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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