Amnesty-Bericht: Shell und ENI sollen ungenaue Angaben zu Havarien im Niger-Delta gemacht haben

Amnesty-Bericht: Shell und ENI sollen ungenaue Angaben zu Havarien im Niger-Delta gemacht haben
Ausgelaufenes Öl im Niger-Delta in Rivers State, Nigeria, 19. Juni 2017
Das Niger-Delta gehört zu den weltweit am stärksten verschmutzten Regionen. Shell und ENI sollen zu der Umweltkatastrophe ihren Beitrag geleistet haben. Nigerias Regierung will nun 89 Öllecks erneut untersuchen. Die Unternehmen sollen Vorfälle vertuscht haben.

Laut Amnesty International gibt es Zweifel an den Berichten über Überschwemmungen im Niger-Delta, die zu den Öllecks geführt haben sollen. Insgesamt 46 undichte Stellen sollen Pipelines gehabt haben, die von Shells lokaler Tochtergesellschaft, der Shell Petroleum Development Company aus Nigeria, betrieben wurden. Weitere 43 seien aufseiten von ENIs Nigerian Agip Oil Company zu verzeichnen gewesen.

Umweltaktivisten haben sich ihrerseits mit den Fällen beschäftigt und kamen zu dem Ergebnis, dass 1.010 Fälle des Auslaufens von Rohöl im Umfang von 110.535 Barrel oder 17,5 Millionen Liter Rohöl zu verzeichnen gewesen seien, seit Shell im Januar 2011 mit der Veröffentlichung von Daten begonnen hatte. Bei ENI seien es 820 Lecks gewesen - das entspricht 26.286 Barrel oder 4,1 Millionen Liter Öl. Das italienische Unternehmen hat 2014 damit begonnen, seine Berichte zu veröffentlichen.

Unternehmen sprechen von Sabotage oder Diebstahl

Laut Shell und ENI müssen die Lecks durch den Einfluss Dritter herbeigeführt worden sein. Die Konzerne reden von Sabotage oder Diebstahl. Shell geht in etwa 90 Prozent der Fälle von vorsätzlicher Beschädigung der Leitungen aus. Die Regierung spricht von etwa 100 Milliarden US-Dollar an fehlenden Steuereinnahmen infolge von Pipeline-Sabotage und macht bewaffnete regierungsfeindliche Milizen im Niger-Delta für die Schäden verantwortlich.

Kritiker sehen in den Darstellungen hingegen den Versuch, Schadensersatzzahlungen zu entgehen. Ölkonzerne sind dazu verpflichtet, im Falle eines Lecks innerhalb von 24 Stunden zu handeln. Denn je länger die Reaktionszeit, um so größer die Gefahr hinsichtlich der Auswirkungen auf Trinkwasser und Lebensmittel. Shell reagierte aber einer Analyse zufolge nur in 26 Prozent der Fälle zeitgerecht, ENI in 76 Prozent. 

Polarbären an der Beaufortseeküste; 6. März 2007.

Amnestys Wirtschafts- und Menschenrechtsforscher Mark Dummett behauptet:

[Forscher haben] festgestellt, dass die Unternehmen Berichte über Ölunfälle oft monatelang ignorieren - einmal brauchte ENI mehr als ein Jahr, um zu reagieren. Das Niger-Delta ist einer der am stärksten verschmutzten Orte der Erde, und es herrscht die Befürchtung, dass die verantwortlichen Unternehmen immer noch grob fahrlässig handeln. Hinzu kommt die Tatsache, dass Shell und ENI unzuverlässige Informationen über die Ursache der Austritte zu veröffentlichen scheinen.

Verzögerte Reaktion bedeutet Gewinnentgang

Im Januar 2015 erklärte Shell sich bereit, 55 Millionen (77 Millionen US-Dollar bzw. 62 Millionen Euro) als Entschädigung an mehr als 15.500 Menschen zu zahlen, die von Ölkatastrophen in der Region Ogoniland im Bundesstaat Rivers betroffen sind. Shell musste in diesem Zusammenhang einräumen, dass die Menge ausgeflossenen Öls größer war als ursprünglich von dem Unternehmen angenommen.

Shell erklärte aber auch, dass die Vorwürfe Amnesty Internationals falsch seien. Der Konzern reagiere schnell und beseitige Ölschäden immer, unabhängig von der Ursache. Amnesty hat auch nicht erklärt, welches Interesse die Unternehmen haben könnten, den Lecks nicht zeitgerecht zu begegnen, die immerhin jedes Mal einen erheblichen Gewinnentgang für die Betreiber der Pipelines zur Folge haben. ENI hat sich zu den Vorwürfen noch nicht geäußert.

Von dem Öl-Boom in Nigeria kommt bei den meisten Menschen im Land wenig an. Noch immer leben 80 Prozent der Bevölkerung von weniger als zwei US-Dollar pro Tag.