Burkina Faso: Vor 30 Jahren wurde Thomas Sankara mit mutmaßlicher Hilfe des Élysée-Palastes ermordet

Burkina Faso: Vor 30 Jahren wurde Thomas Sankara mit mutmaßlicher Hilfe des Élysée-Palastes ermordet
Einwohner von Ouagadougou zeigen Bilder des ehemaligen Präsidenten Thomas Sankara bei einer Begräbniszeremonie für gefallene Demonstranten während der Protestwelle im Oktober 2014, Burkina Faso
Am 15. Oktober 1987 wurde Thomas Isidore Noël Sankara ermordet - und Frankreich soll daran mitgewirkt haben. Sankara, auch als "Afrikas Che Guevera" bezeichnet, war Hauptmann der Armee von Burkina Faso, Revolutionär, Pan-Afrika-Theoretiker und Präsident.

von Timo Kirez

Am 15. Oktober 1987 starb der Präsident von Burkina Faso, Thomas Sankara, mutmaßlich erschoss ihn ein Kommando von Soldaten des Sicherheitsregiments des Präsidenten während eines Putsches. Hinter dem Staatsstreich stand offenkundig sein "Genosse und Bruder" Blaise Compaoré, der diesen geplant und durchgeführt haben soll. Auf der offiziellen Sterbeurkunde des damals 37-Jährigen, der bereits wenige Wochen zuvor befürchtet hatte, er würde "eines gewaltsamen Todes" sterben, wurde offiziell ein "natürlicher Tod" eingetragen.

Eine der kürzesten Präsidentschaften in Afrika - aber auch eine der prägendsten.

Die Ermordung dieses charismatischen Führers erschütterte seinerzeit einen ganzen Kontinent und zerstörte die Hoffnung auf afrikanische Selbstbestimmung gegenüber den alten Kolonialherren. Sankara kam 1983 durch einen vom Volk weitgehend mitgetragenen Putsch an die Macht. Der damals 33-Jährige hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Korruption im Land zu beenden und die anhaltende Dominanz der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich zu brechen. Er begann rasch mit einem ehrgeizigen Programm sozialer und ökonomischer Veränderungen, wie sie zuvor in dieser Radikalität auf dem afrikanischen Kontinent niemand, vielleicht abgesehen von Muammar al-Gaddafi, versucht hatte.

Sankara schaffte Landesnamen aus der Kolonialzeit ab

Um dem Aufbruch seines Landes in eine neue autonome Zukunft ein Symbol zu setzen, benannte Sankara es vom alten französischen Kolonialnamen Obervolta um in Burkina Faso - was so viel bedeutet wie "Land der aufrechten Menschen". Doch wer war dieser Thomas Sankara? Er wurde 1949 geboren und träumte schon früh davon, einen Staat frei von Korruption zu schaffen, unabhängig vom Westen, vereint mit den afrikanischen Nachbarländern. Dabei ließ er sich von der kubanischen Revolution und von seinem ghanaischen Amtskollegen Jerry Rawlings inspirieren - mit diesem zusammen plante er später sogar einen Zusammenschluss beider Länder. 

Als Sohn eines zum Katholizismus konvertierten Soldaten des Zweiten Weltkriegs war Thomas Isidore Sankara von seiner Familie zunächst als künftiger Priesterseminarist ausersehen. Er träumte jedoch - auch dies eine Parallele zu Ernesto Che Guevara - davon, Arzt zu werden. Schließlich schloss er sich, resultierend aus verschiedenen Umständen, dem Militär an, dem so genannten Prytanée militaire de Kadiogo. Die französische Armee hatte die Einheit 1951 unter dem Namen "École des Enfants de Troupe de Ouagadougou" gegründet.

Eines der berühmtesten Motive des 20. Jahrhunderts schoss der Fotograf Alberto Korda im März 1960 in Havanna.

Mit einem Bachelor-Abschluss in der Tasche begann er eine Offiziersausbildung an der Militärakademie von Antsirabe, Madagaskar. Die große Insel steckte damals mitten in revolutionären Wirren, was für den jungen Sankara ein einschneidendes Erlebnis war. Wieder zu Hause zurück, begann er sich politisch zu organisieren, zusammen mit einer jungen Generation ausländisch ausgebildeter Offiziere. Zunächst ging es vor allem darum, die noch stark präsenten kolonialen Einflüsse in der Armee zu beseitigen. Während einer militärischen Ausbildung 1976 in Marokko freundete sich Sankara mit Blaise Compaoré an. Gemeinsam bildeten sie das "Regroupement des officiers communistes", die "Gruppe der kommunistischen Offiziere". Diese Bewegung sollte 1983 eine führende Rolle bei der Einleitung der "demokratischen Volksrevolution" spielen. Sankara wiederum leitete zunächst das nationale Kommandotrainingszentrum CNEC in Po, 150 Kilometer südlich der Hauptstadt Ouagadougou.

Putschen und geputscht werden

Als Saye Zerbo im November 1980 den damaligen Präsidenten Obervoltas, Lamizana, stürzte, bot er Sankara in weiterer Folge das Amt des Informationsministers an, während Compaoré zum Leiter des CNEC wurde. Weil er sich in der Folge vom Regime distanzierte, verlor Sankara seinen Posten sowie Dienstgrad und wurde inhaftiert. Am 10. Januar 1983 wurde er jedoch Premierminister in der Regierung von Jean-Baptiste Ouédraogo, der gegen Zerbo geputscht hatte. In dieser Position bemühte sich Sankara um ein effizientes Vorgehen in der Korruptionsbekämpfung, ging gegen Absentismus vor und engagierte sich in der Außenpolitik. Außerdem forderten seine Anhänger eine Rückgabe der Macht an Zivilisten, was allerdings zur Verhaftung Sankaras wegen Landesverrats führte - und starke öffentliche Proteste nach sich zog.

Sankaras Inhaftierung erfolgte im Mai 1983 nach einem Treffen mit Jean-Christophe Mitterrand, dem Sohn und Afrika-Berater des damaligen französischen Präsidenten Francois, was eine Beteiligung Frankreichs an den weiteren Entwicklungen als wahrscheinlich erscheinen lässt. Gemeinsam mit seinem Weggefährten Compaoré und den Offizieren Jean-Baptiste Ligani und Henri Zongo organisierte Sankara einen Staatsstreich, den das Team am 4. August 1983 durchführte. Compaoré schuf den Nationalen Revolutionsrat (CNR), dessen Vorsitzender Sankara nach seiner Befreiung wurde. Er wurde so zum fünften Präsidenten von damals noch Obervolta. Der Staatsstreich fand vermutlich auch aktiven Rückhalt aufseiten Libyens, das sich damals durch den Libysch-Tschadischen Grenzkrieg am Rand eines Krieges mit Frankreich befand.

Thomas Sankara bei einem Freundschaftsbesuch in der damaligen UdSSR, Oktober 1986

Kaum an der Macht, begann Sankara seine ehrgeizigen Pläne in die Tat umzusetzen. Seine Außenpolitik beruhte auf dem Anti-Imperialismus, wobei seine Regierung ausländische Hilfe vermied, auf Reduzierung der verhassten Schulden drängte, das Land und die Bodenschätze verstaatlichte und die Macht und den Einfluss des IWF und der Weltbank ablehnte. Seine Innenpolitik konzentrierte sich auf die Verhütung von Hunger durch landwirtschaftliche Selbstversorgung und Landreform. Ein Hauptaugenmerk lag auch auf der Bildung durch eine landesweite Alphabetisierungskampagne und Förderung der Gesundheit durch Impfung von 2,5 Millionen Kindern gegen Meningitis, Gelbfieber und Masern. Dafür ließ Sankara Gesundheitszentren in jedem Dorf errichten.

Soziale Reformen und Skepsis gegenüber Auslandsschulden

Zudem veranlasste er das Pflanzen von über zehn Millionen Bäumen, um die Verwüstung der Sahel zu stoppen. Sankara bewirkte eine Verdoppelung der Weizenproduktion durch Umverteilung von Land der Feudalherren an die Bauern, er hob Kopfsteuer und Hausmieten auf und nahm ein ehrgeiziges Straßen- und Eisenbahnprogramms in Angriff, "um das Land zusammenzubringen". Auch in anderer Hinsicht zeigte sich Sankara als progressiv und einem emanzipatorischen Erbe verpflichtet: Er verbot Genitalverstümmelung, Zwangsheiraten und Polygamie und förderte Frauen in hohen Regierungsämtern. Er ermutigte diese zudem, außerhalb des Hauses zu arbeiten und in der Schule zu bleiben – selbst wenn sie schwanger waren.

Auf dem Weg auf die Seidenstraße: Chinas Regierungschef Xi Jinping zusammen mit den anderen Teilnehmern am Belt and Road Forum in Peking, 15. Mai 2017.

In einer legendären Rede vor der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) in Addis Abeba sprach Sankara sich entschieden gegen die Zurückzahlung von Afrikas Schulden aus. Er bezeichnete die ehemaligen Kolonisatoren Afrikas als diejenigen, die heute Afrika durch Schulden versklaven würden. In seiner Rede hieß es:

Die Schuld kann nicht bezahlt werden. Wenn wir nicht zahlen, werden unsere Schuldner nicht sterben. Da können wir sicher sein. Wenn wir andererseits zahlen, dann sind wir es, die sterben. Dessen können wir ebenfalls sicher sein.

Sankara hatte früh erkannt, dass der Mechanismus von Schulden und Schuldenrückzahlung die Souveränität der verschuldeten Länder in Frage stellte, und dass internationale Kredite und Investitionen mit Bedingungen verknüpft wurden, die katastrophale Auswirkungen auf die afrikanische Wirtschaft hatten. Selbstbestimmung und der Aufbau einer funktionieren Wirtschaft waren so nicht möglich. Dagegen stieg die Abhängigkeit von ausländischem Geld – ein Teufelskreis, den Sankara mit aller Macht durchbrechen wollte.

Bescheidenes Auftreten statt Prunksucht

Auch beeindruckte Sankara mit Eigenschaften, die selten waren für einen Führer auf dem afrikanischen Kontinent: Er galt als integer und bescheiden. So besaß er selbst nicht viel, schickte seine beiden Söhne auf öffentliche Schulen. Seine Frau arbeitete auch als "First Lady" weiter in der burkinischen Transportbehörde. Die Luxuslimousinen der Vorgänger-Regierung ließ Sankara verkaufen und verpflichtete die Minister stattdessen, so wie er selbst einen Renault 5 zum Dienstwagen zu nehmen – das damals günstigste Auto. Dass er sich mit dieser Agenda und seinem wachsenden Ruhm große Feinde machen würde, war ihm bewusst. In seiner berühmten Rede sagte Sankara auch:

Wenn Burkina Faso alleine sich weigert, seine Schulden zu bezahlen, werde ich auf der nächsten Konferenz nicht hier sein.

Seine Eloquenz, seine revolutionäre Begeisterung, seine Pläne, sich wirtschaftlich unabhängig zu machen und nicht zuletzt der Besuch von Muammar Gaddafi - all das war so gar nicht nach dem Geschmack des Elysée-Palasts in Paris. Im Herbst 1986 kommt es zu einer denkwürdigen Szene, als der Sozialist François Mitterrand ihn in Ouagadougou besuchte. Sankara zögert nicht, vor laufenden Kameras die lasche Haltung Frankreichs gegenüber dem Apartheid-Regime in Südafrika zu kritisieren. Der französische Präsident laviert und weicht aus, indem er "die Schärfe einer schönen Jugend" begrüßt.

Ein Jahr später ist Sankara tot. Am 15. Oktober 1987 wird der sozialistische Staatschef nach vier Jahren an der Macht zusammen mit zwölf Mitarbeitern während einer Sitzungsrunde getötet. Es war ein Putsch, in dessen Folge sich sein bisheriger Stellvertreter Blaise Compaoré an die Spitze des Staates setzte – und dort für 27 Jahre bleiben sollte. Wer genau den populären Staatschef erschoss, wer im Hintergrund die Strippen zog, ist bis heute nicht hundertprozentig geklärt. Doch es gibt starke Indizien für eine Beteiligung Frankreichs, das Sankaras Sturz schon als Premierminister im Jahr 1983 aktiv betrieben hatte. Zudem galt der einflussreichste französische Afrikapolitiker, Jacques Foccart, auch "Monsieur Afrique" genannt, als ein erklärter Feind Sankaras.

Neben Frankreichs Verbündeten Togo und Mali hätte vor allem die Elfenbeinküste unter Führung von Houphouët-Boigny, der gute Verbindungen zu Compaoré besaß, über Mittel und Wege verfügt, einen Umsturz in Ouagadougou zu betreiben. Aus dem ermordeten Sankara wurde jedoch mit den Jahren eine Ikone. Vor allem die junge Bevölkerung des Kontinents verehrt ihn bis heute als eine Art afrikanischen Che Guevara. Er hinterlässt ein Vermächtnis immenser Hoffnung für Afrika - aber auch den Auftrag, die Dekolonisation zu vollenden, damit sich Menschen endlich Rechte, Fortschritt und Freiheit erobern können.

Burkinaben ins Weltall

Ein persönlicher Traum von Sankara ist jedoch nie in Erfüllung gegangen. Im Jahr vor seiner Ermordung war er anlässlich eines offiziellen Besuchs in der Sowjetunion in die "Sternenstadt" Swjosdny Gorodokeingeladen, wo damals die sowjetischen und heute die russischen Kosmonauten ausgebildet werden. Die Sojus-Kapsel, die Stationen Saliout und Mir beeindrucken Sankara sehr. Er verneigte sich vor der Statue von Juri Gagarin und signierte das Gästebuch. Doch dann, entgegen dem Protokoll, wendet er sich plötzlich an seine Gastgeber und begann ein Gespräch mit ihnen. Im Rückblick schilderte Sankara dieses Gespräch mit den Worten:

Ich sagte, nein, das war noch nicht alles, Genossen, wartet! Es ist in Ordnung, wir sind glücklich, Glückwunsch, das ist ein wissenschaftlicher Fortschritt! Und wenn all dies im Dienste des Volkes steht, wird es wahrlich ein Segen sein. Aber ich möchte Sie um etwas bitten - zwei Plätze. Ihr mögt bitte zwei Plätze einplanen, um auch Burkinaben zu trainieren. Wir wollen auch auf den Mond... Wir wollen dorthin! Die Zusammenarbeit muss also beginnen. Und wir meinen es ernst. Wir wollen Menschen auf den Mond schicken. So wird es die Amerikaner, die Sowjets, und ein paar andere Länder geben... Aber es wird auch Burkina geben. 

Sankara während eines Besuches im Juri Gagarin-Trainingszentrum in der Nähe von Moskau

Ende 2015 wurde der frühere Premierminister Roch Marc Christian Kaboré neuer Präsident von Burkina Faso. Massenproteste hatten den korrupten und autoritären Präsidenten Compaoré Ende Oktober 2014 zum Rücktritt gezwungen. Doch die genauen Umstände von Sankaras Tod wurden nie endgültig aufgeklärt. Und dies, obwohl der angebliche Leichnam exhumiert und auch eine DNA-Analyse durchgeführt wurde. Das Ergebnis einer weiteren DNA-Analyse aus Frankreich, die bestätigen soll, dass es sich bei dem exhumierten Leichnam tatsächlich um Thomas Sankara handelt, steht noch aus. Compaoré weist bis heute jede Schuld von sich. Er steht in Burkina Faso wegen Mordes vor Gericht. Allerdings in Abwesenheit.

Der Autopsie-Bericht des mutmaßlichen Sankara-Leichnams belegte, dass der Körper "von Kugeln durchsiebt" worden sei, auch unter den Achseln. Laut einem der Anwälte der Sankara-Angehörigen sei das ein Hinweis darauf, dass Sankara seine Arme gehoben hat.