US-Spezialkräfte in Niger getötet: Gegenangriff bereits gestartet

US-Spezialkräfte in Niger getötet: Gegenangriff bereits gestartet
Ein Soldat der US-Sondereinheiten demonstriert, wie man einen Verdächtigen festnehmen kann während der Flintlock 2014 Ausbildungsmission unter amerikanischer Führung für afrikanische Militärs in Niger.
Bei einem Angriff auf eine Militärpatrouille im Südwesten Nigers sind drei Soldaten eines US-Sondereinsatzkommandos getötet worden, wie das US-Verteidigungsministerium am Mittwochabend bestätigte. Auch nigerianische Soldaten kamen ums Leben. Derweil scheinen Vorbereitungen für einen Gegenangriff im Gange zu sein.

Das Verteidigungsministerium in Washington hatte zunächst nur Berichte von einem feindlichen Angriff bestätigt und machte auch auf Anfrage keine weiteren Angaben zu den dabei getöteten Soldaten. Ein Sprecher des US Africa Command bestätigte schließlich den Tod der drei US-Soldaten, nachdem zuvor Radio France International (RFI) über einen tödlichen Hinterhalt nahe der Grenze zu Mali berichtet hatte.

Wir können Berichte bestätigen, dass eine gemeinsame Patrouille der USA und Nigerias im Südwesten Nigers unter feindlichem Beschuss stand", sagte Leutnant Anthony Falvo, Sprecher des United States Africa Command.

Laut Medienberichten wurden drei Soldaten der Spezialeinheit „Green Berets“ der US-Streitkräfte getötet sowie zwei weitere US-Soldaten verwundet, welche in einem US-Lazarett in Deutschland behandelt werden. Außerdem kamen laut Medienberichten fünf nigerianische Kräfte ums Leben. US-Africom erwähnte in der zuletzt am Donnerstag aktualisierten Mitteilung nur einen Betroffenen einer Partnerlandes, welcher auch ums Leben gekommen sei.

Den Berichten zufolge hat sich der Vorfall bei einem Routine-Patrouillengang ereignet, knapp 200 Kilometer nördlich der Hauptstadt Niamey nahe der Grenze zu Mali. In der Region sollen Kämpfer der Terrorgruppe Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQIM) aktiv sein, weitere Berichte erwähnen zudem die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras (l.), der französische Präsident Francois Hollande (m.) und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem EU-Gipfel in Malta.

Der nigrische Armee-Oberst Abou Tagué sagte, die gemeinsame nigerianisch-amerikanische Patrouille an der Mali-Niger-Grenze sei von Militanten überfallen worden, die "in einem Dutzend Fahrzeugen und etwa 20 Motorrädern" angefahren kamen.

Er sprach von intensiven Kämpfen und sagte, die gemeinsame nigerianisch-amerikanische Streitmacht habe Mut bewiesen. Das Pentagon lehnte es ab, weitere Details zu besprechen und verwies dabei auf fortlaufende Operationen.

Wir sprechen den Familien der Gefallenen und der Verletzten unser tiefstes Beileid und Mitgefühl aus", sagte Pentagon-Sprecherin Dana White in einer Pressekonferenz.

Unerwünscht? Die Rolle der US-Soldaten in der Region

Die US-Streitkräfte halten sich nach offiziellen Angaben in dem westafrikanischen Land auf, um das Militär bei der Ausbildung zu unterstützen, die Sicherheit der Streitkräfte des Landes zu gewährleisten und den Kampf gegen extremistische Organisationen in der Region zu unterstützen.

In Meldungen des Vorfalls vom Mittwoch verweisen Medien wiederholt auf die passive Rolle der „westlichen Truppen“, welche im Hintergrund der afrikanischen Sicherheitskräfte agierten, um lokale, erstarkende Dschihadistengruppen zu bekämpfen.

Laut der Webseite Military.com, welche vorrangig von US-Veteranen betrieben wird, sind die US-Streitkräfte in Niger nur in sehr geringer Stärke präsent. Es seien seit Juni laut Pentagon-Personalstatistik kaum mehr als ein Dutzend US-Militärpersonal und Zivilisten im Land. Dabei könnten allerdings jene Truppen „unberücksichtigt bleiben“, welche temporär in das Land entsendet werden.

Offiziell geht es auch anderen westlichen Staaten, die wie Frankreich und Deutschland in der Region aktiv sind, lediglich um humanitäre Zwecke und um die Unterstützung lokaler Kräfte im Kampf gegen den Terrorismus. Bereits in der kurzen Twitter-Mitteilung des US-Africom findet sich zweimal der Hinweis auf die zurückhaltende Rolle des US-Militärs in der Region, welches sich lediglich zwecks Assistenz der nigrischen Sicherheitskräfte vor Ort aufhalte und diese zudem bei der Ausbildung unterstütze. 

General James Linder (r.), Oberbefehlshaber des US Special Operations Command Africa, begrüßt einen Soldaten in Niger.

Doch so klein fällt die Rolle der Vereinigten Staaten nicht aus. Denn das US Afrika-Kommando verfügt über Hunderte von Soldaten, die in der gesamten Region stationiert sind. Allein in Niger befinden sich ungefähr 800 US-Soldaten. Von einer Basis in Agadez fliegen die USA Drohneneinsätze. 

Geheime Operationen in Afrika - menschenrechtlich bedenklich

Seit vielen Jahren wickeln die US-Streitkräfte in Afrika mit ihren Partnern Geheimoperationen gegen Terrorverdächtige ab. Bekannt dafür ist vor allem das „Camp Lemonnier“ in Dschibuti. Der Journalist und Autor Jeremy Scahill beschreibt in seinem vergangenes Jahr veröffentlichten Buch The Assassination Complex: Inside the Government’s Secret Drone Warfare Program, wie das Pentagon und das US-Africom Informationen schwer zugänglich machen und ihre Einsätze in Afrika größtenteils im Geheimen durchführen.

Anders als auf der öffentlich zugänglichen Internetseite beschrieben, werden vom Camp Lemonnier aus nicht nur zivile Unternehmungen gesteuert. Laut dem ehemaligen US-Verteidigungsminister Ashton Carter fungiert das Camp als "Drehscheibe mit vielen Speichen auf dem Kontinent und in der Region". Auch der frühere Kommandant, General Carter Ham, hatte die Bedeutung des Camps bereits im Jahr 2012 unterstrichen. Von der Basis gingen demnach "multiple Kampfeinsätze" aus.

Dazu zählen nach Darstellung von Menschenrechtsorganisationen auch die Verschleppung von Menschen mit anschließender Unterbringung in Geheimgefängnissen. Seit dem Jahr 2007 verfolgt die US-Regierung weiterhin die Strategie der gezielte Tötung, die vor allem mittels Drohnen umgesetzt wird. Bei den Drohnenangriffen auf vermeintliche Terroristenführer in Afrika wurde eine hohe Zahl an Zivilisten getötet.

Und die Funktion als "Drehscheibe" für den Drohnenkrieg geht über die afrikanischen Ländergrenzen hinaus. Erst im März hatte ein Africom-Befehlshaber, General Thomas Waldhauser, mehr Ressourcen für nachrichtendienstliche Einsätze, Überwachung und Aufklärung (ISR) gefordert. Als Argument führte er an, dass ein Angriff auf IS-Kämpfer in Libyen durch mangelnde Ressourcen verzögert wurde. 

Was die einzelnen Einsätze betrifft, wird das beinahe immer gleiche Mantra wiederholt, wonach westliche Sicherheitskräfte lediglich die lokalen Armeen unterstützen. Damit die Informationen, welche am Ende nach außen dringen, einheitlich sind, kommt der Außenwirkung ein hoher Stellenwert zu.

Die für den Bereich Public-Affairs Zuständigen der afrikanischen Partnernationen tauschen sich mit ihren US-Kollegen aus, um die Öffentlichkeitsarbeit zu koordinieren.

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Der Sitz des Regionalkommandos der US-Streitkräfte in Afrika befindet sich seit Oktober 2008 bei Stuttgart. Als "zentraler Akteur der militärischen Anti-Terror-Bemühungen" waren dem Kommando bereits im Jahr 2013 rund 2.000 Soldaten und Zivilisten zugeordnet.

AFRICOM hat seinen Hauptsitz in Kelley Barracks, einer Einrichtung der US-Streitkräfte in der Nähe von Stuttgart. Hier Proteste gegen bedenkliche Drohneneinsätze.

Sicherheitslage verschlechtert - Ziel der Streitkräfte verfehlt?

Inwieweit sich die langjährigen Mühen der US-Streitkräfte hinsichtlich des proklamierten Ziels, den Terrorismus auszulöschen, auszahlen, ist ebenso unklar wie die Angaben über die tatsächlichen Aktivitäten auf dem Kontinent. Ein Hinweis bietet jedoch die Aussage des UN-Generalsekretärs António Guterres zur Lage in der Region.

So habe sich die Sicherheitslage in Mali zuletzt „deutlich verschlechtert“, wie Guterres am Dienstag mitteilte. Demnach habe sich gegenüber der Situation im Juni sowohl das politische Umfeld als auch die Sicherheitslage besorgniserregend verschlechtert.

Doch nach dem Vorfall am Mittwoch, bei dem zum ersten Mal seit Jahrzehnten amerikanischen Soldaten in Westafrika starben, ist bereits ein Gegenangriff geplant, wie Radio France Internationale (RFI) am Mittwoch berichtete - auch wenn den Berichten zufolge die Täter und das Motiv ihres Angriffs unklar bleiben, zumindest für die Öffentlichkeit.

Gegenangriff bereits gestartet

Französische und nigrische Truppen führten am Donnerstag bereits Einsätze in der Region durch, wo die drei US-Soldaten getötet wurden. Frankreichs regionale Barkhane-Truppen wurden gebeten, einen Gegenangriff zu unterstützen, wie der französische Armeesprecher Oberst Patrick Steiger laut Reuters auf einer Pressekonferenz in Paris erklärte.

Zwei nigrische Sicherheitsquellen sagten zudem, dass vier Militärhubschrauber in die Region geschickt worden seien und die Verstärkung am Donnerstagmorgen in der Region Tillaberi eintraf, wo der Angriff stattgefunden hatte.