U2-Barde Bono: Lobgesang auf deutsche Entwicklungspolitik und Schäuble

U2-Barde Bono: Lobgesang auf deutsche Entwicklungspolitik und Schäuble
U2-Frontmann Bono auf der Münchner Sicherheitskonferenz
Paul David Hewson, besser bekannt als Bono, erlangte als Leadsänger der irischen Kultband U2 Weltruhm. Auch als vermeintlicher Fürsprecher Afrikas machte sich der Ire in den vergangenen Jahren einen Namen. Gemeinsam mit Microsoft-Gründer Bill Gates will er Afrika endlich auf die Beine helfen.

von Dr. Kani Tuyala

Nach Ansicht der beiden Prominenten befinde sich Deutschland mit seiner neu justierten Entwicklungspolitik, die einen Marshallplan mit Afrika beinhaltet, auf dem richtigen Weg. Am 18. Januar 2017 stellte der Bundesentwicklungsminister Gerd Müller die entsprechenden Eckpunkte des Plans vor:

Wir brauchen eine völlig neue Dimension der Zusammenarbeit mit Afrika. Wir wollen Reformpartnerschaften mit Reformchampions eingehen. Wer Korruption bekämpft, Steuersysteme aufbaut, in Bildung investiert und auf die Gleichberechtigung der Geschlechter setzt, kann mit mehr Unterstützung von uns rechnen. Entwicklungspolitik allein ist aber nicht die Lösung. Afrika braucht Jobs, die nur die Wirtschaft schaffen kann. Wertschöpfung vor Ort statt Ausbeutung. Die Chancen in Afrika sind riesig, gerade auch für die deutsche Wirtschaft.

Ob Bono die zynische Doppelmoral der auf den ersten Blick wohlig klingenden Worte aufgefallen ist, ist nicht bekannt. Ohnehin scheint der Initiator der Organisation ONE zwar die politische Bühne zu suchen, um für sein Engagement für den afrikanischen Kontinent zu werben, doch als Kritiker politischer Strukturen, auf denen die Armut Afrikas zum allergrößten Teil beruht, ist er bislang nicht aufgefallen.

So ist das Stichwort bei den Ausführungen Müllers wohl das Wort „Ausbeutung“. Die nach wie vor vorhandenen ausbeuterischen Strukturen sind es, auf der die Misere Afrikas zum überwiegenden Teil beruht. In Konsequenz ist es nicht noch mehr „Hilfe“, die Afrika benötigt, sondern faire Handelsbedingungen und weniger statt mehr Einmischung in die inneren Angelegenheiten der 54 afrikanischen Staaten. Ein unfreiwilliger Ausdruck des paternalistischen Denkens, dass seinen Ausdruck auch in den Ausführungen Müllers findet, sind wohl auch Ausdrücke wie die der „deutsch-afrikanischen Partnerschaft“. Im Denken vieler handelt es sich beim zweitgrößten Kontinent wohl tatsächlich nach wie vor ebenfalls um nur ein Land. Der bilateralen Partnerschaft möchte das Bundesentwicklungsministerium nun einen Paradigmenwechsel angedeihen lassen.

Derweil zeigt sich Bono berührt von der Leidenschaft, mit der sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) für Afrika einsetze. Er bezieht sich dabei, auf die sogenannten „Compacts mit Afrika“. Zu diesen äußerte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Pressestatement zum Gipfeltreffen der Finanzminister der G-20 Staaten am 5. September 2016:

Wir haben uns vorgenommen, dass wir die Bedingungen für Investitionen in Afrika auch dadurch verbessern, dass wir im nächsten Jahr unserer Präsidentschaft einen „Compact for Africa“ erarbeiten wollen, um eben Rahmenbedingungen, die afrikanische Länder dann nutzen können, auch mit den internationalen Organisationen und mit der Weltbank sowie den anderen wie dem IWF zu vereinbaren, um die Investitionstätigkeit in Afrika zu verstärken.

Es ist dabei nicht in Erfahrung zu bringen, ob Bono bei seiner Schwärmerei wohl bekannt ist, dass gerade der IWF bislang unter anderem durch die berühmt-berüchtigten „Strukturanpassungsprogramme“ eine äußerst unrühmliche Rolle bei der Entwicklung Afrikas spielte.

Weitere Partnerschaften mit klangvollem Namen sind die „Economic Partnership Agreements“ (EPA). Diese bezeichnen von der Europäischen Union geförderte Freihandelsabkommen zwischen der EU und den sogenannten AKP-Staaten. In der Mehrzahl handelt es sich bei den entsprechenden Staaten um ehemalige Kolonien europäischer Staaten in Afrika, der Karibik und der pazifischen Region. EPA-Kritiker weisen darauf hin, dass die Abkommen alles andere als angetan sind, um eine wirtschaftliche Entwicklung der afrikanischen Staaten zu begünstigen.

Eine Frau läuft über eine Mülldeponie in der nigerianischen Metropole Lagos.

Verkürzt ausgedrückt fordern die EPAs die wechselseitige Marktöffnung zwischen der EU und den Unterzeichnerstaaten. Das klingt fair, doch das ist es nicht, denn Freihandel kann nur zwischen Partnern auf gleicher wirtschaftlicher Augenhöhe, vergleichbaren sozialen Standards und entsprechenden administrativen und technischen Kapazitäten funktionieren.

In ihrer aktuellen Form, führen sie zur Überschwemmung der afrikanischen Märkte mit hochsubventionierten EU-Gütern, die den lokalen Anbietern die Lebensgrundlage rauben und jede industrielle Entwicklung im Keim ersticken. Die Linke im Europaparlament kommentiert die Folgen für die Unterzeichner wie folgt:

Werden sie gezwungen, Zölle und andere Schutzmechanismen abzuschaffen, fehlen ihnen die Zolleinnahmen zur Finanzierung der öffentlichen Daseinsvorsorge, Bildungssysteme, Infrastruktur und Wirtschaftsförderungsmaßnahmen. Billige Importe europäischer Massenprodukte und subventionierter Agrargüter zerstören die regionale Wirtschaft beziehungsweise verhindern deren Aufbau von Anfang an.

Auch der viel beschworene Kampf gegen die Korruption basiert oftmals auf den Strukturen, die durch die klassische Entwicklungshilfe geschaffen wurden. Ganz abgesehen von der jahrzehntelangen Praxis, mit der hier demokratisch gewählte afrikanische Staatsoberhäupter aus dem Amt gefegt und dort korrupte Regime gefördert wurden – je nach geopolitischem oder wirtschaftlichem Kalkül der ehemaligen Kolonialstaaten. Auch in wieweit sich immer weiter ausbreitende militärische Einsätze, etwa der EU und USA zur vermeintlichen Stabilisierung Afrikas, der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der dortigen Staaten dienlich sind, wird wohl ein Rätsel bleiben.

Das letzte großangelegte westliche Engagement in Libyen machte zumindest aus einem stabilen und wirtschaftlich prosperierenden Staat ein Biotop für Islamisten und ein Lehrstück für einen durch vermeintlich humanitäre NATO-Einsätze geschaffenen failed state, einen 'gescheiterten Staat'. Von Kritik an derlei Machenschaften und vermeintlichen Partnerschaften war von Bono, oder etwa auch Bill Gates, bislang zumindest öffentlichkeitswirksam nichts zu vernehmen. Was Bono zum konkrete Fall Libyens zu sagen hat, erfasst die Ursachen der dortigen Tragödie nicht im Ansatz:

Jetzt, da totalitäre Herrscher wie Gaddafi und Co. vertrieben wurden, ist das Mittelmeer nicht mehr so eine klare Grenze [...] Wenn es nur Tod und Zerstörung in ihrer Heimat gibt, werden sie ihr Leben riskieren für eine Zukunft in Europa. Die zerfallenen Staaten sollten daher unsere oberste Priorität sein.

Was es bedeutet zur Priorität eines humanitären Einsatzes zu werden, hat Libyen auf äußert tragische Weise erfuhren müssen. Microsoft-Milliardär Gates wiederum lässt verlautbaren, er begrüße es, dass der deutsche "Marshallplan" die Afrikaner zu einem Beitrag für die Entwicklung auffordere. Ohne diese Aufforderung durch den Westen, rührt sich in Afrika nun mal nichts und niemand.

Bono indes zeigt sich davon überzeugt, dass Bundesfinanzminister Schäuble (CDU) wisse, dass der wirtschaftliche Erfolg in Afrika wichtig für Deutschland und Europa sei. Auch wenn dies der Fall sein sollte, besteht jedoch ein großer Unterschied zwischen Wissen und der tatsächlich am Ende durchgeführten Politik. Ein Beispiel: Vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise hat die Bundesregierung Afrika bei der sogenannten Bekämpfung von Fluchtursachen ins Zentrum gerückt.

Einer der Migrations-Hotspots, den die Bundesregierung dabei ins Visier ihrer Hilfe genommen hat, ist der westafrikanische Staat Senegal. Millionenschwere Entwicklungsprogramme sollen vor Ort Fluchtursachen bekämpfen helfen. Derweil haben die EU und der Senegal ein neues Fischereiabkommen abgeschlossen, das bis 2019 gilt und beliebig verlängert werden kann. Das letzte Abkommen lief im Jahr 2006 aus und lokale Fischereiverbände und die senegalesische Zivilgesellschaft setzten sich massiv gegen eine Verlängerung ein. Dies wohl zu Recht, denn die subventionierten EU-Fischfangflotten fischen die örtlichen Fischbestände ab und entziehen den ansässigen Fischern die Lebensgrundlage.

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras (l.), der französische Präsident Francois Hollande (m.) und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem EU-Gipfel in Malta.

Dafür erhält der Senegal von der EU Ausgleichszahlungen, die jedoch nicht hoch genug sind, um die massiven wirtschaftlichen und ökologischen Schäden auszugleichen. Nach Jahren ohne Existenzgrundlage machen sich die geprellten Fischer, oder deren Familienangehörige, dann in Folge nicht selten Richtung Europa auf. Also dorthin, wohin ihr Einkommen schon abgewandert ist.

Ein senegalesischer Fischer Namens Mor erläutert das Problem:

Die holen an einem Tag das aus dem Meer, wofür 300 unserer Pirogen einen Monat bräuchten. Wir gehen jeden Tag fischen, es reicht trotzdem nicht. Aber was sollen wir sonst tun? Es gibt keine andere Arbeit.

Ein Teufelskreis tut sich auf, gegen den dann wohlklingende Programme wie der Marshallplan mit Afrika aufgelegt werden, die obendrein an die Afrikaner appellieren, bei all der Hilfe doch auch selbst einen Beitrag zur eigenen Entwicklung zu leisten.

Es wäre unangemessen oder sogar vermessen, dem U2-Frontmann einen Mangel an Engagement vorzuhalten. Sicherlich meint er es gut und sicherlich hat er auch Gutes im Rahmen seiner Möglichkeiten erreicht. Doch die Tiefe und Komplexität der entsprechenden Thematik, die auch hier wieder nur angerissen werden konnte, scheint er nicht erkannt zu haben.

Wovon der 54-jährige aus Dublin stammende Sänger jedoch sehr wohl etwas versteht, ist offensichtlich die eigene Vermarktung als selbsternannte Stimme "die für die Ärmsten und Verletzlichsten auf der Erde" spricht. Eigenes Geld mag er er jedoch nicht in die Hand nehmen um die Not zu lindern. Bisher ist nicht bekannt, dass der Soft-Rock-Barde und Milliardär irgendwelche Summen des U2-Vermögens oder dem seines Investmentfonds, indem auch äußerst lukrative Facebook-Anteile schlummern, in Projekte zur Reduzierung der Armut investiert hätte.

Seine sogenannte Hilfsorganisation ONE scheint dabei eher eine Geldbeschaffungs-Maschine zur Finanzierung seiner auschweifenden Reisetätigkeit zu sein, denn eine effiziente Organisation zur Linderung der Armut in Afrika. So wurde bereits im Jahr 2008 bekannt, dass von 15 Millionen US-Dollar Einnahmen nur knapp 200.000 US-Dollar in Projekte in Afrika flossen. Mit 8,3 Millionen US-Dollar floss der weitaus größte Teil in Gehälter und laufende Kosten.

Nach wie vor erklärt ONE, dass es nicht Aufgabe der Organisation sei in sinnvolle Projekte zu investieren, sondern "Aufmerksamkeit für die Probleme der Welt" zu erzeugen und die eigenen Kampagnen voranzutreiben. Aufmerksamkeit zu erregen, scheint in der Tat das Kerngeschäft Bonos zu sein und ohne entsprechende Fremdfinanzierung setzt sich der Rock-Star nicht an die Tische der Reichen und Mächtigen.

Gerne verkauft er sich dabei als trojanisches Pferd der Darbenden, der die Nähe zur Macht sucht, da sich nur in direktem Kontakt mit den Mächtigen am ganz großen Rad der Veränderung drehen lässt. Doch als Kritiker des entwicklungspolitischen Status-Quo ist er bislang eben nicht in Erscheinung getreten. Vielmehr hebt er sich selbst auf die Bühne und nimmt damit den eigentlich Betroffenen die Stimme. Niemand weiß besser als Bono was zu tun ist, schon gar nicht die Afrikaner selbst.

Bill Gates spricht auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

Der U2-Frontmann hat seine Mission gefunden und diese besteht nun bereits seit etlichen Jahren im vermeintlich altruistischen Einsatz für die Armen und Stimmlosen. Bono schüttelt Hände, umarmt großherzig afrikanische Staatsoberhäupter und schwingt sich gar zum wirtschaftlichen Berater auf. Diese Hybris auszuleben ist aktuell wohl nur im Falle Afrikas möglich. Bereits im Jahr 2009 fragte die Ökonomin Dambisa Moyo, die durch ihren Bestseller Dead Aid weltbekannt wurde:

Würde sich die Regierung der USA von Amy Winehouse beraten lassen?

Vor einigen Jahre veröffentlichte der irische Gelehrte Harry Browne ein Buch mit dem Titel The Frontman: Bono. Darin beschreibt er das Phänomen Bono mit folgenden Worten:

Seit fast 30 Jahren als öffentliche Person hat Bono sich zum Lautsprecher elitärer Diskurse und zum Anwalt ineffektiver Lösungen gemacht und die Armen bevormundet, um die Ärsche der Reichen und Mächtigen zu küssen.

Weiter beschreibt Browne die Bono-Masche als eine

clevere Mixtur aus traditionellem Missionarstum und kommerziellem Kolonialismus, in der die arme Welt nur als Ziel dient, das Leben der Reichen zu vervollständigen.

Man darf gespannt sein, auf welchem Event der Polit-Prominenz der U2-Frontmann als nächstes an das Weltgewissen appelieren wird. Ändern wird es freilich wenig, doch Bonos Selbstbild als selbsternannter Gutmensch wird dadurch sicherlich weiter an Kontur gewinnen. Das tragische an Bonos Appellen und entwicklungspolitischen Ausführungen ist, dass er die oberflächlichen Zusammenhänge zutreffend beschreibt, ohne die Hauptursache des Elends, die ausbeuterische und zynische Politik der sogenannten westlichen Wertegemeinschaft gegenüber Afrika beim Namen zu nennen. Es stellt sich daher die Frage, ob er sich dieser überhaupt bewußt ist.

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