Bedingungsloses Grundeinkommen mit eBay: Weltweit größtes Projekt startet in Kenia

Bedingungsloses Grundeinkommen mit eBay: Weltweit größtes Projekt startet in Kenia
Ein Werbeschild für das mobile Bezahlsystem M-Pesa in Nairobi, Kenia.
Die Organisation GiveDirectly betreibt seit Monaten in Kenia ein Pilotprojekt zum bedingungslosen Grundeinkommen. Zunächst nahmen 6.000 Menschen aus einigen Ortschaften daran teil. Nun soll das Experiment auf insgesamt 26.000 Menschen ausgeweitet werden.

Nach Staaten wie Finnland, das ein bedingungsloses Grundeinkommen bereits unter Beteiligung von 2.000 Menschen testet, rückt nun das ostafrikanische Land Kenia ins internationale Rampenlicht der Grundeinkommens-Befürworter und der Kritiker. In dem auch für seine dynamische digitale Szene bekannten ostafrikanischen Staat am Indischen Ozean startete die Organisation GiveDirectly bereits vor einigen Monaten ein entsprechendes Pilotprojekt unter Beteiligung einiger kenianischer Dörfer.

Der bisherige Verlauf des Projekts verspricht, ganz neue Maßstäbe zu setzen. Bisher sammelte die Organisation 23,7 Millionen US-Dollar ein, um dieses umsetzen zu können. Insgesamt ist dafür eine Summe von 30 Millionen anvisiert. Einen weiteren Schub erhält das kenianische Experiment mittlerweile auch durch die Unterstützung von eBay-Gründer Pierre Omidyar. Dieser steigt nun mit 493.000 US-Dollar in das Experiment ein. In einigen Monaten soll der Feldversuch in neuen Dimensionen starten und dabei 26.000 Menschen in 200 kenianischen Ortschaften umfassen.

Zunehmende Aktualität erhält die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen vor allem durch die weiter fortschreitende Automatisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt. Vor diesem Hintergrund sprechen sich mittlerweile auch Konzernlenker wie Siemens-Chef Joe Kaeser für eine Einführung der steuerfreien Grundsicherung aus. Zu deren prominenten Befürwortern gehört auch der DM-Gründer Götz Werner. Der schillernde SpaceX-Gründer und Tesla-Gründer Elon Musk betrachtet die Einführung der Grundsicherung ebenfalls als unausweichlich. Doch nach wie vor fehlen solide Erkenntnisse zu den sozio-ökonomischen Implikationen der Grundsicherung. Nun also der bisher weltweit größte Feldversuch in Kenia.

Die Webseite des eBay-Philantrophen Omidyar Network spricht dabei vom

ambitioniertesten Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen in der Geschichte.

Dabei sollen die kenianischen Bezieher des Grundeinkommens in verschiedene Gruppen eingeteilt werden, denen das bedingungslose Einkommen in unterschiedlichen Chargen ausbezahlt wird. Demnach soll einigen Menschen die Grundsicherung auf einmal ausgezahlt werden, wieder andere sollen über den Projekt-Zeitraum von 12 Jahren regelmäßige Beträge erhalten.

Zum sozialen und wirtschaftlichen Effekt des Grundeinkommens äußerten sich die Manager Tracy Williams und ihr Partner Mike Kubzansky von Intellectual Capital auf der Webseite des eBay-Gründers:

Das Omidyar-Netzwerk geht grundsätzlich davon aus, dass Selbstermächtigung die Menschen befreit und in die Lage versetzt, das Beste aus sich, ihren Familien und Gemeinden herauszuholen Die Richtigkeit dieser Einschätzung wird durch eine wachsende Anzahl an Veröffentlichungen nachgewiesen, die sich mit den Vorteilen der Barauszahlung befassen.

Nun geht es darum, die Auswirkungen auf Mikroebene zu beobachten und so Einsichten über die Wirksamkeit des bedingungslosen Grundeinkommens zu erhalten. Für 6.000 der Teilnehmer, die den entsprechenden Betrag über 12 Jahre erstreckt erhalten, beträgt die täglich ausgezahlte Summe etwa 0,75 US-Dollar pro Tag. In den am Experiment teilnehmenden Ortschaften Kenias beträgt diese sehr bescheiden anmutende Summe die Hälfte eines durchschnittlichen Einkommens. Trotzdem mag man sich fragen, warum gerade Kenia als Testlabor auserkoren wurde. Dazu äußerte sich bereits vor geraumer Zeit einer der GiveDirectly-Gründer, Michael Faye:

Es gibt einige interessante Projekte in den Industrieländern, aber die deutlich niedrigeren Lebenshaltungskosten in Ostafrika ermöglichen es, unser Pilotprojekt auf einen wirklich langen Zeitraum anzulegen.

Für Kenia spricht auch eine innovative Finanzinfrastruktur. So erleichtert etwa die Einführung des mobilen und in Kenia entwickelten mobilen Bezahlsystems M-Pesa den einfachen Transfer von Geldern auch in entlegenste Gebiete auf der Basis eines elektronischen Guthabens.

Um belastbare Ergebnisse gewinnen zu können, wird das Experiment von Ökonomen der US-Universitäten MIT und Princeton begleitet. Von der wissenschaftlichen Begleitung erhoffen sich die Initiatoren Antworten auf Fragen, die bereits seit Jahrzehnten im Zusammenhang mit der Idee des BGE gestellt werden. Wie gehen Menschen mit Geld um, für dessen Auszahlung keine Gegenleistung erwartet wird? Nutzen sie die frei gewordenen Kapazitäten, um einer Tätigkeit nachzugehen, die sie erfüllt, oder hören sie ganz auf zu arbeiten? Welche wirtschaftliche Dynamik entsteht innerhalb der Volkswirtschaft? Antworten auf diese Fragen hoffen die Initiatoren nun in Kenia zu finden.

Durch den Einstieg von ebay-Gründer Pierre Omidyar dürfte die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen auch in Deutschland wieder zunehmende Aufmerksamkeit erfahren. Die Ergebnisse aus Kenia dürften dabei vielleicht helfen, die eine oder andere noch offene Problematik zu klären. Dies hofft zumindest GiveDirectly-Mitgründer Paul Niehaus:

Im besten Fall wird es weltweit das Denken darüber ändern, wie Armut beendet werden kann.

Dass durch das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens die Menschen tatsächlich in ihrer Autonomie gestärkt werden, ist bisher lediglich eine Hypothese. Die Kritik am Grundeinkommen ist jedoch real. Sicherlich lässt sich davon ausgehen, dass dessen prominente Befürworter vielfach nicht in erster Linie das Wohlergehen der Menschen im Blick haben, sondern vor allem ökonomisches Kalkül. Die erwähnte Digitalisierung und der Einsatz von künstlicher Intelligenz werden von der Arbeit im traditionellen Sinne in absehbarer Zukunft womöglich nicht mehr genug für alle übrig lassen. Kein Wunder also, dass vor allem in den globalen Technologieschmieden wie dem kalifornischen Silicon Valley besonders intensiv über das freie Grundeinkommen diskutiert wird.

Erik Brynjolfsson, Wirtschaftswissenschaftler am amerikanischen MIT, formuliert das sich anbahnende Dilemma wie folgt:

Der digitale Fortschritt vergrößert den Kuchen, aber es gibt kein ökonomisches Gesetz, das sagt, dass jeder davon profitieren wird.

Doch wer soll dann in Zukunft all die neuen technologischen Produkte kaufen, wer all die neuen Dienstleistungen nutzen, wenn sich diese immer weniger Menschen leisten können? Roboter können zwar produzieren und menschliche Arbeitskraft ersetzen, doch konsumieren können sie wohl auch in absehbarer Zukunft nicht. Selbst nach Einführung eines Grundeinkommens würde dieses allerdings kaum höher als der aktuelle Hartz IV-Satz liegen. Für die vielen Bezieher des Arbeitslosengelds II ist der ausbezahlte Betrag jedoch zuviel zum Sterben, aber zuwenig zum Leben. Wirklich freuen dürften sich indes die Lenker der Unternehmen der Zukunft, wie etwa Amazon. Diese müssen sich aktuell zunehmend aufgrund prekärer Arbeitsplätze rechtfertigen. Die Einführung einer Grundsicherung würde sie entlasten und aus der sozialen Schusslinie nehmen.

Derweil sind im Fall von GiveDirectly die Verbindungen ins Silicon Valley sehr gut. So findet sich in dessen Vorstand etwa Jacquelline Fuller, die Chefin von Googles karitativem Arm Google Giving. Eine Zeitlang zählte auch Facebook-Mitgründer Chris Hughes dazu. Dustin Moskovitz, ein weiterer Facebook-Mitgründer, gehört ebenso zu den namhaften Unterstützern und Fürsprechern der Organisation.

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