Europa bietet keine Perspektive - Syrische Flüchtlinge zieht es nach Somaliland

Europa bietet keine Perspektive - Syrische Flüchtlinge zieht es nach Somaliland
Ein Elektronikgeschäft in Somalias Hauptstadt Mogadischu
Vielen ist Somalia als "failed state" bekannt. Nun jedoch zieht es gut ausgebildete syrische Flüchtlinge statt nach Europa verstärkt in das geschundene Land am Horn von Afrika. Vor allem Somaliland bietet den Flüchtlingen eine berufliche Perspektive.

Wohl den wenigsten ist - abseits von Somalia - die Republik Somaliland bekannt. Bei dieser handelt es sich um einen unabhängigen, aber bisher international nicht anerkannten Staat am Horn von Afrika, der den Norden Somalias umfasst. Im Jahr 1991 erklärte Somaliland seine Unabhängigkeit von der föderalen Bundesrepublik Somalia. Im Gegensatz zu Somalia gilt Somaliland als politisch und wirtschaftlich relativ stabil.

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Statt weiter in die Türkei, den Libanon oder nach Europa zu flüchten, entscheiden sich mittlerweile immer mehr Syrer, aber auch Jemeniten dazu, ihr Glück in Somaliland zu suchen. So auch der syrische Zahnarzt Hosam aus der kriegsgeschüttelten Stadt Aleppo. Danach gefragt, warum es ihn ausgerechnet nach Somaliland gezogen hat, antwortet er, dass er nach einer Recherche im Internet hier die Möglichkeit sah, eine Arbeit zu finden, die seinen Fähigkeiten entspricht.

Ich ging online. Ich habe nach Orten gegoogelt, die keine Zahnärzte haben. Der erste Ort der auftauchte, war Mogadischu (die Hauptstadt Somalias). Ich ging mit meiner Frau und meinem Baby dorthin, ohne dass ich eine Menschenseele gekannt hätte. Dann entdeckte ich, dass es wie Aleppo ist. Es gab aber einen Unterschied: Meine Einkünfte haben sich verdreifacht.

Nach dem Zusammenbruch der Regierung unter Präsident Siad Barre im Jahr 1991 glitt Somalia in einen Bürgerkrieg ab, der bis heute andauert. Ein Aspekt ist dabei auch der Kampf der somalischen Zentralregierung gegen die Terror-Gruppierung Al-Shabaab. Dennoch erlebt die Region am Horn von Afrika seit einiger Zeit einen moderaten wirtschaftlichen Aufschwung. Immer mehr Somalis aus der Diaspora kehren in ihre Heimat zurück, eröffnen Geschäfte und fördern dadurch die wirtschaftliche Aktivität. Auch der Immobilienmarkt erlebt aktuell einen Aufschwung.

Wohl auch aufgrund der relativen Nähe zu seinem Heimatland und den neuen Möglichkeiten, die sich ihm bieten, entschloss sich Hosam dazu, die Reise nach Somaliland anzutreten. Hosam ist derweil nicht der einzige Flüchtling aus Syrien in dessen Hauptstadt Hargeisa:

Wir hörten, Hargeisa wäre sicher und dass auch andere Syrer bereits hier leben. Deswegen entschieden wir uns dazu, hierher zu kommen. Wir haben hier eine kleine Gemeinschaft von Ärzten, Zahnärzten und Ingenieuren.

Ein anderer Zahnarzt erläutert gegenüber einem Reporter der britischen BBC, warum es Syrer - unabhängig von den beruflichen Aussichten - zunehmend nach Somaliland und nicht nach Europa zieht:

Ich erinnere mich an einen hochrangigen Vertreter der Vereinten Nationen, der davor warnte, dass Syrien das nächste Somalia werden würde und nun bin ich ausgerechnet hier. Sie sind Brite, richtig? Ihre Leute wollen uns nicht, die Somalier schon.

Auch aus diesem Grund fällt es vielen Syrern wesentlich leichter, sich in Somaliland in die Gesellschaft zu integrieren als in Europa. Darüber hinaus sind dort die kulturellen Unterschiede noch wesentlich größer. Neben den Syrern lassen sich auch vermehrt Jemeniten auf ihrer Flucht aus dem Kriegsgebiet im eigenen Land in Hargeisa nieder. In ihrer Heimat führt derzeit eine von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition - unter weitgehendem Desinteresse der westlichen Medienlandschaft - einen Krieg gegen die proiranischen Huthi-Rebellen. Die humanitäre Situation ist katastrophal und zehntausende Zivilisten wurden bereits getötet.

Vor dem Bürgerkrieg im Jemen suchten zunächst tausende Somalier ihrerseits dort Schutz. Nun kehrt sich die Situation allmählich um und immer mehr Flüchtlinge aus dem Jemen suchen Zuflucht unter anderem in Somaliland.

Flüchtlinge durchqueren die Sahara in Richtung Libyen; Agadez, Niger, 9. Mai 2016.

Die Flüchtlinge aus dem Jemen sind in Somaliland vorwiegend im gastronomischen Bereich aktiv. Bürokratische Hürden haben die Jemeniten dabei kaum zu überwinden, wie ein Gastwirt zu berichten weiß:

Wir müssen einen lokalen Partner haben. Wie überall sonst in der Welt ist Geld das wichtigste, aber die Somalis haben uns sehr freundlich empfangen. Sie haben Krieg erlebt und nun wollen sie ihren Frieden mit uns teilen.

Laut UNHCR stieg die weltweite Anzahl von Flucht und Vertreibung betroffener Menschen unterdessen auf einen neuen Höchststand. Demnach waren bis Ende 2015 nicht weniger als 65,3 Millionen dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Filippo Grandi, Hoher Kommissar des UN-Flüchtlingshilfswerks, appelliert dabei auch an die Europäischen Regierungen, mehr zu tun, um die ursächlichen Kriege zu beenden:

Ich hoffe, dass die Botschaft der gewaltsam Vertriebenen die Führungen erreicht: Wir brauchen das Handeln, das politische Handeln, um die Konflikte zu beenden. Die Botschaft der Menschen ist Folgende: 'Wenn ihr die Probleme nicht löst, werden die Probleme zu euch kommen'.

In diesem Sinne machen sich auch vom afrikanischen Kontinent aus jährlich hunderttausende Menschen auf den Weg nach Europa. Die allergrößte Zahl der Flüchtlinge verbleibt derweil allerdings in Afrika selbst. Die Ursachen für die Flucht sind vielfältig. Dazu der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler:

Abgesehen davon müssen Europäer und Amerikaner endlich aufhören, die Existenzgrundlagen der Menschen in Afrika zu zerstören. Wir müssen investieren in Afrika, damit die wirtschaftlichen Verhältnisse verändert werden. [...] Die Ausbeutung der afrikanischen Bodenschätze muss ebenso gestoppt werden wie der Export von Agrarprodukten. Afrika wird ausgebeutet, ohne dass die Einwohner von Afrika nur einen Pfennig davon erhalten.