Vorläufiger Durchbruch in Mali: Islamisten rufen einseitigen Waffenstillstand aus

Vorläufiger Durchbruch in Mali: Islamisten rufen einseitigen Waffenstillstand aus
Mitglieder der islamistischen Gruppierung Ansar Dine in Kidal, Mali; June 16, 2012
Iyad Ag Ghaly, der Kopf der malischen Extremistengruppe Ansar Dine, erklärt sich zu einem einseitigen Waffenstillstand bereit. Trotz der Zusicherungen ist Skepsis geboten.

Der Imam und Präsident des Hohen Islamischen Rates in Mali, Mahmoud Dicko, bestätigte am Montag, ein entsprechendes Schreiben vom Kopf der Islamistengruppe Ansar Dine ("Verteidiger des Glaubens"), Iyad Ag Ghaly, erhalten zu haben. Aus dem Schreiben ging jedoch weder hervor, wie lange die Waffenruhe anhalten soll, noch, welche Gegenleistungen vonseiten der malischen Regierung erwartet werden. Die malischen Sicherheitsbehörden machten diesbezüglich bis dato ebenfalls noch keine Angaben.

Mahmoud Dicko kommentierte das Einigungsangebot wie folgt:

Eine Skulptur angelehnt an die Arbeiten des schwedischen Künslters Carl Frederik Reutersvaerd, vor dem Hintergrund des Bundeskanzleramts in Berlin, February 26, 2013.

[…] Ende September erhielt ich von Iyad Ag Ghaly ein Schreiben, in dem dieser einem einseitigen Waffenstillstand zustimmte, um dem Frieden in ganz Mali eine Chance zu geben.

Im selben Schreiben verweist Ag Ghaly jedoch nach AFP-Angaben darauf, dass sich das Angebot des Einlenkens nicht auf das Vorhaben einer Durchsetzung der Scharia auf malischem Territorium bezöge.

Ag Ghaly, auch "der Stratege" genannt, ist laut Newsweek dafür bekannt, der Musik und dem Whisky zugetan zu sein und agierte unter dem ehemaligen malischen Staatsoberhaupt Amadou Toumani Touré als Diplomat am malischen Konsulat in Saudi-Arabien. Er war ebenfalls Unterhändler bei den Verhandlungen mit militanten Gruppierungen des Landes, unter ihnen Fraktionen der Gruppierung "Al-Qaeda im islamischen Maghreb (AQIM)".

Nachdem Ag Ghaly bei der Vergabe einer Führungsposition in der von Tuareg geprägten Nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad (MNLA) leer ausgegangen war, gründete er im Jahr 2012 Ansar Dine und kämpfte fortan gegen die Zentralregierung in Bamako. Dies führte schließlich zum Putsch gegen den malischen Präsidenten Touré.

Nach dem Staatsstreich verbündeten sich Ansar Dine, AQIM und weitere islamistische Gruppen wie die Vereinigung Mujao ("Bewegung für Einheit und den Dschihad in Westafrika"), um die MNLA bei ihrem Vorhaben zu unterstützen, die drei größten Städte Nordmalis - Kidal, Gao und Timbuktu - unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Folgen dieses Unterfangens waren vor allem Terror gegen die örtliche Bevölkerung, Bestrebungen zur Einführung der Scharia und die Zerstörung von weltberühmten Altertümern.

Flüchtlinge durchqueren die Sahara in Richtung Libyen; Agadez, Niger, 9. Mai 2016.

Auch Staaten wie Saudi-Arabien spielten im nun ausgebrochenen Konflikt eine besondere Rolle. Die wahhabitische Monarchie hatte bereits seit Jahren islamistische Extremisten in Mali gefördert, einem Land, das seit Jahrhunderten für das friedliche Zusammenleben der Religionen bekannt war und geachtet wurde. Dazu äußerte sich bereits vor geraumer Zeit der Vorsitzende der Union junger Imame in Mali, Mohammed Macki Bah:

Wir sind die Anhänger des authentischen Islam. Die Extremisten besitzen zwar viel Geld und Waffen, aber sie sind nur ganz gewöhnliche Schmuggler und Entführer. Das hat nichts mit Religion zu tun. […] Der Westen ist gut befreundet mit Ländern, aus denen der Salafismus kommt, wie Saudi-Arabien und Katar. Sie laden den Extremismus geradezu ein.

Die äußerst strenge Auslegung des Islam in Form des Wahhabismus ist eng verwandt mit dem Salafismus. Saudi-Arabien fördert die extreme Auslegung des Islam auch in etlichen Staaten Afrikas durch den Bau von Moscheen, Koranschulen und die Ausbildung von Imamen in der absolutistischen Monarchie.

Auch Imam Mahmoud Dicko hatte in Saudi-Arabien studiert, gab sich aber bereits vor geraumer Zeit als geläutert:

Wir müssen zu einer progressiven Form des Islam kommen, wie zum Beispiel in der Türkei, […] die Malier sind tolerant. Es sind die Ausländer, die radikal sind.

Vor und während der NATO-Intervention in Libyen sollen tausende Tuareg aufseiten Gaddafis gedient haben. Nach dem Sturz der libyschen Regierung überschritten die Kämpfer über Niger kommend schließlich die malische Grenze. Dort trachteten sie danach, den seit Jahrzehnten schwelenden Disput um die Unabhängigkeit des für sie mythischen Azawad, einer Region im Norden Malis, nun auch mit Waffengewalt wiederaufzunehmen.

Die Wiederaufnahme von Erdölexporten sei für Libyen zwar eine Chance, meint Handelskammerpräsident ben Muftah. Westliche Staaten wie Frankreich könnten jedoch die Teilung Libyens vertiefen wollen, um das eigene Energiemonopol in Afrika zu wahren.

Nachdem Mali über Jahre als "Musterdemokratie" auf dem afrikanischen Kontinent gegolten hatte, driftete das Land nach dem Putsch gegen Präsident Touré im Jahr 2012 immer weiter in einen blutigen Konflikt ab, was nach offizieller Lesart schließlich Frankreich dazu veranlasste, militärisch einzugreifen, um den Konflikt in seiner ehemaligen Kolonie zu befrieden. Neben einer jahrhundertealten Kultur verfügt Mali über enorme Vorkommen an Uran, auf die Frankreichs Atomindustrie angewiesen ist.

Auch wenn es sich beim nun erzielten einseitigen Waffenstillstand um einen beachtlichen Verhandlungserfolg von Imam Dicko handelt, besteht Grund zur Skepsis, zumal ein ähnliches Schreiben auch im vergangenen Jahr nicht zu nachhaltigem Frieden geführte hatte. Tödliche Angriffe, vor allem gegen Zivilisten, wurden ungeachtet der Ankündigung weiter durchgeführt. Eine Quelle aus malischen Sicherheitskreisen wird denn auch mit folgenden Worten zitiert:

Der Brief [von Iyad Ag Ghaly] stammt bereits vom 27. September 2016. Seither gab es allerdings ungeachtet dessen Angriffe, die Ansar Dine zugeschrieben werden oder zu denen die Gruppe sich bekannte.

Als Teil der UN-Mission Minusma ("Mission multidimensionnelle intégrée des Nations Unies pour la stabilisation au Mali") ist auch die Bundeswehr derzeit in Gao, im Norden Malis, mit etwa 550 Soldaten stationiert. Weitere 130 deutsche Soldaten sollen im aktuell weniger gefährdeten Süden Malis helfen, den nach wie vor brüchigen Frieden zu überwachen.

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