IS-Strategiewechsel: Ziehvater Saudi-Arabien als nächstes Opfer?

IS-Strategiewechsel: Ziehvater Saudi-Arabien als nächstes Opfer?
IS-Strategiewechsel: Ziehvater Saudi-Arabien als nächstes Opfer?
Erntet jeder, was er sät? Da der militärische Vormarsch des Islamischen Staates (IS) im Irak und in Syrien zum Stillstand gekommen zu sein scheint und sich die IS-Gegner zunehmend behaupten können, müssen sich die Dschihadisten nun neue Betätigungsfelder suchen. Und scheinen, wie ein Anschlag auf einen hochrangigen Militär in Saudi-Arabien zeigt, bereits ein neues Ziel gefunden zu haben.

Für den IS ist Saudi-Arabien wegen seiner engen Beziehungen zu den USA und zum Westen und wegen der jüngsten Beteiligung an der Anti-IS-Koalition zum Verräter geworden. Denn aus Angst vor ohnehin brodelnden innenpolitischen Verwerfungen und der Anziehungskraft des selbst ernannten Kalifats kappte Riad seine Beziehungen zum Islamischen Staat. Bisher kämpften die IS-Dschihadisten ausschließlich in Syrien und Irak. Doch nun erreichte der Zorn al-Bagdadis auch den einstigen Ziehvater und Sponsor des Islamischen Staates. So kamen am Montag bei einem schweren Schusswechsel und einem gezielten Selbstmordanschlag zwei Soldaten und ein Bridgadegeneral, den Kommandanten der nördlichen Grenztruppen Saudi-Arabiens, ums Leben.

Saudi-Arabien hat den IS, den er gegen die Regierungstruppen al-Assads, die in Syrien kämpfende schiitische Hisbollah und pro-iranische Milizen in Irak hochzüchtete, nicht mehr unter Kontrolle. Schenkt man offiziellen Angaben des Innenministeriums in Riad Glauben, dann starben in den frühen Morgenstunden drei Soldaten einer schwer bewaffneten unbedeutenden Grenzpatrouille nahe der Stadt Suweif.

Bei genauerer Betrachtung wird die Tragweite des Zwischenfalles jedoch schnell deutlich: Es handelte sich um einen gezielten Anschlag auf einen hochrangigen saudischen Brigadegeneral. IS-Truppen der irakischen Provinz Anbar töteten in einer Nacht- und Nebel-Aktion Awdah al-Balawi, den Kommandanten der nördlichen Grenztruppen Saudi-Arabiens.

Nachdem saudische Emire mit Beginn des syrischen Bürgerkrieges 2011 noch fleißig radikale salafistische Elemente der Opposition finanziert hatten, muss Riad heute ein Überschwappen sunnitischer Fanatiker auf das eigene Hoheitsgebiet fürchten. Unterdessen erhärten sich Vermutungen, wonach das Königreich auf der Halbinsel längst von IS-Sympathisanten infiltriert worden wäre.

Der Schlag gegen die militärische Führung wurde genau geplant. Inoffiziellen Informationen zufolge bauten Dschihadisten beachtliche Netzwerke auf saudischen Boden auf. Der jüngste Anschlag unterstreicht diese Darstellungen, denn ohne ein informelles bis geheimdienstliches Geflecht des IS in Saudi-Arabien wäre ein Übergriff dieser Qualität kaum realisierbar.

Zwar ist Riad fähig, so gut wie jede territoriale Bedrohung im Nahen Osten militärisch beantworten zu können - das Land weist mit einem Budget von 67 Milliarden US-Dollar eines der größten Militäretats der Welt aus -, dennoch, und das macht den IS so gefährlich, sympathisieren viele junge Saudis mit dem salafistisch-radikalen Gedankenkonstrukt des Islamischen Staates.

Erst letzten Monat bekannte sich der Islamische Staat zu einem Anschlag auf einen in Saudi-Arabien arbeitenden Dänen. Im November letzten Jahres sollen IS-Sympathisanten Schiiten in der al-Ahsa-Provinz angegriffen haben. Dabei nahmen saudische Sicherheitskräfte rund 100 Militante fest, die sich mutmaßlich auf den selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi, der Saudi-Arabien zur Provinz (Wilayet) des von ihm kontrollierten Territoriums des Islamischen Staates deklarierte, beriefen.

Mustafa Alani, irakischer Sicherheitsanalyst, sagte gegenüber Reuters:

„Das ist der erste Angriff des Islamischen Staates gegen Saudi-Arabien und eine klare Antwort auf den saudischen Eintritt in die USA geführte Anti-IS-Koalition.“
Auch sucht der IS händeringend nach neuen Alternativen. Denn der Kampf um Kobane könnte bald zur ersten großen Niederlage des IS werden. Rund 80 Prozent der syrischen Kleinstadt sollen wieder in den Händen kurdischer Kämpfer sein. Dies bestätigte zumindest die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Auch wenn konkrete Informationen über den tatsächlichen Verlauf der IS-Front angesichts massiver Desinformationskampagnen auf allen Seiten der beteiligten Kriegsparteien nur spärlich vorliegen, scheint sich der IS definitiv in einer Phase militärischer Neuorientierung zu befinden.

Weil die von den USA geführte Anti-IS-Koalition mittels flächendeckender Bombardierungen und einer allmählich wirksamen Aufrüstung kurdischer Kräfte ein Vordringen des IS gen Norden und Nordosten praktisch nicht mehr möglich macht, und dieser dadurch, wie jüngste Verluste rund um die Jesiden-Hochburg Sindschar und andernorts im Nord-Irak eindrucksvoll belegen, seinen für den internationalen Zulauf wichtigen Nimbus der vermeintlichen Unbesiegbarkeit zu verlieren droht, sucht der Islamische Staat nach neuen Zielen.

Während also im Westen Assads Regierungstruppen effektiven Widerstand leisten, im Norden kurdische Kämpfer jedweder Couleur schrittweise lernen, sich zu behaupten und der Süden Iraks aufgrund einer mehrheitlich schiitisch geprägten Bevölkerung, die sich dem Schutz Irans gewiss sein kann, quasi unbezwingbar ist, bleibt dem Islamischen Staat nur ein Vordringen auf Saudi-Arabien.