Anti-RT-Abend an der Freien Uni Berlin - Mit freundlicher Unterstützung der US-Botschaft

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"RT gegen die Welt: Russlands globale Medienstrategie" - unter diesem Titel sprach Ann Cooper von der Columbia University gestern vor Studierenden der FU Berlin. RT Deutsch-Redakteur Florian Hauschild ließ sich das Spektakel nicht entgehen und beschreibt den Abend aus seiner Sicht. Ein Dank geht auch an die Botschaft der Vereinigten Staaten, die als Co-Organisator des Abends half, RT unter den Studenten noch bekannter zu machen.

von RT Deutsch-Redakteur Florian Hauschild

Was mich da wohl erwartet? An der FU Berlin wird zu einem Vortrag geladen. Der Titel: "RT versus the world: Russias global Media Strategy." ("RT gegen die Welt: Russlands globale Medienstrategie").

Die offene Vorlesung, initiiert von einer Studentengruppe, und wie es in der Begrüßung heißt, "unterstützt und mitorganisiert von der US-Botschaft", wurde nicht öffentlich angekündigt. Aber natürlich erfuhr die RT Deutsch-Redaktion aus verschiedenen Quellen frühzeitig von der Veranstaltung.

Da redet jemand über uns? Na, dann sollte man da wohl hingehen, so der Gedanke. Reflexion und Feedback bringen den Menschen bei seiner Arbeit ja generell voran. Auch wenn der Titel des Vortrags leicht verschwörerisch klingt, würde es sicher interessant werden. Oder führt RT tatsächlich einen Krieg gegen "die Welt", und sind meine Kollegen und ich vielleicht nur ferngesteuerte Schreibdrohnen in diesem Krieg? Wer weiß das schon? Putin?

In jedem Fall würde es interessant sein, der Dozentin Ann Cooper von der Columbia University, selbst Journalistin mit jahrzehntelanger Erfahrung, Aufmerksamkeit bei ihrer Rede zu schenken. Gesagt, getan.

Im Hörsaal A an der Uni haben sich knapp 50 weitere Zuhörer eingefunden. Frau Cooper macht einen freundlichen Eindruck und betont zu Beginn ihres Vortrages, dass einige Stimmen - wie etwa Hillary Clinton -  in letzter Zeit davon sprachen, dass es einen Informationskrieg geben würde, den der Westen verliert und den Russland gewinnt. Eine zentrale Rolle dabei nehme das russischstämmige Medienunternehmen RT ein. Doch gibt es überhaupt diesen Informationskrieg oder hat die Berichterstattung von RT überhaupt nennenswerten Einfluss auf die Meinungsbildung? Cooper ist sich bei beiden Fragen nicht wirklich sicher - oder will sich nicht festlegen.

Während der erste Teil ihres Vortrages die Grundaussage umreißt, dass niemand der Studierenden RT konsumieren muss (soll?), stützt sich der zweite Teil der Rede auf die jüngste Kampagne in der verschiedene westliche Medien - darunter die BBC - die Relevanz von RT kleinzureden versuchten. So kann zwar allein das englischsprachige Angebot über 1,5 Milliarden Klicks auf Youtube verzeichnen, doch sei dies wohl kaum mit politischer Bedeutung gleichzusetzen, da die erfolgreichsten Clips von Naturkatastrophen handeln oder den "Blueberry Hill" singenden Wladimir Putin zeigen - der dann auch gleich unter partiellem Gelächter seitens der Zuhörerschaft vorgeführt wird. Wieder ein Klick mehr, denke ich nur.

Dabei unerwähnt bleibt natürlich die Tatsache, dass eines der erfolgreichsten BBC-Videos eine Spinne zeigt, die vor der Linse einer Kamera ihr Netz aufgespannt hat und - während ein Nachrichtensprecher seine Meldungen verliest - eindrucksvoll ihre Beute verschlingt. Ebenfalls beliebt auf BBC: Jimmy Page erklärt wie er "Stairway to Heaven" geschrieben hat. Letztendlich führen bei jedem Medienangebot besonders amüsante, emotionale oder spektakuläre Inhalte zu den meisten Klicks. Doch indem man den Rest der Medienwelt einfach ausblendet, lässt sich selbst anhand dieser Tatsache schnell eine vermeintliche Argumentations-Keule gegen RT basteln.

Ungeachtet der von Cooper lange ausgebreiteten "Eventualität" (generell bleibt an diesem Abend alles im vagen), dass RT keine Relevanz besitzt, nimmt sich die Referentin an diesem Abend gerne die Zeit, um im wissenschaftlichen Gewand rund eine Stunde über den Sender zu referieren. Der einzige Zweck ihres Vortrags scheint zu sein, den Studenten das Interesse an RT zu verderben. Ein Medienangebot, das ohnehin niemand verfolgt?

Putin-Meme. Quelle: Internet

Bestimmt ist es nur Zufall, dass die Veranstaltung zu Beginn des neuen Semesters stattfindet, wenn es auch in Studierendengruppen und unter Erstsemestern um die Frage geht, wie man mit welchen Quellen umzugehen hat. Darf RT in einer Hausarbeit zitiert werden? Sollte man Videoclips von RT in ein Referat einbinden oder besser darauf verzichten? Nicht ausgeschlossen, dass diese Fragestellungen einige Hörerinnen und Hörer zu dem Vortrag getrieben hat. Und Cooper versucht sich daran, eine eindeutige Antwort zu geben: "Niemand muss RT schauen", heißt es. Fast schon ein wenig flehend wiederholt die Dozentin dieses Kernanliegen während des Vortrags an verschiedenen Stellen.

Das Ganze erinnert ein wenig an den Vortrag einer Benimmdame aus dem 19. Jahrhundert, die Heranwachsenden erklärt, sie sollen doch bitte beim Einschlafen die Hände über der Bettdecke lassen. "Ihr könnt auch einfach Schafe zählen." - "Ihr verpasst rein gar nichts." - "Das ist auch besser so für euch." Wen das wohl überzeugen wird?

Zumal: Es mangelt an Argumenten und einer tatsächlichen inhaltlichen Auseinandersetzung. Ein Vergleich der Narrative zwischen westlichem Mainstream und RT? Ein Faktencheck, gar? Fehlanzeige. Im Grunde werden alle Standards der Wissenschaft an diesem Abend mit Füßen getreten. Weder ist Objektivität zu erkennen, noch werden die Aussagen über RT in Relation zu anderen Medien gesetzt. Es wird sich über einzelne RT-Interviewgäste mokiert, ohne sich die Gästestruktur westlicher Medien auch nur ansatzweise anzuschauen.

Insgesamt lässt der Vortrag - je weiter er voranschreitet - in wachsendem Maße qualitativ zu wünschen übrig, insbesondere eingedenk der Tatsache, dass die Referentin an der renommierten Columbia University wissenschaftlich tätig ist. Die Einleitung besteht aus einer holprigen Darstellung medialer Propaganda zu Sowjetzeiten, gefolgt von einer Lobhudelei auf die russischen Medien unter Gorbatschow und später Jelzin. Doch diese "goldene Ära" des russischen Journalismus habe exakt im Jahr 1999 ein Ende genommen. Das Jahr, in dem Wladimir Putins Präsidentschaft begann. Seit dem gebe es zwar irgendwie schon eine freie Presse in Russland, diese lässt sich von westlichen Interessen jedoch nicht wirklich instrumentalisieren. Cooper nennt das: "Putin muss sich keine Sorgen machen". So treibt wohl viele Vertreter der US-Elite mittlerweile die Frage um, was nun passiert, wenn dieses Russland auch auf globaler Ebene medial wahrgenommen wird.

Cooper versucht sich deshalb mit einer "Analyse", die daraus besteht diverse Video-Schnipsel von RT vorzuführen. Inhaltlich wirken die meisten von diesen eher interessant. Präsentiert wird etwa der Pulitzer-Preisträger Chris Hedges im RT-Interview oder Abby Martin bei ihrer legendär gewordenen Auseinandersetzung mit John McCain.

Zum Attentat auf Boris Nemtsov und dem folgenden Protestmarsch in Moskau zeigt Cooper eine RT-Aufnahme mit Anissa Naouai und merkt an, dass sich die RT-Berichterstattung zu der Demonstration nicht wesentlich von dem unterschied, was man von CNN dieser Tage zu hören bekam: Trauer, Wut und Empörung auf Moskaus Straßen.

Der vermeintliche Skandal bestünde laut Cooper allerdings darin, dass RT des Öfteren so genannte "fragwürdige Gesprächspartner" zu Wort kommen lässt. Da sagte ein weiblicher Gast in Bezug auf den Nemtsov-Fall gegenüber RT doch tatsächlich, man solle die offizielle Untersuchung abwarten, bevor man sich in vorzeitige Schuldzuweisungen versteigt. Letztendlich könne jeder hinter dem Attentat stehen, selbst irgendein ausländischer Geheimdienst, so der O-Ton.

Für die Referentin ist damit der Fall klar: RT will vor allem "verwirren". Anstatt, wie der übrige Kanon der westlichen Weltpresse, das Attentat ohne große Umschweife Putin und den seinen in die Schuhe zu schieben, will da doch tatsächlich jemand, dass die Untersuchungsbehörden ihren Job machen. Das dauert dann eine Weile? Klarer Fall von Desinformation!

So oder so ähnlich verläuft dann auch der Rest der Präsentation. Vereinzelte Gesprächspartner von RT werden bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit in Frage gestellt, es wird RT vorgehalten, dass der Sender "mit harten Worten" die USA kritisiert - wie etwa in Bezug auf die ausufernde Gewalt von Polizisten gegen meist afroamerikansiche Bürger im ganzen Land  - was ja auch schon irgendwie tatsächlich ein Problem sei. Aber wieso thematisiert RT dies so viel mehr als die westliche Presse?

Foto: pk210 / Flickr / CC-BY-SA-2.0

Coopers Antwort ist nahe an konspiratorischen Interpretationsmustern und bewegt sich in die Richtung des Veranstaltungstitels: "RT gegen die Welt", "Informationskrieg".

Nun ja, aus meinem Redaktionsalltag weiß ich, dass wir bei RT an Kritik in Bezug auf die USA, Israel und die Rolle der deutschen Bundesregierung bei der imperialen US-Kriegsführung kein Blatt vor den Mund nehmen. Warum auch? Ob bei der anhaltenden Besatzung des Gaza-Streifens und der Westbank, der illegalen, vom deutschen Ramstein aus mitausgeführten US-Drohnenkriege oder beim NSA-Überwachungsskandal, der fehlende Part erstreckt sich über zahlreiche Themenfelder, wie auch ein Blick in das RT Deutsch-Archiv zeigt.

Längst wurde RT, neben anderen Angeboten, zum notwendigen Korrektiv einer ansonsten einseitig durch transatlantische Interessengruppen, Netzwerke und Think Tanks beeinflussten Medienmaschinerie. Eine Marktlücke für Russlandkritik gibt es hingegen schlicht nicht. In der Wirtschaft würde man wohl sagen, dieser Markt ist übersättigt.

So stellt sich mir langsam die Frage warum die Dozentin es für anrüchig hält, dass RT über all diese Themen berichtet, anstatt sich zu fragen, warum die westliche Mainstream-Presse dies nicht tut - oder wenn, dann nur irgendwo auf Seite 17 in einem Zwölfzeiler.

Doch da endet der Vortrag auch schon. Auf einer Powerpoint-Folie prangern jetzt, angelehnt an den Titel von Lenins Hauptwerk, die Worte "What to be done?"("Was tun?") und darunter "Ban RT" ("RT verbieten"), gefolgt von weiteren Punkten, die schnell und ohne erkennbaren Enthusiasmus von Cooper abgehandelt werden. Neben "Ihr müsst nicht RT schauen." ist "Ban RT" nun die zweite Kernaussage des Vortrages, die sich in das Gedächtnis der Zuhörer brennen soll.

CNN/CIA-Karikatur. Quelle: http://therundownlive.com

Auf die kritische Nachfrage einer der Studierenden, ob es nicht sinnvoller sei, eine multipolare Welt anzustreben, in der auch Russland seine Interessen und Sichtweisen artikulieren kann, rudert Cooper dann jedoch merklich zurück. Eigentlich sind Verbote ja meistens ohnehin nicht zielführend. Viel wichtiger ist: Niemand muss RT schauen! Lasst die Hände über der Bettdecke!

Gegen Ende der Diskussionsrunde entschließe ich mich schließlich, den Saal über meine Identität aufzuklären. Ohnehin hatte zuvor jemand die Frage an Cooper gerichtet, wie denn RT-Mitarbeiter ihre Arbeit sehen.

Ich erkläre mich gerne dazu bereit, spontan einige Fragen zu meiner Tätigkeit zu beantworten und frage die Dozentin ob es nicht möglicherweise mehr über den Westen und dessen Medienlandschaft aussagt, als über Russland, wenn Moskau bereit ist Hunderte von Millionen Dollar an Steuergeldern in die Hand zu nehmen, um der westlichen Berichterstattung etwas entgegenzusetzen. Heißt das nicht, dass der westliche Mainstream eine Menge Informationen und Sichtweisen verschweigt, wenn es ein global agierendes Mediennetzwerk wie RT braucht um diese Lücke zu füllen? Und beweist dies nicht, dass sich die westliche Medienlandschaft in ihrem Narrativ vor allem gegen Russland richtet?

"Oh, es ist ja nicht nur Russland, das viel Geld in mediale Strukturen und Projekte steckt. Im Grunde tun das alle Länder, um ihre Sichtweise artikulieren zu können", so Cooper.

"Russland macht also nur, was alle anderen auch machen?"

"Ja, im Grunde schon."

Warum sich der Abend dann einseitig mit RT beschäftigt, bleibt im Dunkeln. Eventuell geht das ja doch auf die Co-Organisation der Veranstaltung seitens der US-Botschaft zurück. Doch auf meine Nachfrage versichert Cooper mir, dass dieser Umstand keinen

Einfluss auf ihren Vortrag hatte. Sie halte viele Seminare ab und sage sonst auch nichts anderes, egal wer geladen hat, bekräftigt die Dozentin und bewirbt noch einmal ein RT-Watchblog, das von Cooper-Studenten ins Leben gerufen wurde, nachdem die Journalistin diese dazu animiert hatte.

Mich beschleicht das Gefühl, dass, wenn es denn einen Informationskrieg gibt, dieser eher vom Westen gegen RT und Russland geführt wird. Aber vielleicht gibt es auch gar keinen Informationskrieg, sondern nur Kommunikation. Und wie das so ist in der kommunikativen Auseinandersetzung, setzt sich die Seite mit den besseren Argumenten irgendwann durch.

An Argumenten und einer sachlichen Auseinandersetzung mangelte es aber gänzlich an diesem Abend. So mutierte der Vortrag letztendlich unfreiwillig zu einer Werbe-Veranstaltung für RT. Denn sind es nicht gerade die verbotenen Früchte, die am leckersten sind?

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