Nationalmythos Maidan - Wie die Ukraine ihre Geschichtsbücher neu schreibt

Laut den neuen Leitlinien für nationalpatriotische Erziehung lautet das Odessa-Narrativ "Die Demonstranten haben sich selber angezündet“ - Quelle: Ruptly
Laut den neuen Leitlinien für nationalpatriotische Erziehung lautet das Odessa-Narrativ "Die Demonstranten haben sich selber angezündet“ - Quelle: Ruptly
Der „Ausschuss für nationalpatriotische Erziehung“ in der Ukraine hat neue Leitlinien für die Geschichtserziehung in den Schulen herausgegeben. Zusammen mit dem Bildungsministerium wird den Lehrern vorgegeben, wie man die aktuelle Zeitgeschichte, insbesondere um den Maidan, den Schülern vermitteln soll. Darin wird beispielsweise die zuvor geplante Zollunion mit Russland als „Versuch des Völkermords“ gewertet und die Anti-Maidan-Anhänger in Odessa hätten sich laut diesem offiziellen Narrativ, im Gewerkschaftshaus „selbst angezündet“.

Geschichte ist die Grundlage der Identität einer Nation. Es ist unsere Vergangenheit welche die Gegenwart bestimmt. In Deutschland prägen die Erfahrungen des Nationalsozialismus und seine Folgen die politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Das ist keine neue Erkenntnis. Diesen Prozess müssen auch die Länder der ehemaligen Sowjetunion durchlaufen und eine eigene Geschichte schreiben, eine eigene nationale Identität entwickeln. So stabilisiert man ein politisches System von innen heraus.

Quelle: Screenshot Youtube-Video

Diesen Prozess durchläuft auch die Ukraine. Dabei wird er durch die regionale Vielfalt erschwert, denn Teile des Landes gehörten im Verlauf der Geschichte schon zum Russischen Reich, Österreich-Ungarn und auch schon mal zu Polen-Litauen. Der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe verwies in einem Interview mit Stefan Korinth im Nachrichtenportal TELEPOLIS darauf, dass die Ukrainer „aufgrund ihrer Geschichte vielfältig sind". Sie haben trotz der Sowjetisierung „verschiedene lokale und nationale Identitäten (…). Die meisten in der Ukraine lebenden Menschen definieren sich zwar als Ukrainer, aber sie sprechen nicht alle Ukrainisch und fühlen sich verschiedenen historischen Traditionen zugehörig. Galizien hat eine andere Geschichte als die Zentral- oder die Ostukraine.“

Um aber das politische System zu stabilisieren wird in der Ukraine versucht, eine gemeinsame, einheitliche Geschichte zu konstruieren, anstatt die verschiedenen regionalen Unterschiede als Teil der Identität zu belassen. Hierbei konkurrieren vor allem zwei Deutungsmuster: das Nationalistische und das Sowjetische. Während die nationalistische Identitätsdeutung vor allem davon ausgeht, dass Russland seit jeher die Ukraine zu vernichten versucht, basiert das sowjetische Narrativ auf dem „Großen Vaterländischen Krieg“. Hierbei werden Massenmorde und Kriegsverbrechen, begangen auf beiden Seiten in der Ukraine, instrumentalisiert, um die eigene Position zu stärken. Schon in den 1990er Jahren stellten die Sozialforscher Rainer Münz und Rainer Ohliger fest, dass die Vorstellungen von der Zukunft der Ukraine von der jeweiligen Interpretation der Vergangenheit abhängen.

Quelle: Libary of Congress

Und so überrascht es nicht, dass auch jetzt die Interpretation der Geschehnisse auf dem Maidan zum Politikum wird. Schon seit letztem Jahr wird, auf ausdrücklichem Geheiß von Jazenjuk, die ukrainische Geschichte als Teil einer europäischen Geschichte behandelt. Für die „national-patriotische Erziehung“ – ein Überbleibsel aus Sowjetzeiten – wurde letztes Jahr eigens ein „Ausschuss für nationalpatriotische Erziehung“ gegründet, welcher Leitlinien für die Erziehung in den Schulen herausgeben soll. Im April dieses Jahres wurde vom Bildungsministerium auch ein Dokument veröffentlicht, welches Lehrern Ratschläge gibt, wie sie die Ereignisse um den Maidan lehren sollen. Darin wird angemerkt, dass die Zollunion mit Russland ein Versuch des Völkermordes an den Ukrainern dargestellt hätte. Genauso habe sich die Anti-Maidan-Anhänger in Odessa 2014 – bei dem viele verbrannt sind – selber angezündet.

Als eine der letzten Maßnahmen Wiktor Juschtschenkos wurde Stepan Bandera postum am 22. Januar 2010 der Ehrentitel "Held der Ukraine" verliehen. Sein Nachfolger Wiktor Janukowitsch kündigte als eine seiner ersten Maßnahmen die Aberkennung des Heldentitels für Bandera an, was durch einen Gerichtsbeschluss am 02.April 2010 auch offiziell geschah. Zur "Juschtschenko-Zeit" wurde auch die „patriotische Erziehung“ als Baustein der Identitätsbildung eingeführt und jetzt von Jazenjuk intensiviert. So wird nun auch das Fach „Nationalverteidigung“ von den Kämpfern der Anti-Terror-Operation unterrichtet.

Geschichtsschreibung und Identitätsbildung sind zentrale Bausteine für eine Politik Deutungshoheit.  Wer diese dominiert der bestimmt auch in welche Richtung sich die Ukraine bewegt. Momentan ist es Richtung Europa – jedoch unter dem Vorzeichen einer zunehmenden nationalistisch-patriotischen Stimmung. Es bleibt abzuwarten, wie der Krieg sich auf die Identitätsbildung des Landes auswirkt und wie sich nach dem Krieg beide Seiten in diesem Narrativ wiederfinden können.

 

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