Offener Brief an Spiegel-Redaktion wegen Titel-Story "Russlands Weltmachtspiele: PUTIN GREIFT AN“

Aktuelles Titelblatt des Spiegels
Aktuelles Titelblatt des Spiegels
Die ehemalige Spiegel-Leserin Anja Böttcher ist bestürzt über die Entwicklung, die das Politmagazin aus Hamburg in den letzten Jahren genommen hat. Die Titelstory des aktuellen Heftes mit der Überschrift "Russlands Weltmachtspiele: Putin greift an" brachte für Böttcher schließlich das Fass zum überlaufen. In einem Offenen Brief wendet sie sich an die Spiegel-Redaktion. RT Deutsch dokumentiert das Schreiben im Wortlaut.

Sehr geehrte Spiegel-Redaktion,

als langjährige Abonnentin von Der Spiegel darüber hinaus jahrzehntelange Kundin, die sich mindestens 40mal im Jahr ein Spiegelheft zulegte, fühlte ich mich seit dem Frühjahr 2014 zunehmend so befremdet von der stark bellizistischen, russophoben und geschichtsvergessenen Darstellung der Ukraine-Krise in ihrem Medium, dass ich angesichts des manichäischen, dämonisierenden und im Tonfall unangenehm vulgarisierten Präsentations­modus dieses Themas die Wochenschrift Der Spiegel nicht mehr finanziell unterstützen mochte.

SPIEGELein, SPIEGELein an der Elbe  – Wieso schreibst du immer nur dasselbe?

Jedoch glomm ein Hoffnungsschimmer bei mir auf, als der vorläufige Höhepunkt medialer Kriegstreiberei in Ihrer Zeitschrift durch das skandalöse Titelbild nach dem MH17-Absturz mit der Titelzeile „Stoppt Putin jetzt“, dem der Leitartikel „Ende der Feigheit!“ folgte, einen derartigen Leserfuror auslöste, dass er einige Monate später zum Ende der Leitungsfunktion des verant­wort­lichen ehemaligen Springerredakteurs Nikolaus Blome führte. Ich hoffte, hier sei die Einsicht erfolgt, dass die massive propagandistische Aufrüstung eines Presseorgans, das eine zu über 80 Prozent antimilitaristisch ausgerichtete Bevölkerung nur befremden könne, als gewaltige mediale Fehlentwicklung begriffen wurde.

Wie viele andere hoffnungsvolle Leser habe ich mich darin anscheinend gewaltig getäuscht. Zwar schien der demagogische Tonfall der Artikel eine Weile lang leicht gedämpft (mit Ausnahme der von dem geradezu von pathologischem Hass gegen die von 80 Prizent der Russen gestützte russische Regierung zerfressen wirkenden Jungautoren Benjamin Bidder verfassten Beiträge), aber weder änderte sich das extrem selektive Kernnarrativ, das sich mit einer sachlich soliden Berichterstattung keinesfalls vereinbaren ließ, noch der einem großen europäischen Nachbarland gegenüber unerträgliche Ton von Hybris und Verächtlichkeit.

Gezielte Dämonisierung von Russlands Präsident Wladimir Putin in deutschen und internationalen Medien.

Ein neuerlicher Zivilisationsbruch von unverzeih­lichem Ausmaß ist allerdings mit Ihrer neuen Ausgabe unter dem Titel „Russlands Weltmachtspiele: PUTIN GREIFT AN“ erreicht. Hier sitzt ein martialisch blickender russischer Präsident in einem Kampfflugzeug, das wie in einem Computerspiel auf den Zuschauer zuzustürzen scheint, und soll anscheinend die Bereitschaft der russischen Regierung vorspiegeln, die deutsche Leserschaft anzugreifen. Dem entspricht auch der Tenor der Artikel. (Ich habe sie lediglich in meinem Zeitungskiosk überflogen, denn solche Hetze bin ich nicht bereit, finanziell zu unterstützen!) Da wird ernsthaft suggeriert, eine aggressiv hegemonial auftretende russische Regierung sei bereit, die ganze Welt kriegerisch zu erobern und „der Westen“ müsse hierauf massiv kriegerisch reagieren, schaue aber sträflicherweise passiv zu – wie einst die zu lange wartende und innerlich zerstrittene Anti-Hitler-Koalition.

Das ist ein Hammer! Dies ist aktive Kriegstreiberei! Dies ist ein gravierender Verstoß gegen Artikel 26 (1) Grundgesetz. Als eine Aufforderung, auf eine von der UN bewilligte und im Einvernehmen mit der völkerrechtlich legitimen Regierung eines souveränen syrischen Staates (wie immer man sie auch politisch beurteilen mag!) komplett abgestimmten, ergo mit dem Völkerrecht vollständig übereinstimmende militärische Aktion ein kriegerisches Vorgehen gegen Russland zu fordern, ist das, was sie hier betreiben, laut unserem Grundgesetz das schlimmste durch journalistische Tätigkeit zu begehende Verbrechen, das es kennt: nämlich die Aufforderung zu einem Angriffskrieg. Ich hoffe inniglich, dass die Staatsanwaltschaft hier tätig wird. Denn der Umstand, dass der Versuch der geistigen Vorbereitung von Kriegsverbrechen durch Propagandisten als Verbrechen gegen die Menschheit nicht minder hart zu bestrafen ist als deren politische Umsetzung, wurde rechtsgeschichtlich durch das Todesurteil gegen den journalistischen Verbrecher Julius Streicher in Blei gegossen.

Dass sie durch eine solche üble Hetzerei die eh schon bei der Leserschaft übel ramponierte Reputation eines einstigen Leuchtturms der bundesdeutschen Demokratie endgültig zerstören, ist durch nichts mehr rational zu erklären. Umso weniger, als alleine die Leserzuschriften zu Ihren gestern noch zum Thema veröffentlichten Beiträgen auf Spon beweisen (ab heute, dem 13.10.2015, darf kein Leser mehr zum Thema Syrien kommentieren, weil offensichtlich ist, dass die Leserkommentare einen höheren Sachgehalt aufweisen als die Spiegelartikel, auf die sie sich beziehen), dass Ihre politisch interessierten Leser die russische Intervention gegen den islamischen Terrorismus sehr begrüßen und hoffen, dass sie zur Stabilisierung der Region führen möge, deren Zerfall inzwischen unverkennbar auch die Stabilität der Türkei und der EU-Staaten bedroht.

Dass deren Regierungen hieran eine Mitschuld tragen, durch eigene Militärinterventionen in der Region (übrigens: im Gegensatz zur russischen allesamt gegen das Völkerrecht!) wie durch mangelndes Rückgrat gegen die desaströse und aggressive Nahost-Politik der USA, die den islamischen Terrorismus in diesem Ausmaß erst schuf und dazu noch durch dessen militärische Ausrüstung (teilweise wissendlich, teilweise durch blanke Unfähigkeit versehentlich) verstärkte, bleibt davon unberührt. Summa summarum ist die Sichtweise der Spiegelleser, dass die Regierung desjenigen Landes, gegen das der Spiegel zum Angriffskrieg bläst, versucht, die Katastrophenpolitik zu reparieren, die das eigene Militärbündnis in eineinhalb Jahrzehnten verbrochen hat.

Der Spiegel, Benjamin Bidder und das Sommerloch: Zum Glück gibt es Putin und Russland

Zwei volle Jahre antirussischer Propaganda schlimmster Sorte haben bisher die deutsche Gesellschaft nicht darin kirre werden lassen, von ihren politischen Repräsentanten eine stabile Friedenspolitik auf der Grundlage der Rechtsbasis unseres Grundgesetzes und der geschichtlichen Erfahrung zweier von Deutschland verbrochener Weltkriege zu verlangen. Von ihren Medien erwarten die Menschen eine Wächterfunktion für dieses Ziel, dem sich über 82 Prozent verpflichtet fühlen. Dabei sind wir uns sehr bewusst, dass es sich gerade bei Russland um ein Land handelt, dass nach dem zweiten deutschen Aggressionskrieg 27 Millionen Tote zu beklagen hatte.

Die aggressive und alle Maßstäbe sprengende Kriegshetze gerade gegen dieses Land durch ein ehemaliges deutsches Leitmedium ist nicht mehr nur lediglich unverständlich: Mit dem, was Sie hier betreiben, erweist sich das Ausmaß des sich hier austobenden Russlandhasses als kriminell. Noch tiefer kann Der Spiegel definitiv nicht mehr sinken.

Nach dieser Ausgabe wäre folglich der einzige Schritt, durch den Der Spiegel der Demokratie in Deutschland noch einen Dienst erweisen könnte, seine spektakuläre Abwicklung, nachdem er durch die vollständige Verweigerung seiner Leser, einen solchen Dreck zu lesen, Konkurs anmelden müsste.

Mit tief bestürzten und fassungslosen Grüßen,

Anja Böttcher

Quelle: Propagandaschau