Falsche Behauptungen und echte historische Hintergründe: Mediale Hetzjagd gegen russischen Botschafter in Warschau

Falsche Behauptungen und echte historische Hintergründe: Mediale Hetzjagd gegen russischen Botschafter in Warschau
Nach seinen kritischen Äußerungen zur Schändung dutzender Gräber von Sowjetsoldaten und dem Verweis auf die wachsende Russophobie im Land, droht dem russischen Botschafter in Warschau nun der Verweis aus dem Land. Medien und Politiker werfen dem Diplomaten zudem vor, behauptet zu haben, Polen trage Mitschuld an den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs.

Im Gespräch mit dem polnischen Fernsehsender TVN24 beschrieb der russische Botschafter in Warschau, Sergej Andrejew, Moskaus Empörung über die jüngste Schändung von Soldatengräbern der Roten Armee in der Stadt Milejczyce im Nordosten Polens. Insgesamt sollen vor Ort rund 50 Grabsteine beschädigt worden sein. Ziel der Angreifer war vor allem die Zerstörung jeglicher Sowjetsymbole.

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Zwar verabschiedete Polen ein Verbot kommunistischer Symbole, doch der rote Stern, wie auch Hammer und Sichel blieben bisweilen historische Realität, die unter anderem für die mehr als 600.000 Sowjetsoldaten einstanden, die im Kampf gegen die Nationalsozialisten zwischen 1944-1945 in Polen gefallen waren.

Laut Einschätzung des russischen Botschafters habe die Situation zwischen beiden Ländern ein erneutes Tief erreicht. So schlecht sei nach Ansicht des Diplomaten das russisch-polnische Verhältnis zuletzt 1945  gewesen. Daran ändere auch die Verurteilung des Vorfalls in Milejczyce, in Form eines kurzen Twitter-Eintrages des polnischen Regierungssprechers wenig.

Es würde Russland nicht leicht fallen, Polens „Denkmalkrieg“ zu vergessen, vor allem den jüngsten Vorfall, bei dem die polnische Regierung die Entfernung des Denkmals für den sowjetischen General Iwan Tschernjachowski angeordnet hatte. Geehrt wurde der Kommandeur in der Vergangenheit für seinen Einsatz in der sowjetischen Armee im damaligen Ostpreußen im Jahre 1945, das heute zum polnischen Territorium zählt.

Nach Einschätzung des russischen Botschafters führte im Vorkriegspolen maßgeblich die eigene Außenpolitik zur Katastrophe im September 1939. Von einer „Mitschuld“ sprach der Botschafter zwar nicht, erwähnte aber, dass wahrscheinlich ein anderes Szenario möglich gewesen wäre, wenn die polnische Regierung ihr Handeln von 1930 auch noch später beibehalten hätte.

Ähnliches bemerkten auch schon polnische Politiker und Historiker in der Vergangenheit. So zum Beispiel entschuldigte sich die polnische Regierung in den frühen 2000er Jahren für die Teilnahme des Landes 1938 an der Teilung der Tschechoslowakei, die als erste Opfer der nationalsozialistischen Expansionsdranges wurde. Damals wirkte Polen bei der Zerstörung des unabhängigen tschechoslowakischen Staates zum eigenen Vorteil mit.

Eine Entschuldigung für den Molotow-Ribbentrop-Pakt und der geheimen Zusatzprotokolle von 1939 sollte das nach Ansicht des Botschafters nicht darstellen. Für ihren unmoralischen Charakter verurteilte bereits das Sowjetparlament im Jahr 1989 beide Abkommen per Sonderbeschluss.

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In Polen wiederum scheint zu den Dokumenten eine durchaus gespaltene Meinung zu herrschen. So wurde in Warschau 2012 das Werk des jungen Historikers Piotr Zychowicz zum Buch des Jahres. Darin lebt der Autor seine ganz eigene Phantasie zum Ribbentrop-Beck-Pakt aus. Leitidee seiner prämierten Arbeit war die Vorstellung, wie glücklich das Leben in Polen ausgefallen wäre, wenn sich Polen mit Nazi-Deutschland verbündet und beide gemeinsam die Sowjetunion überfallen hätten.

In diesem Zusammenhang sollte man der Meinung des einstigen Direktors des polnischen Institutes für internationale Angelegenheiten, Slawomir Debski, erwähnen. So soll bis Mitte 1939 geplant gewesen sein, „dass Hitler nach seinem Sieg über Westeuropa, Russland in Zusammenarbeit mit Warschau angreifen wolle.“

Stark erinnere der Antisemitismus der 1930er Jahre an die heutige Russophobie Polens. So greift nicht nur die Politik des Landes wiederholt auf den russischen Sündenbock zurück, sondern wird auch zunehmend in der Öffentlichkeit als Gemeingut suggeriert.

Russlands Empörung über die Entfernung des Tscherjachowski Denkmals entfachte in polnischen Foren und Zeitungen eine unendliche Hetzjagd gegen den russischen Staat, dessen Präsidenten und die russische Bevölkerung im Allgemeinen.

Polens Drohung, den russischen Botschafter in Warschau des Landes zu verweisen, motivierte einen der TVN24-Zuschauer mit dem Spitznamen Delta121e wohl dazu, den folgenden Kommentar zu verfassen:

„Ich frage mich seit den letzten zwei Tagen folgendes: Wer pfuscht in den Köpfen des jungen polnischen Volkes? Wer lehrt es solchen Hass, wie den Antisemitismus und die Russophobie? Wer ist dafür verantwortlich? Die Schule, die Familie, die Medien? Oder sind sie es alle zusammen? Und doch hat wohl in Wahrheit niemand von ihnen jemals nur einen einzigen Russen, Juden oder Araber gesehen. Und doch sind sie bereit zu hassen. Was kommt nach zerstörten Denkmälern und Grabsteinen? Brandstiftung? Was wird der nächste Schritt sein? Selbstmordattentate? Das ist wirklich beängstigend.“