Michael Parenti im RT-Interview zur Ukraine-Krise: "Ziel der USA ist es, Russland permanent unter Druck zu setzen"

Michael Parenti, US-amerikanischer Politologe. Bild: speakerpedia.com
Michael Parenti, US-amerikanischer Politologe. Bild: speakerpedia.com
Der Konflikt in der Ukraine hat seinen Ursprung in den Versuchen der USA, die Russische Föderation unter Druck zu setzen und herauszufordern. Washingtons Strategie ist es, alle Länder, die keine Satellitenstaaten des eigenen Machtzentrums sind, zu schwächen, sagt der US-amerikanische Politologe Michael Parenti im RT-Interview.

Die USA und die NATO haben die größten Luftlandemanöver in Europa seit dem Ende des Kalten Krieges gestartet. Rund 5.000 Soldaten aus elf NATO-Mitgliedsstaaten nehmen an den Übungen teil. Die Manöver werden durchgeführt, während der Konflikt in der Ostukraine abermals eskaliert. Im Interview mit RT International äußert der US-amerikanische Politologe Michael Parenti seine Sichtweise auf die Geschehnisse.

RT: Welchen Effekt haben die Kriegsspiele der NATO auf das Minsk II-Abkommen in der Ostukraine?

Michael Parenti: Ich denke, Ziel der NATO-Kampagne in der Ukraine ist es, Russland herauszufordern, zu schwächen und unter Druck zu setzen. Das ist genau, was die USA bereits mit großem Aufwand getan haben und was weiterhin geschehen wird, denn die weltpolitische Agenda der USA sieht vor, alle Länder, die keine Satellitenstaaten (oder potentielle Satellitenstaaten) des US-Imperiums sind, zu attackieren mit dem Ziel diese zu isolieren. Dies hat die Welt für die 500 umsatzstärksten Unternehmen sicher gemacht, für die multinationalen Konzerne - und das ist alles, worum es im Ukraine-Konflikt geht.

Quelle: RT

Und eine Sache, die es da zu tun gilt, ist, das Staatsoberhaupt des Landes zu dämonisieren, das eine Art Bollwerk darstellt. Damit werden Interventionen, die stattfinden, legitimiert. Die Führer der USA dämonisieren Putin. Heute gibt es in den USA alle möglichen Meinungen über Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Aber niemand weiß irgendetwas genaues über ihn, weil keine seiner Statements, Vorschläge oder Annäherungsversuche in unseren Medien Widerhall finden. Nichts davon wird gedruckt. Es ist in den USA sehr schwer herauszufinden, was Putin sagt, was in der Ukraine und in Russland geschieht. Was wir präsentiert bekommen, ist die Darstellung, dass die Russen mit zunehmender Aggressivität versuchen die Ukraine zu erobern. Doch das ist einfach nicht wahr. Ich denke nicht, dass Putin in irgendeiner Weise derartiges vorhat. Es würde zu viele Probleme schaffen und hat nichts damit zu tun, was tatsächlich vorgeht.

Diese Regime-Changes sind vielmehr etwas, was die USA in einem Land nach dem anderen umgesetzt haben. Die bestehende politische Führung wird herausgefordert, eigene Leute werden ins Spiel gebracht, Tausende T-Shirts, die dieselbe Farbe haben, werden verteilt, ebenso Banner, Flaggen, Essen, Geld und schließlich werden kleine Gruppen von Scharfschützen eingesetzt, wenn etwas ganz bestimmtes getan werden soll. Danach erzählt man dem US-amerikanischen Volk, dass diese Leute, diese Gruppe - Noriega in Panama, Allende in Chile, Aristide in Haiti, Putin in Russland - dass diese feindlich gegenüber den USA eingestellt sind und uns bedrohen. Die Menschen fühlen sich dann auch bedroht. Wenn man einmal den politischen Führer dämonisiert hat, ist das der Freifahrtschein ein Land anzugreifen, oder es zu bombardieren. Gott sei Dank ist dies im Falle Russlands zu gefährlich, als dass es getan werden kann.

Also werden Sanktionen gegen das Land verhängt, mit dem Ziel, das Leben der Russen zu erschweren. Man sagt: "Russland war aggressiv, schaut wie sie sich die Krim genommen haben." Aber das haben sie gar nicht. Die Krim hat für rund 240 Jahre zu Russland gehört und es war ein sowjetischer Präsident - Nikita Chruschtschow - der die Krim der Ukraine praktisch geschenkt hat. Die Krim hat sich vergangenes Jahr selbst dazu entschieden, dass sie wieder Teil Russlands sein will. 93 Prozent der Bewohner der Krim stimmten dafür, denn historisch, ethnisch und linguistisch gehören sie zu Russland. Aber die Menschen auf der Krim stimmten auch wegen der besseren Sozialleistungen für Russland. Die Menschen in der übrigen Ostukraine versuchen ebenfalls die nationalsozialistischen Einflüsse, die nun verstärkt aufkommen, zurückzudrängen und sich gegen die Tyrannisierung durch Kiew zu wehren. Das ist meine Sicht auf die Dinge.

Bewohner von Dozent werden notdürftig mit Wasser versorgt - Quelle: UNICEF Ukraine

RT: Die NATO behauptet, die nun stattfindenden Manöver werden auf Bitten der Ukraine durchgeführt. Warum, glauben Sie, wird so viel Wert auf die Bedeutung der Militärübungen gelegt?

Michael Parenti: Ich denke, sie haben nicht Angst vor einem Russland, das Probleme hat, sondern vor einem erfolgreichen Russland. Sie haben vor jedem Land Angst. Sei es nun China, Venezuela, Irak unter Saddam Hussein - der sicher kein Held war und bei dem es verwundert, dass er einst für die CIA arbeitete. Doch als Saddam Hussein plötzlich die Entscheidung traf, dass er unabhängig sein will und größere Teile der Gewinne am Öl-Verkauf einstreichen wollte, als er sich weigerte das Öl an die britischen und US-Amerikanischen Unternehmen zu verkaufen, als er fast die gesamte Wirtschaft des Landes in Staats- und öffentlichen Besitz brachte, begannen die US-Amerikaner ihn als sehr lästig zu empfinden.

Sie entschieden sich dazu, dass er jemand war, der die USA bedroht. Saddam war niemals eine Bedrohung für die USA, aber er war sehr wohl eine Bedrohung für den US-amerikanischen Konzern-Kapitalismus und das ist etwas, was nicht toleriert wird.

Das Imperium kennt lediglich zwei Arten von Akteuren an seinen Grenzen: Entweder sind es Satelliten, die potentiell zu Feinden werden können - also die Satellitenstaaten die aus Devotismus folgen - oder Feinde bzw. potentielle Feinde.

Das US-Imperium hat Angst vor Russland, wenn es nicht "kooperiert" sondern tut was es will, wenn es einen anderen Weg wählt als die USA vorgeben, etwa bei den Ölförderquoten, die die US-Kartelle durchsetzen. Wenn diese Dinge geschehen, schadet das den USA nicht. Doch unseren Bürgern wird dann gesagt, dass dieser Mann da oder dieses Staatsoberhaupt eine Bedrohung für uns ist, dass er fast wie Hitler ist, dass er geheime Massenvernichtungswaffen hat. Diese Fantasie-Geschichten haben keine Grundlage und haben nichts damit zu tun, was tatsächlich passiert. Die Ukraine ist nur ein weiteres Puzzle-Stück dieses Schmierentheaters. Nun stehen US-Truppen schon direkt an der russischen Grenze, in Lettland, Estland und Polen. Die Ukraine hat geopolitisch keine essentielle Bedeutung für die nationale Sicherheit der USA. Wenn sich jemand bedroht fühlen kann, dann natürlich Russland. Es wäre in etwa so, wie wenn russische Truppen in Mexiko stünden. Wie würden die USA darauf reagieren? Sie würden hysterisch werden, richtig verärgert. Oder etwa nicht?

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