Zum Tode Egon Bahrs - Es geht ein Architekt der deutsch-russischen Freundschaft

Egon Bahr im Jahre 2005. Quelle: Holger Noß / CC BY-SA 2.5
Egon Bahr im Jahre 2005. Quelle: Holger Noß / CC BY-SA 2.5
Mit Egon Bahr verstarb vergangene Nacht einer der ganz Großen der deutschen Politik. Bahr wurde am 18. März 1922 im thüringischen Treffurt geboren und wurde 93 Jahre alt. Seinem Leitspruch "Wandel durch Annäherung", der die Ost-West-Politik des SPD-Urgesteins Willy Brandt am besten beschreibt, blieb Bahr bis zum Ende seines Wirkens treu.

Noch im Juli dieses Jahres gehörte Egon Bahr zu den Erstunterzeichnern eines Appells des Willy-Brandt-Kreises der SPD mit dem Titel "Zum bedrohten Frieden – für einen neuen europäischen Umgang mit der Ukraine-Krise". RT Deutsch veröffentlichte den Aufruf im Wortlaut. Das Schreiben bleibt Bahrs letztes Vermächtnis und dient als Mahnung vor einer leichtfertigen Zerstörung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Russland. So heißt es unter anderem:

"Russland und die Völker der Sowjetunion haben entscheidend zur Befreiung Europas vom Faschismus beigetragen, aber auch zur deutschen Vereinigung. Deutschland hat daher eine besondere Verantwortung, Russland als Partner in einer europäischen Friedensordnung zu gewinnen."
Bildquelle: spetersburg.wordpress.com

Der gelernte Industriekaufmann Egon Bahr erlebte noch selbst den Zweiten Weltkrieg als Soldat mit, wurde später allerdings wegen seiner jüdischen Großmutter als "Nichtarier" in die Rüstungsindustrie versetzt.

Die Erfahrungen im Dritten Reich sollten Bahrs politische Laufbahn entscheidend prägen. Bahr wurde zu einem der bedeutensten Friedenspolitiker der jungen Bundesrepublik. 1956 trat Bahr der SPD bei und wurde schon während seiner Zeit in der Berliner Landespolitik zum engen Vertrauten des späteren Bundeskanzlers Willy Brandt.

Die Freundschaft der beiden Männer sollte die Jahrzehnte überdauern. Gemeinsam gestalteten Brandt und Bahr die auch damals sehr angespannten Beziehungen zu den östlichen Nachbarn Deutschlands neu. In einer "Politik der kleinen Schritte" wurde erfolgreich ein "Wandel durch Annäherung" erreicht, der die Nachkriegsordnung Europas entscheidend prägen sollte und mit dazu beitrug, dass aus dem Kalten Krieg kein heißer wurde.

Auch nach seiner parteipolitischen Karriere und bis kurz vor seinem Tod mischte sich Egon Bahr noch in aktuelle politische Debatten ein, war in den Medien präsent und beteiligte sich an Konferenzen. Im Zuge des von ihm als Erstunterzeichner unterstützten Appells des Willy-Brandt-Kreises vom Juli dieses Jahres traf Bahr seinen russischen Weggefährten Michail Gorbatschow. Gemeinsam sprachen sie sich für ein Ende der Entfremdung zwischen Russland und Deutschland aus.

Man möchte hoffen, Bahrs letzte politischen Worte werden mit seinem gestrigen Tod nicht vergessen.

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