Exklusiv-Interview mit RT: Afghanistans Präsident warnt vor Gesetzlosigkeit in internationalen Beziehungen

Quelle: Screenshot aus dem Video
Quelle: Screenshot aus dem Video
Der „Islamische Staat“ könne nicht einfach als „rückständig“ zurückgewiesen werden, diese Analyse ginge an der Realität vorbei. Zudem dürfe die Weltgemeinschaft den IS nicht ermutigen, zu wachsen, indem sie sogenannte „Failed States“ hinnimmt oder selbst provoziert, warnt der afghanische Präsident Aschraf Ghani im Exklusiv-Interview mit RT.

„Wenn al-Qaida die Terrorismus-Version 1.0 ist, dann ist Daesh [das arabische Akronym für den IS] die Terrorismus-Version 6.0“, teilte Ghani der RT-Moderatorin Oksana Boiko in ihrer Show „Worlds Apart“ mit.

Ghani, der, bevor er das Amt des Präsidenten nach Wahlen im letzten Jahr von Hamid Karzai übernahm, ein Anthropologie-Professor an einigen der renommiertesten Universitäten der Welt war, warnte davor, radikale Islamisten als einfältige Hinterwäldler abzustempeln. Der 66-Jährige Präsident sagte:

„Ich schreibe keinem Rückständigkeit zu. Wir leben im Hier und Jetzt. Es gibt keinen, der mittelalterlich ist. Jeder, der im 21. Jahrhundert lebt, ist ein Produkt des 21. Jahrhunderts. Es ist herablassend, andere als rückständig zu bezichtigen.“

Darüber hinaus gab er zu bedenken:

„Die Organisationsform [des IS] ist topmodern, darunter die Kommunikationsmittel, die eingesetzt werden, die Vernetzung, die Einstellung zum Internet. Wenn Sie sich die Netzwerktheorie anschauen, zeigt es, dass Daesh circa vier bis fünf Stufen in einem kurzen Zeitraum übersprungen hat. Das bedeutet, dass Innovation im Rahmen des psychologischen Systems für den IS sehr wichtig sei.“
Ghani fordert, dass, „wenn man den [IS] in Schach halten will, man mindestens gleich schnell, kreativ und aufeinander abgestimmt sein“ müsse. Doch stattdessen seien von Nordafrika bis nach Afghanistan eine Fülle an Ländern in unterschiedlichem Ausmaß in Bedrängnis geraten, so das Staatsoberhaupt.

Quelle: The U.S. Army/CC BY 2.0

Der afghanische Präsident fügte hinzu:

„Was zum Merkmal geworden ist, sind die Zusammenbrüche von Staaten, die musterartig verliefen. Es ist kein isoliertes Ereignis. Also wenn sie zuvor noch ein schwaches Glied hatten, haben sie jetzt eine gebrochene Kette.“
Der Level territorialer Eroberungen durch den IS sei beispiellos. Er habe das geschafft, was al-Qaida oder andere Organisationen in Jahren oder Jahrzehnten der Planung nicht geschafft hätten. “Das spricht sowohl für die eigenen Fähigkeiten als auch für ein günstiges Umfeld: Den Zusammenbruch des syrischen Staates auf der einen Seite und die Unfähigkeit der irakischen Regierung auf der anderen.“

Man müsse nun mit wachsenden Gefahren rechnen, ausgehend von grenzüberschreitenden Milizen, die ideologisch und finanziell von reichen und mächtigen Personen aus dem Ausland unterstützt werden, und das bekannte Staatssystem unter Druck setzen.

Ghani erklärte mit Blick auf den Nahen Osten:

„Wir haben keine Spielregeln zwischen den Staaten. Und wir haben keine Vereinbarung darüber, wie ein Staatssystem wieder rekonstruiert oder unsere Reaktion auf nationaler, regionaler und globaler Ebene koordiniert wird.“
Nach Jahrzehnten gescheiterter Interventionen, einschließlich der in seinem eigenen Land, warnte Ghani davor, dass einzelne Staaten global-ideologische Schlachten nicht gewinnen können:
„Die Lektion ist: Alle, die mit diesen Dingen spielen, sollten wissen, dass sie mit dem Feuer spielen, und ihre Hand verbrennen wird. Und der Blick auf Länder wie auf Schlachtfelder ist nicht nur moralisch falsch, sondern auch politisch selbstmörderisch. Es wird ein Rückschlag sein und die Hand, die füttert, wird gebissen.“
Bis ein neuer internationaler Konsens entsteht glaubt Ghani, dass radikale Gruppen wie der selbsternannte „Islamische Staat“ das Vakuum der Gesetzlosigkeit ausnutzen und sich weiter verbreiten werden. Wenn sie es tun, können friedliche Mittel die Gruppen nicht mehr stoppen. Das bedeutet, dass noch Tausende von Leben verloren werden.

 

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