"Außer Kontrolle" - Wie sich das US-Navy SEALs Team 6 zu einer "Menschenjagd-Maschine" verselbstständigte

Navy SEALs im Einsatz. Foto Quelle: navyseals.com
Navy SEALs im Einsatz. Foto Quelle: navyseals.com
Die United States Navy SEALs (Sea, Air, Land) sind eine Spezialeinheit, um die sich viele Mythen ranken. In einer umfangreichen investigativen Reportage hat die New York Times nun das Team 6 der SEALs genauer untersucht, sprach mit ehemaligen Mitgliedern der Truppe und deckt auf: Längst ist eine "globale Tötungsmaschine" entstanden, die fernab der Genfer Konventionen und ohne jegliche Kontrollinstanz exzessiv in Konflikten eingesetzt wird und auch vor der zahlreichen Ermordung von Zivilisten nicht halt macht.

Eigentlich müsste die Truppe "Team 5" heißen, doch um die Sowjets zu verwirren, entschied man sich bei der Aufstellung der SEALs für eine etwas extravagante Nummerierung der Teams. So gibt es (seit 1946) Team 1-4 und, bevor weitere Einheiten aufgestellt wurden, seit 1980 Team 6. Letzteres sorgte in der jüngeren Geschichte verstärkt für Schlagzeilen. Nachdem es im Zuge des 11. Septembers 2001 umfassend vom damaligen US-amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ausgebaut wurde, spielte SEALs Team 6 eine immer aktiviere Rolle im Afghanistan-Krieg, operierte vor allem im Graubereich oder gänzlich jenseits des Völkerrechts und der Genfer Konventionen.

Klagt gegen die Bundregierung: Der jemenitische Umwelt-Ingeneur Faisal bin Ali Jaber. Foto Quelle: ECCHR

In einer aktuellen New York Times-Reportage, in der mehrere ehemalige Mitglieder von SEALs Team 6 zu Wort kommen, wird das Bild einer Tötungsmaschine gezeichnet, die sich längst verselbständigt hat und wie eine Mischung aus Blackwater/Academi-Söldnern, CIA-/NSA-Agenten und regulären Soldaten wirkt. In der Tat werden die Praktiken all dieser Organisationen vom Team 6 angewendet. Die Truppe stellt die Männer fürs Grobe, für die schmutzigen Aufgaben im Krieg, über die in der regulären Armee und in den politischen Kontrollinstanzen zu viele Fragen gestellt werden würden. In Barack Obamas Amtszeit gilt dies genauso wie zu Zeiten George W. Bushs.

Zum Mythos um SEALs Team 6 trägt auch bei, dass der speziellen Eingreiftruppe die Tötung Osama bin Ladens zugeschrieben wird. Mit Hilfe solcher Geschichten wird die Einheit von politischen, medialen und militärischen Unterstützern immer wieder als notwendig bezeichnet.

Eine massive personelle, finanzielle und materielle Aufrüstung erfuhr die Truppe nach den Anschlägen auf das World Trade Center im Jahre 2001. Die genaue Personalstärke ist bis heute geheim, gesprochen wird von bis zu 200 sogenannter "Operators".

"Sie sind zu einer dieser Einheiten geworden, die jeder anruft, der irgendetwas erledigt haben will.", so der SEALs-Veteran und ehemalige Senator von Nebraska Bob Kerrey.

Aufgepumpt mit Personal, Geld und modernsten Waffen, wie auch der Heckler & Koch MP7 aus deutscher Fabrikation, und oft ohne konkrete Aufgabe,

Seymour_Hersh - Quelle: Institute for Policy Studies - CC BY 2.0

entwickelte sich im Team 6 eine Kultur des wahllosen Tötens, wie ehemalige Truppenmitglieder der New York Times preisgaben. So berichten die Elite-Soldaten unter anderem, dass sie in Afghanistan irgendwann begannen Jagd auf Straßendiebe und niederrangige Taliban zu machen. Das Motto lautete laut einer internen Quelle:

"Wenn du etwas als Gefahr identifizierst, töte es ohne zu zögern"

Auf die Frage wie er diese Entwicklung beurteilt, antwortete der Informant:

"Ob ich denke, dass sich die Dinge falsch entwickelten, ob ich denke es wurden mehr Menschen getötet als getötet hätten werden sollen? Natürlich."
Brandon Bryant vergangenen Freitag in Berlin

Wie bereits der ehemalige US-Drohnenpilot Brandon Bryant, berichten die ehemaligen SEALs ebenfalls von traumatischen Folgen ihrer "Arbeit". So erklärt ein früherer Team 6-Operator zu den Folgen seiner Einsätze:

"Dein Körper ist zerstört. Dein Hirn ist zerstört."

Sowohl der exzessive Einsatz von Kampfdrohnen, die auch über das deutsche Ramstein gesteuert werden, als auch das nun aufgedeckte Gebaren der Navy SEALs, zeigt auf, dass es um den Willen der US-Administration, sich an die Genfer Konventionen, das Völkerrecht oder andere internationale Vereinbarungen zu halten, außerhalb verbaler Verlautbarungen nicht weit her ist. Der Krieg, so scheint es, wird von US-Seite immer weiter entrechtet und zum gesetzlosen Normalzustand erklärt. Über den Einsatz und die Tötung, auch von Zivilisten, entscheiden Befehlshaber, die sich längst jeder politischen Kontrolle entzogen zu haben scheinen. Wie auch im Falle der Geheimdienste, haben sich hier zudem Strukturen entwickelt, die sich längst verselbständigt haben und eine eigene Agenda verfolgen: Die der Selbstlegimation.

Die Opfer dieses schmutzigen Krieges sind neben den zahlreichen Zivilisten letztendlich aber auch die US-amerikanischen Soldaten, wie die zahlreichen Fälle von traumatisierten Veteranen zeigen, und die westlichen Demokratien selbst. Der Fall des Navy SEALs Teams 6 belegt dies auf gleichsam eindrucksvolle wie erschreckende Weise.