„Phase eins abgeschlossen“ – Folgt nun saudische Bodenoffensive im Jemen?

Quelle: Expert Infantry/CC BY 2.0
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Nach knapp vier Wochen massiver Luftschläge im Rahmen der von Saudi Arabien geführten Operation „Sturm der Enschlossenheit“, die in der Rückschau alles andere als erfolgreich war, wird die saudische Nationalgarde mobilisiert. Nun könnte dem Jemen eine saudische Bodenoffensive drohen.

Die von Saudi Arabien geführte Koalition, die im Laufe der vorangegangenen vier Wochen gegen Stellungen der pro-iranischen Huthi-Rebellen tägliche Angriffe flog, hat in dieser Zeit - außer den zahlreichen geschönten Berichten saudischer Militärs – kaum nennenswerte Ergebnisse hervorgebracht. Weil das Zerstören von Waffenarsenalen einfach nicht zwangsläufig mit einer Schwächung militärischer Positionen einhergeht – die Huthis verlegten diese kurzerhand in Wohngebiete oder Höhlen –  scheint die Operation „Sturm der Entschlossenheit“ eher gescheitert als erfolgreich gewesen zu sein. Eines der Hauptziele Saudi Arabiens, die Wiederherstellung der Macht des gestürzten jemenitischen Präsidenten Abdu Rabbu Mansour Hadi, blieb bislang unerfüllt.

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Darüber hinaus waren die Luftschläge nicht besonders genau: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Zahl der getöteten oder verletzten Zivilisten auf nicht weniger als 4400 beziffert. Auch für die USA scheinen die „Kollateralschäden“, die ihr saudischer Verbündeter aus der Luft anrichtet,  einfach zu groß zu sein. Saudi Arabien habe somit auch auf Drängen Washingtons verkündet, die Luftangriffe zurückzufahren.

Ungeachtet der saudischen Bekundungen berichtet die „New York Times“ am Mittwoch, dass Kampfflugzeuge in den frühen Morgenstunden die südwestliche Stadt Taiz bombardiert haben.

Für Riad gibt es in weiterer Folge nur noch zwei Möglichkeiten, die „Brechstange“ oder eine politische Lösung, die Saudi Arabien allerdings bei bleibender politischer Partizipation der Huthis nicht gewillt ist einzugehen. Riad scheint sich vielmehr auf die erste Option zu fokussieren, denn wenige Stunden nach Verkündung der nächsten Operation „Wiederherstellung der Hoffnung“ hatte König Salman die Mobilisierung der Nationalgarde, welche als Elitetruppen gehandelt wird, befohlen.

Offiziell erklärte das saudische Verteidigungsministerium am Dienstagabend, dass die Operation dazu diene, etwaige Evakuierungen abzusichern, Vorstöße seitens der Huthi zu verhindern und Zivilisten zu schützen. Die Mobilisierung der Nationalgarde legt den Schluss nahe, dass Riad schon sehr bald zur Bodenoffensive übergehen könnte.

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Den Vernehmungen zufolge ist eine einzelne lange Nordfront unwahrscheinlich. Um Hadi-treuen Truppen eine solide Operationsbasis zu liefern, könnten saudische Einheiten per Schiff die Hafenstadt Aden besetzen und aus dem Süden gen Norden vorrücken, während finanzierte sunnitische Stämme gemeinsam mit der al-Qaida (AQAP) von Osten auf die jemenitische Hauptstadt Sanaa vorrücken. Im Norden werden saudische Truppen gegebenenfalls die heimische Grenze sichern und Huthi-Milizen binden.

Riad wird allerdings auch wissen, dass die Huthi auch zu Boden nicht ohne Weiteres zu besiegen sind, so lange deren Bündnis mit dem ehemaligen Präsidenten Salih, der einen Großteil der jemenitischen Armee hinter sich vereinigt, von Bestand ist. Diese Bande versucht Riad – bislang mit mäßigem Erfolg – mittels großzügiger Bestechungen und einem signifikanten Aufgebot saudischer Geheimdienstler seit Beginn der Intervention aufzulösen. Die Aussichten scheinen für Riad trotz militärischer Überlegenheit unterm Strich schlecht zu sein, wird es doch so oder so zunehmend in den jemenitischen Bürgerkrieg hineingezogen. In letzter Konsequenz könnten die Auseinandersetzungen, die im Grunde weniger konfessioneller als politischer Natur sind, mit Blick auf die heimische schiitische Minderheit im Osten des Landes auf Saudi-Arabien selbst überschwappen.

Eine diplomatische Option, die Riad im aller besten Fall als letzte Option betrachten könnte, wäre, dass sich der amtierende und mittlerweile in Saudi Arabien residierende Präsident Hadi aus seinem Amt verabschiedet und dem Vize-Präsidenten Khaled Bahah, der auch unter schiitischen Huthis Sympathien besitzt und diese ihre Bereitschaft signalisierten, ihn zu akzeptieren, künftig den Vortritt lässt. Der Nahost-Experte Christoph Sydow glaubt, dass die Ernennung Bahahs zum Vizepräsidenten durch Hadi dahingehend ein Schachzug Riads gewesen sein könnte, um letztlich eine Amtsübergabe vorzubereiten.

Ein möglicher Kompromiss könnte so aussehen, dass Präsident Hadi endgültig sein Amt aufgibt und seinem Vize Khaled Bahah den Posten übergibt. Der 50-Jährige gilt als Politiker, den auch die Huthis an der Spitze des Staates akzeptieren könnten. Erst in der vergangenen Woche wurde er von Hadi zum Stellvertreter ernannt, dies deutet daraufhin, dass Saudi-Arabien eine Amtsübergabe an Bahah vorbereitet.

Unterdessen schaukelt sich der Konflikt ganz von einem regionalen Stellvertreterkrieg zwischen Riad und seinem Erzrivalen Iran, das sich als Schutzmacht aller Schiiten versteht, zu einem internationalen Zwischenfall hoch. Während Riad die iranische Regierung in Teheran beschuldigt, die Huthis militärisch auszurüsten, entsandten die Vereinigten Staaten am Dienstag einen Flugzeugträger „Theodor Roosevelt“ sowie einen Lenkwaffenkreuzer an den Golf von Aden, wo sich mittlerweile einander saudische und iranische Kriegsschiffe gegenüberstehen.

Präsidentensprecher Josh Earnest erklärte, dass die Kampfschiffe offiziell zum Ziel haben, den „freien Handelsfluss im Golf von Aden und im Roten Meer“ zu sichern. Eigentlich jedoch sollen die US-amerikanischen Schiffe die Konfrontation und das Verhalten Irans laut „The New York Times“ aufmerksam beobachten. Rechtfertigend argumentieren die USA, immerhin würde Iran mit Waffenlieferungen an die Huthis gegen eine mittlerweile verabschiedete Resolution des UN-Sicherheitsrates verstoßen.

Während das zweifelhafte Engagement Saudi Arabiens in Jemen stillschweigend gebilligt wird, wirft der Westen im Falle der Ukraine-Krise der Regierung in Moskau vor, systematisch die territoriale Integrität des Landes zu brechen. Unterdessen empfiehlt der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, der saudischen Monarchie auf der Arabischen Halbinsel zwecks Bewahrung der regionalen Stabilität Waffen zu liefern.

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