Russische Tattoo-Künstler in Frankfurt haben keine Angst vor dem Kreml

Quelle: Anna Schalimowa
Quelle: Anna Schalimowa
Wo vor kurzem noch Polizeiautos in Flammen standen, trafen sich dieses Wochenende über 600 Tattoo-Künstler und unzählige Tattoo-Begeisterte friedlich in der Frankfurter Messehalle, um sich im Rahmen der weltgrößten Tattoo-Messe gemeinsam auf den neuesten Stand des Körperschmuck-Handwerks zu bringen. Themenschwerpunkt lag bei der diesjährigen internationalen Tattoo-Messe auf Russland. RT Deutsch hat sich umgeschaut.

Eingeladen waren Künstler aus aller Welt, aber vor allem die aus Osteuropa durften ihr Können besonders unter Beweis stellen. RT-Deutsch Reporterin Anna Schalimowa hat sich vor Ort genauer umgeschaut.

Lang ist es her, dass die russische Tätowier-Kunst als Subkultur unter Verbrechern in Gefängnissen und unter Mafia- Anhängern als Statussymbol angesehen wurde. Heutzutage geht es um mehr als dieses Klischee, wie Mike Asboe, einer der Organisatoren, gegenüber RT Deutsch erklärt:

 Mike Asboe, Organisator der Convention - Quelle: Anna Schalimowa
Mike Asboe, Organisator der Convention - Quelle: Anna Schalimowa
„Natürlich gibt es auch in Russland noch das weitverbreitete Klischee, Tätowierungen werden vor allem von Häftlingen und Anhängern der Mafia getragen. So soll es auch in Moskau immer vereinzelt vorkommen, dass, wenn man die typischen Gefängnismotive offen zeigt, man durchaus in dem einen oder anderen Restaurant auch schon mal den Eintritt verwehrt bekommt. Nur ist das kein typisch russisches Problem. Ähnlich darf man, wenn man tätowiert ist, auch kein Dampfbad in Japan besuchen. Hier zu Lande wissen jedoch die Wenigsten, was hinter den Motiven von damals  steckt. So kann Art und Stelle der Tätowierung viel über den Träger verraten. Welche Straftat, wie lange gesessen, auch wo man inhaftiert wurde, bis zur sexuellen Orientierung ist alles an Informationen dabei. Aber schlussendlich können all diese persönlichen Geschichten nur von Internen gelesen und verstanden werden. Wir hier in Deutschland, Italien, Spanien oder den USA, wissen fast nichts über die eigentlichen Hintergründe dieser Tätowierungen.“
 Quelle: Anna Schalimowa
Quelle: Anna Schalimowa

Auf die Frage, warum das 23. Tattoo-Festival sich vor allem jetzt dem Thema Russland widme, muss Tattoo-Liebhaber Asboe selbst erst einmal schmunzeln:

„Wir haben schon lange vor der Grenzöffnung in Deutschland die ersten russischen Tätowierer vor Ort gehabt. Damals noch mit Besuchervisa und Tätowiermaschinen, die sie sich selber aus einem handbetriebenen Rasierapparat und Gitarrensaiten zusammen gebaut hatten. Der Schwerpunkt, den wir dieses Jahr auf Russland gelegt haben, kam wegen der wirklich guten Ausbildung und dem enormen Potential, das die Künstler mit sich bringen, auf. Das sind junge Menschen aus der Graffiti-Szene oder mit abgeschlossenem Kunststudium, von der Pike auf gelernt, die super gut zeichnen können. Mir sind selten so viele Talente wie aus Russland begegnet. Bei den traditionell russischen Tätowierungen geht es eben auch nicht um Gefängnistätowierungen, sondern eher um Ikonen, christliche Symbole und Schriftzüge in kyrillischen Zeichen. Und das wird dann eben auch alles  auf einem sehr hohen künstlerischen Niveau gemacht.“
Trotz aller politischen Geschehnisse den Schwerpunkt zu ändern, war innerhalb des Organisatorenkreises nie Thema:
„Wir veranstalten die Tattoo Convention bereits seit 23 Jahren und gehören mittlerweile in Europa zu den größten Organisatoren. Für mich persönlich spielt die politische Situation keine Rolle. Die Tätowierer sind alle untereinander befreundet und wenn man sich abends trifft, wird weniger über Politik dafür aber mehr über Arbeit, Kunst und die Veranstaltung selbst gesprochen. Aber natürlich hatten wir im Vorfeld auch Anfragen bekommen, die sich genau auf diese Frage beriefen.
 Quelle: Anna Schalimowa
Quelle: Anna Schalimowa

Viel Raum, eine ausgelassene Atmosphäre und eine Völkerverständigung, wie sie im Buche steht - für all das, so bekommt man das Gefühl, wenn man die Halle betritt, steht die Convention.

Über großen Andrang durften sich wohl die meisten russischen Künstler freuen. Viel Zeit für Gespräche hatte kaum jemand. Zu hoch war die Nachfrage der Besucher.

Doch was macht den russischen Stil aus, wie hat sich in der Vergangenheit die Kunstform gewandelt, welche Einflüsse hat die Tattoo-Szene in Russland für sich entdeckt?

 Quelle: Anna Schalimowa
Quelle: Anna Schalimowa

„Diese typischen Gefängnis Motive, die Russland andauernd nachgesagt werden,  haben schon lange nichts mit dem zu tun, was in Moskau in der Tattoo-Szene angeboten wird. Vor allem darf man eben nicht vergessen, dass diese eben nur in Gefängnissen gestochen wurden und die Motive immer etwas mit deiner Lebensgeschichte, deinen Taten und deinem Rang zu tun hatten. Doch auch das hat sich verändert, in den Gefängnissen haben sich auch die Motive verändert. Auch dort geht es jetzt vor allem um Kunst, um eine realistische Form dieser. Wenn heute im Ausland nach etwas typisch russischem gefragt wird, dann sind es vor allem Kirchenabbildungen, Ikonen, Kruzifixe, Märcheninhalte und religiöse Zitate, “ erklärte der Moskauer Tätowierer Sascha.

Dem alten Klischee, Tätowierungen in Russland seien bis heute Zeichen für Bandenkriminalität, möchte auch Sergej endlich ein Ende setzen.

„Wir machen alles. Qualität und Stil, wir können alles anbieten. Und ich muss auch zugeben, der Preis und die Machart unterscheidet sich überhaupt nicht von dem, was hier in Deutschland angeboten wird.“

Vor Ort sind sich alle Künstler einig: Tätowierte Mafia-Bosse und Häftlinge sind in der Tattoo-Kunstszene Schnee von gestern. Ähnlich einig scheinen sie sich auch alle über die momentane politische Situation, obwohl diese in den drei Tagen der Messe eher eine nebensächliche Rolle spielt.

„Nur weil die deutschen Medien offensichtlich ein Problem mit Russland haben, heißt es nicht, dass  Russland ein Problem mit Deutschland hat. Wir haben überhaupt kein Problem mit überhaupt irgendjemanden. Wir fahren ins Ausland, arbeiten hier und verbringen hier gerne Zeit. Wir brauchen keinen Maidan in Moskau,“ kritisiert einer der russischen Gasttätowierer.
„Zu Putin kann ich nur sagen, wir oder in diesem Fall ich,  gebe dem Präsidenten recht und stimme seiner aktuellen Politik zu. Aber mein Vertrauen hat nichts mit der Situation in der Ukraine zu tun. Ich hab mich auch davor schon für ihn ausgesprochen. Es ist offensichtlich, dass er sich um sein Land bemüht. Ich denke, die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter dem Präsidenten. Wohingegen Poroschenko in Russland nicht sehr beliebt ist. Für uns ist der Konflikt im Nachbarland ein weiterer Zirkus, der von den ukrainischen Politikern künstlich gesteuert wird,“ erklärt Ina, die selbst aus Moskau zu Besuch auf der Convention ist.

„Schlussendlich ist die Situation einfach unglaublich traurig. Unsere Informationen unterscheiden sich natürlich stark von der Information, die die Ukrainer bekommen und die westlichen Quellen stellen wiederrum ein drittes ganz anderes Bild dar. Aber auch das ist nur logisch, da die EU hier ihre eigenen Interessen verfolgt. Und meiner Meinung nach geht es hier gar nicht mehr um die wirklichen Machtinteressen der EU, sondern vielmehr um die der USA, die sich aktuell doch sehr darum bemühen, sich der russischen Grenze noch weiter anzunähern. Deutlich ist für uns alle eines: es ist ein erneuter Kalter Krieg ausgebrochen. Mir kommt es jedoch so vor, als würden die Ukrainer das noch nicht ganz verstanden haben.

 Quelle: Anna Schalimowa
Quelle: Anna Schalimowa

Meine Bekannten, die in der Ukraine leben, erhalten völlig andere Informationen. Dieser ganze Konflikt macht mich um ehrlich zu sein einfach sehr traurig, denn wir dürfen nicht vergessen, es geht hier um unsere Brüder und Schwestern. Und nun zerstreiten sich ganze Familien aufgrund von Fehlinformationen. Das Land ist politisch und wirtschaftlich so schwach und geht immer näher dem Abgrund zu. Wer kämpft denn dort vor Ort in diesem Bürgerkrieg, davon sind doch die meisten jungen Männer Söldner, die Geld benötigen. Litauer, Polen, Serben und natürlich auch Russen. Und so hat man den Leuten eingebläut, dass Russland die Rolle des Angreifers zugeschrieben wird. Das Verhältnis zu den USA hat sich innerhalb der Bevölkerung natürlich stark verschlechtert, wir verstehen natürlich auch, dass die EU  den Konflikt weiter fördert, aber nichtsdestotrotz, glauben wir dass die eigentliche Gefahr aus den USA kommt,“ fügt Ina hinzu.

„Ich bin bereits zum wiederholten Mal in Deutschland und muss gestehen, mich beschäftigen die politischen Diskussionen eher weniger. Im Endeffekt hat die Bevölkerung ja meist recht wenig etwas  mit den Aussagen der Politiker zu tun. Jedes Mal wenn ich hier bin, fühl ich mich wohl und willkommen. Bei uns herrscht momentan zwar immer noch die Krise, doch ich merke auch, dass bereits Besserungen eingetreten sind. Was die politische Situation im Nachbarland betrifft, denke ich immer noch, dass es um einen künstlich erzeugten Konflikt geht. Vor Ort herrscht ein Bürgerkrieg. Ukrainer kämpfen gegen Ukrainer. Auch der Machtwechsel in Kiew, war, wie ich finde ein künstlich erzeugtes Spektakel. Zu Putin an sich kann ich nur sagen, mir ist es egal, ob er an der Macht ist oder nicht, meine eigenen Probleme wird er ja sowieso nicht für mich lösen können,“ erklärt der Tätowierer Nicolaj aus St. Petersburg.

comments powered by HyperComments