Türkische Armee evakuiert Soldaten und marschiert durch IS-Territorium in Syrien ein

Quelle: Ruptly
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Ankara hat in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit Spezialeinheiten und gepanzerten Fahrzeugen Wachsoldaten einer osmanischen Grabstätte in Syrien am Samstagabend evakuiert sowie das Mausoleum, das diese bewacht hatten, in die Nähe der syrisch-türkischen Grenzstadt Kobane verlegt. Obwohl die türkische Armee durch vom Islamischen Staat kontrolliertes Territorium fuhr, wurde der Konvoi nicht angegriffen.

Nur wenige Tage, nachdem die Türkei und die Vereinigten Staaten sich über die Ausbildung sowie Ausrüstung „moderater“ syrischer Rebellen einigten, evakuierten Elitesoldaten der türkischen Streitkräfte am Samstagabend das Grabmal von Süleyman Şah, des Großvaters des Gründers des Osmanischen Reiches. Die Operation „Şah Fırat“ umfasste 39 Panzer, 57 gepanzerte Fahrzeuge und 572 Militärangehörige. Die Kommandoaktion dauerte bis Sonntag. Schließlich erklärte der türkische Generalstab, dass keinerlei bewaffnete Auseinandersetzungen stattfanden. Lediglich ein Soldat sei durch einen Unfall, der nicht weiter umschrieben wurde, ums Leben gekommen.

Vorerst wurde die „Reliquie“ in die Türkei gebracht, bis das Gebiet des neuen Mausoleums gesichert und die Anlage aufgebaut worden sei. Laut einer Erklärung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sollen die Gebeine in der syrischen Ortschaft Eschme, nur wenige hundert Meter von der türkischen Grenze entfernt, beigesetzt werden.

In Nordsyrien ereigneten sich in den letzten Wochen zahlreiche Umwälzungen. Auch das Verhältnis Ankaras zum „Islamischen Staat“ blieb dabei nicht unberührt. Dennoch lässt die Türkei trotz der drohenden Einkesselung Aleppos, die Ankara letzte Woche mit der Öffnung der Grenzen und Entsendung hunderter Kämpfer gerade noch verhindern konnte, und des unverhofften Erfolgs der vom Westen massiv unterstützten Kurden in Kobane an ihrer Syrien-Strategie kaum rütteln. So koppelt die Regierung unvermindert die Niederschlagung der extremistischen Sunniten-Miliz "Islamischer Staat" stets an den unliebsam gewordenen Sturz Baschar al-Assads, der als Ursprung aller Radikalisierung des Bürgerkrieges angesehen wird, während zeitgleich der IS aus türkischer Sicht nur eines der vielen Symptome dieser Entwicklung sei.

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Auch wenn die AKP-Regierung in Ankara das Weiße Haus bislang nicht von einer Flugverbotszone sowie einer Sicherheitszone überzeugen konnte, schloss die Türkei letzte Woche ein „Ausbildungs- und Ausrüstungsabkommen“ mit den USA, um eine kleine Gruppe von „moderaten“ Rebellen gegen den IS in den Kampf zu schicken. Das werde die Türkei – anders als bisher – jedoch in eine offene Konfrontation mit dem IS versetzen, erklärten die Syrien-Experten Aaron Stein und Michael Stephens.

Angesichts der Brutalität, mit der die Kämpfe um die mehrheitlich von Kurden bewohnte Grenzstadt Kobane geführt wurden, war die Sicherheitslage rund um das Mausoleum auch zu gefährlich, um vorher einen Rettungsversuch zu unternehmen. Doch auch der IS, der tagtäglich die Autobahn M4 nutzte, die als einzige Ost-West-Verbindung in Nordsyrien gilt und an der das osmanische Mausoleum lag, hatte wohl kein Interesse an einer Konfrontation mit einer NATO-Armee.

Grund hierfür war wohl zudem der Widerwillen, in einen weiteren Frontenkrieg einsteigen zu müssen – diesmal gegen einen Staat, von dem der IS annehmen muss, dass er ihn nicht besiegen kann. Unter anderem auch weil sich die Milizen des IS an allen Fronten in Syrien und im Irak derzeit in der Defensive befinden.

In diesem Zusammenhang musste der selbsternannte Islamische Staat davon ausgehen, dass bei einem Angriff auf das Mausoleum die türkische Regierung in Ankara dazu verleitet werden könnte, das - bislang aus Kalkül zugelassene - Durchsickern ausländischer Dschihadisten, von denen die islamistische Gruppierung im Rahmen ihrer Kriege in elementarer Weise abhängig ist, endgültig einzufrieren.

Das osmanische Grabmal galt als „Soft Target“, leichtes Ziel, das bei Druck wohl unschwer in die Hände des „IS“, aber auch der kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG), die Ankara als verlängerten Arm der in der Türkei agierenden PKK sieht, fallen und schließlich als Faustpfand genutzt werden könnte, um Ankara  politische Konzessionen im eigenen Land abzubringen.

 Eine Landkarte von Syrien, die die Strecke von Kobane via Manbidsch nach Rakka, der inoffiziellen Hauptstadt des "IS", anzeigt.
Eine Landkarte von Syrien, die die Strecke von Kobane via Manbidsch nach Rakka, der inoffiziellen Hauptstadt des "IS", anzeigt.

 

Der Einfluss des IS scheint in Nordsyrien zunehmend rückläufig zu sein und ein möglicher Rückzug aus der Stadt Manbidsch werde dazu führen, dass sich die Islamisten aus der Region gänzlich zurückziehen müssen. Der Koalition aus FSA und YPG vertraut die Türkei nicht, obwohl diese den Abtransport des Grabmals begleitet haben will. Geradezu sinnbildlich trainiert Ankara lieber syrische Turkmenen, die aus den Regionen Idlib und Aleppo stammen und ihrerseits als Kämpfer der Freien Syrischen Armee gelten, doch der Türkei ihre Gefolgschaft schwören.

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Wegen des von vornherein ambivalenten Verhaltens des Weißen Hauses in Syrien und Irak wirkt sich der türkische Vertrauensbruch zur US-Administration langfristig noch weit signifkanter aus: Obwohl Ankara doch zu den eifrigsten Assad-Gegnern gehört, konzediert die AKP-Führungsriege nach mittlerweile vier Jahren des schwellenden Bürgerkrieges vor eigener Haustür, dass es vom Westen, insbesondere Washington, das längst eigene Ziele in Nahost verfolgt, mit den Problemen im Nachbarland – die es von den USA ermutigt, mit befeuert hat – alleine gelassen wurde. Unter Regierungskreisen wird ein zunehmend anti-amerikanischer Ton laut, der sich gegen eine strategische Kooperation mit den USA in Nahost ausspricht.

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