CDU und SPD für Kondompflicht - Polizei und Bordellbetreiber warnen vor "Lümmeltütenpolizei"

Empfangsbereich des Café Pssst! - Quelle: Anna Schalimowa
Empfangsbereich des Café Pssst! - Quelle: Anna Schalimowa
Nach weiteren Debatten um das sogenannte Prostitutionsschutzgesetz, haben sich Union und SPD auf eine Kondompflicht für Freier geeinigt. Beide Parteien erklären diese zum Teil einer umfassenden Gesundheitsvorsorge für Sexarbeiterinnen. RT Deutsch sprach mit Vertretern der Polizei und Bordellbesitzern. Beide halten die gesetzlichen Pläne von SPD und CDU für nicht "umsetzbar" und warnen, dass eine "Lümmeltütenpolizei" die Prostituierten in die Illegalität treiben würde.

In erster Linie sollten die Gespräche beider Parteien bezüglich einer Erweiterung des Prostitutionsschutzgesetzes wohl eigentlich zu Gunsten der Frauen geführt werden. Gesundheitliche Vorsorge und die Einführung eines Mindestalters bei Prostituierten führen bereits seit längerem zu Streit innerhalb der Verhandlungen zwischen den Berliner Regierungsparteien. Aber die Frage der "Kondompflicht" fand bei bei SPD wie CDU auf Zustimmung.

Man könnte meinen, der Fokus beider Verhandlungspartner läge endlich mal nicht auf der Stigmatisierung der Frau, sondern zielt auf eine Bestrafung „unbelehrbarer“ Freier ab.

Gesundheit ist hier das Stichwort. Die legalen Prostituierten Berlins müssen sich schützen und ebenfalls geschützt werden. RT Deutsch Mitarbeiterin Anna Schalimowa traf sich diesbezüglich zu einem Interview mit Bordellbesitzerin vom Café Pssst!, Felicitas Schirow und dem Landesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft Berlin, Bodo Pfalzgraf.

Vor Ort im Café Psst! bekam RT Deutsch Einblick in die Räumlichkeiten, durfte mit den Mitarbeiterinnen des Bordells sprechen, sowie Bilder machen.

Vor Ort erinnert keine der Frauen an das politisch präparierte Bild, der unfreiwilligen, unaufgeklärten und unter Druck gesetzten Frau, die nicht versteht, welche Vorteile ihr die Benutzung eines Kondoms einbringen.

Schirow erklärt im Interview mit RT Deutsch:

 Quelle: Ruptly
Quelle: Ruptly
"Es gibt genug Studien, die belegen, dass Prostituierte nicht mehr an Geschlechtserkrankungen leiden, als der Rest der Bevölkerung. Wir schützen unseren Körper, weil er unser Kapital ist. Wenn wir krank sind, können wir nicht arbeiten."
Nach Ansicht der Berliner Bordellbetreiberin, dreht sich die aktuelle Debatte wieder einmal um die "kleine fünfzehnjährige Prostituierte, die weder ihre Rechte kennt, noch aus freiwilligen Stücken ihre Dienste anbietet."
"Schon vorab habe ich mit Politikern gesprochen, dir mir alle erklärt haben, das Gesetz, so wie es jetzt diskutiert wurde, richtet sich nicht an die selbstbestimmte Frau, die freiwillig dieser Tätigkeit nachgeht und ihre Steuern zahlt, sondern ist eben den Zwangsprostituierten gedacht und da liegt eben der große Gedankenfehler."
So scheint die Idee zwar gut gemeint, aber nach Meinung Schirows wieder einmal ein Beweis für die immer währende Stigmatisierung der Prostitution:
"Auf den ersten Blick macht das Ganze auch Sinn, doch wer und wie soll das ganze kontrolliert werden. Die einzige Möglichkeit, wie man solch eine Pflicht realistisch umsetzen könnte, wäre wenn man den Fokus eindeutig auf die Stärkung und Aufklärung der Frau legt."
 Quelle: Anna Schalimowa
Quelle: Anna Schalimowa

Auf die Frage, wer nun in der Verantwortung stehen würde die Umsetzung der Kondompflicht zu kontrollieren, muss Schirow schmunzeln:

"Man sollte nicht davon ausgehen, dass der Großteil aller Freier daran interessiert wäre, Sex ohne Kondom zu wollen. In meinem Bereich, eben dort wo sich die Damen geschützt und gut aufgehoben fühlen, habe ich selten, dass versucht wird nach ungeschützten Sex zu fragen."
In ihrem Fall erklärt Sie weiter, müsste sie den Kondomzwang überwachen. In Folge würde aber genau diese Überwachung dafür sorgen, dass Frauen sich vom Bordell aufgrund der Kontrolle und des Misstrauens entfernen könnten, gibt die Unternehmerin zu bedenken:
"Wenn sich das Gesetz wirklich dem Schutz der Zwangsprostituierten widmen soll, sollten Frauen Vertrauen aufbauen können. Man sollte darauf achten, dass zum Beispiel Vereine mit Dolmetschern ausgestattet werden. Langfristig würden diese Neuerungen dazu führen, dass Frauen anfangen würden sich mitzuteilen."
Momentan kann man lediglich davon ausgehen, dass die aktuelle Verordnung nur dazu führen wird, dass die Berliner Straßenprostitution wieder anfangen wird zu florieren und Frauen aus ihrer Selbstständigkeit in die Illegalität getrieben werden, warnt Schirow.

Auch der Landesvorsitzende der Polizei-Gewerkschaft Berlin, Bodo Pfalzgraf, erklärte in einem Interview mit RT Deutsch:

"Natürlich schützen Kondome vor Krankheiten und auch wir sprechen uns gegen Gewalt an Prostituierten aus, aber diese politisch verordnete Kondompflicht, die verlangt, dass nun neben jedem Freier ein Polizist stehen muss, der nachschaut, ob da auch wirklich ein Kondom verwendet wird, ist wirklich nicht zielführend."
Weiter betont der Landesvorsitzende Pfalzgraf:
"Welche wirtschaftlichen Gefahren von dieser Einigung ausgehen, kann ich momentan noch nicht bewerten. Tatsache ist aber, dass ein erhöhter Kontrolldruck immer dazu führt, dass das Risiko einer vermehrten illegalen Prostitution wächst. Dort, wo eben viel kontrolliert wird, gibt es eine Abwanderung in die Straßen-und Wohnungsprostitution."
Eines haben weder Union, noch SPD bedacht, wenn Kontrolle bei der Umsetzung erfolgen muss, darf es an Kontrollpersonal nicht mangeln. Für Pfalzgraf kann von ausreichend "Helfern" jedoch nicht die Rede sein:
"Die Berliner Polizei hat nicht die Kapazitäten, die Kondompflicht  zu kontrollieren.  Es geht hier unter anderem auch um eine Verletzung der Menschenwürde, Bordellbesitzern und den ausführenden Kräften der 'Lümmeltüttenpolizei' eine solche Kontrolltätigkeit zu zumuten.
Pfalzgraf betont nochmals abschließend:
"Wenn wir nicht so viel kontrollieren, dann können auch nicht so viele Prostituierte in die illegale Prostitution abgleiten."

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