Offener Brief der Stalingrad-Veteranen - Antwort des Kanzleramts und Provinzposse in Thüringen

Quelle: Bundesarchiv Bild 183-W0506-316,
Quelle: Bundesarchiv Bild 183-W0506-316,
RT veröffentlichte am 5. Februar den Offenen Brief von sechs russischen Veteranen der Schlacht um Stalingrad an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auf Nachfrage von RT Deutsch antwortete die Pressestelle des Kanzleramts: „Zu offenen Briefen nehmen wir grundsätzlich nicht Stellung.“ Die Anfrage eines Lesers bei einer Tageszeitung im Südosten Deutschlands mit der Bitte um Veröffentlichung des Briefes, beantwortete der Chefredakteur mit Verunglimpfungen von RT und drohte im weiteren Verlauf mit Klage gegen RT und den Leser.

Zum 72. Jahrestag des Sieges der Roten Armee in Stalingrad hatten sich sechs russische Veteranen der Schlacht in einem offenen Brief an die deutsche Bundeskanzlerin gewandt, mit der Bitte zu den aktuellen Ereignissen in der Ukraine, die zunehmend an faschistoiden Tendenzen gewinnen, im historischen Kontext Stellung zu beziehen. RT Deutsch dokumentierte den gesamten Brief.

Auf Nachfrage der RT-Redaktion beim Bundeskanzleramt, ob die Bundeskanzlerin, den Brief bereits bekommen und kommentiert habe,  teilte die Pressestelle mit:

Offener Brief von Stalingrad-Veteranen an Bundeskanzlerin Angela Merkel
„Zu offenen Briefen nehmen wir grundsätzlich nicht Stellung.“
Auf Rückmeldung oder Stellungnahmen auf Offene Briefe an die Bundeskanzlerin sollte somit niemand warten. Auch keine über 90-jährigen Veteranen einer der Schlüsselmomente im Kampf gegen den deutschen Nationalsozialismus.

Doch dort, wo die Bundesregierung wenig Respekt und Rücksicht auf Offene Briefe zeigt, sollte es die „freie Presse“ vielleicht umso mehr tun.

Aber Gehör sollen nur die finden, die auch gewillt sind, sich die richtige pro-westliche Einstellung anzueignen. So ähnlich lautete die Stellungnahme einer im Südosten Deutschlands angesiedelten Zeitung zu einer Leseranfrage bezüglich der Veröffentlichung des Offenen Briefes der sechs Veteranen.

Es handelt sich dabei um die Tageszeitung „Freies Wort“,  die sich selbst mit einer Auflage von 70.000 Exemplaren als „die führende Regionalzeitung für Südthüringen und als wichtige publizistische Stimme in Thüringen“ bezeichnet.

So jedenfalls erging es einem Leser, der sich mit der Bitte, den Offen Brief der Veteranen zu veröffentlichen an das Blatt wandte und vom Chefredakteur in drastischen Worten erklärt bekam:

„Es würde Freies Wort nicht gut stehen, diesen sog. offenen Brief ungekürzt zu veröffentlichen. Bei aller Achtung vor den Veteranen: Bei dem Text handelt es um eine Ansammlung von Unterstellungen und nachweisbar falschen Behauptungen, die nur einem Ziel dienen: Rechtfertigung der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim und der dauerhaften Unterstützung der Separatisten in der Ukraine mit Waffen, Material, Geld und Soldaten "auf Urlaub". Und wird denken gar nicht daran, uns des wirklich üblen Propagandasenders Russia Today zu bedienen.“
Irritiert von der Antwort des Chefredakteurs des „Freien Wortes“, Walter Hörmann, veröffentlichte der Leser diese auf der Online-Plattform der Ständigen Publikumskonferenz der öffentlichen-rechtlichen Medien“.

RT Deutsch Redakteurin Anna Schalimowa fragte daraufhin beim dem Chefredakteur des „Freien Wortes“ nach. Dieser erklärte ihr zunächst, dass „Offene Briefe“ grundsätzlich nicht veröffentlicht werden. Ausnahmen würde es zwar geben, diese wären jedoch nur nach Wichtigkeit einzuordnen beziehungsweise wären für das Blatt nur die Themen von Interessen, die sowieso bereits in der Diskussion sind.

Beide Entscheidungen unterlägen hier natürlich dem Chefredakteur selbst. Gleichzeitig könne man dem „Freien Wort“ nicht vorwerfen keinen Raum für Stellungnahmen bezüglich Aufrufen oder Offener Briefe zu geben. Erst vor kurzen, sprich vor einigen Monaten,  habe die Zeitung nämlich einen solchen veröffentlicht.

Auf Nachfrage, wer diesen verfasst habe und um welches Thema es sich genau gehandelt hat, erklärte ihr Herr Hörmann RT Deutsch, er selber wäre der Schreiber des Stückes gewesen, könne aber nicht mehr sagen, um welches Thema es sich genau gehandelt hat. Aber er wäre auch nicht verpflichtet, Stellung zu beziehen und vor allem vor einer RT Deutsch-Redakteurin zu rechtfertigen.

Schlussendlich wäre aber nach Aussage des Chefredakteurs des Freien Wortes gegenüber RT eine Veröffentlichung des offenen Briefes absolut nicht zu vertreten, vollkommen unabhängig, ob gekürzt oder ungekürzt.

Auf Nachfrage von RT Deutsch, inwiefern die Aussage zutrifft, dass er geäußert hätte, dass es sich bei dem Medium RT um einen „üblen Propagandasender“ handle, betonte Hörmann, er habe diese Aussage privat getroffen und würde diese in der Öffentlichkeit in dieser Form natürlich nicht so abgeben.

Gefragt, ob er RT Deutsch bisher überhaupt gelesen habe, um zu dieser Meinung zu kommen, antwortete er:

„Ich habe RT Deutsch bisher nicht gelesen, und habe es auch zukünftig nicht vor.“
Zudem drohte Hörmann der RT Redakteurin, diese solle sich davor hüten, den E-Mailverkehrt, der RT-Deutsch vorliegt, trotz Zustimmung des Lesers zu veröffentlichen, ansonsten dürfe sie und die gesamte Redaktion mit einer Klage rechnen.

In einem Telefonat mit RT Deutsch schilderte der Leser, er habe nach dem Gespräch zwischen Hörmann und der RT-Redaktion, eine weitere E-Mail des Chefredakteurs erhalten in der er sich durch Hörmanns massiv unter Druck gesetzt wurde.

In Absprache mit dem Leser und angesichts der Klagedrohung von Hörmann, beschränkt sich RT Deutsch auf die Verlinkung des Briefwechsels.

Treffend verwies der enttäuschte Leser des „Freien Wortes“ in seiner Zuschrift an die Publikumskonferenz:

„Das "Freies Wort" hat im Übrigen den früher unter der großen Schrift "Freies Wort" stehenden Spruch: - Unabhängige Zeitung für Südthüringen - vor einigen Wochen gelöscht. Selbsterkenntnis?“
In diesem Zusammenhang ist auch die Besitzstruktur des Blattes sehr aufschlussreich. Nach Recherchen von RT Deutsch gehört das regionale Blatt zu 70 Prozent dem Süddeutschen Verlag und zu 30 Prozent der SPD-Medienholding Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft mbh (ddvg).

Trotz mehrfacher Anfragen von RT Deutsch bezüglich der aktuellen Besitzstruktur der Tageszeitung, erhielten wir weder vom Geschäftsführer des Freien Wortes noch von der Unternehmungskommunikation des Süddeutschen Verlages eine Rückmeldung.

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