Es gab einmal ein tolerantes und offenes Kiew...

Quelle: Moddb
Quelle: Moddb
Wie ist die Stimmung vor Ort, was denken die Kiewer über die Maidan-Bewegung und den Bürgerkrieg im Osten des Landes? Was hat es auf sich mit dem neuen ukrainischen Nationalismus? Um darauf Antworten zu finden, hat sich unsere Redakteurin Anna Schalimowa auf den Weg in die ukrainische Hauptstadt gemacht. In loser Folge berichtet sie für RT Deutsch über ihre gesammelten Erfahrungen und Eindrücke.

Bis vor kurzem hat die Frage, woher eines der beiden Elternteile ursprünglich stammt, kaum jemanden in Kiew interessiert.

Auch die Frage, wie stark man sich der Ukraine verbunden fühlte, hatte, so erklärten mir alle meine Interviewpartner, vor nicht all zu langer Zeit noch keine Relevanz in ihrem Leben.

Kiew – Die verlorene Hoffnung

Doch Zeiten ändern sich bekanntlich und aus Einigkeit wird plötzlich Missmut. „Am Tisch mit den Lieben wird seit Beginn des Konfliktes weder über Politik noch über Religion gesprochen“, erklärt mir eine resolute Dame an einem kleinen Kiosk in den typischen Unterführungen Kiews.

Zu stark haben sich Familien nach dem Aufflammen des Konflikts wegen genau solchen Fragen zerstritten. Und das, was bisher niemals im Fokus stand, nie als Problem galt, kann heute durchaus dazu führen, dass Kinder sich von ihren Eltern trennen, Ehefrauen die Scheidung einreichen und einstige Freunde sich mit bösen Blicken strafen.

Die Offenheit bezüglich der Herkunft des Anderen ist im Eiltempo gewichen. Heute ist  man stolz auf „seine Ukraine“ und will, selbst wenn man teilweise russischer Abstammung ist, zumindest kontrollieren, dass sich keine weiteren „russischen Aspekte“ ins Leben einschleichen.

„Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass unsere Kinder heutzutage bereits in der Schule mit dem Russen als Feind konfrontiert werden. Hier wird die nächste Generation dazu ermuntert, einem klaren Feindbild mit wachsendem Hass zu begegnen.“
Dies erklärt mir im Gespräch Artiom, Vater zweier Kinder und Sohn ukrainisch-russischer Eltern.

Eine Journalistin aus Kiew, die als Dozentin an der Hochschule für Journalismus tätig ist, erzählt mir:

„Früher hat niemand darüber nachgedacht, ob wir Ukrainer oder nicht Ukrainer sind. Zu gemischt, zu offen für alles andere, lebten die Menschen zusammen. Wer, woher kam, welche Sprache, sie ihre eigene nennen konnten, hat vor einem Jahr hier noch niemanden interessiert.“
Heute ist es jedoch anders. Sie habe auch ihre russischsprachigen Studenten noch vor kurzem nie dazu gedrängt auf ukrainisch zu sprechen. Aber nun sei es anders, erläutert sie mir:
„Sie müssen nun auch endlich ein perfektes Ukrainisch an den Tag legen. Natürlich können sich da Fehler einschleichen, aber im Vergleich zu vor noch einem Jahr, bin ich schon wesentlich strenger geworden, was die Verwendung der Sprache betrifft.“
Woher auf einmal diese Strenge bei ihr komme, kann mir die Ukrainerin auf Nachfrage jedoch nicht erklären und fragt zurück:
„Warum sollten wir denn auch nicht stolz auf unser Land sein? Warum es nicht rühmen, wenn es doch aus einer solch starken Nation besteht?“
Weiter führt sie mir gegenüber aus, dass die Sowjetunion den Ukrainern unaufhörlich diktiert habe, wie und worauf sie stolz zu sein haben:
„Eine Wahl hatten die Menschen vor Ort ja früher sowieso nicht. Die Geschichte der Ukraine und somit der Faktor seinen Stolz ausleben zu können, basierte schließlich immer auf der Geschichtsschreibung der Sowjetunion. Somit waren wir grundlegend wurzellos.“
Eine solche Diskriminierung des eigenen Bewusstseins wäre dem Land innerhalb der EU, so die Überzeugung der Journalistik-Dozentin, nicht passiert.

„Heute möchte sich die Bevölkerung ohne Unterdrückung an ihrem Land und ihrer Herkunft erfreuen dürfen“, fügt sie abschließend hinzu.

Doch inwiefern man seit dem Maidan wieder omnipräsente Parolen, wie „Ruhm der Ukraine - Ruhm den Helden“, wirklich völlig losgelöst vom historischen Kontext, als Slogan einer neuen und unabhängigen Bewegung betrachten kann, erläutert mir vor Ort niemand.

Ob die Mehrheit der Demonstranten überhaupt weiß, welchen Ursprung diese Parole in sich birgt? Der Aufruf ist keine Erfindung der Maiden Bewegung. In aller Munde lag diese Parole bereits 1941 bei all denen, die sich der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) verbunden fühlten.

Dabei handelte es sich nicht um eine demokratische Partei, die sich für eine unabhängige Ukraine aussprach, sondern um eine faschistische Organisation, deren Milizen unter ihrem langjährigen Anführer Stefan Bandera, während des Zweiten Weltkrieges im Westen des Landes zehntausende Polen und Juden ermordeten.

Im Zuge der Maidan-Bewegung wurden die einstigen Verbrecher zu Helden von heute. Die Erinnerung an Bandera bringt die Menschen wieder auf die Straße. Sinnbildlich hierfür steht das Gespräch mit einem 45-jährigen Taxifahrer. Von mir angesprochen auf die faschistische Vergangenheit von Bandera, erwiderte er:

„Inwiefern war denn Bandera bitte ein Verbrecher? Typische ostukrainisch-russische Propaganda. Da kann man nichts anderes erwidern, als dass die, die heute im Donbass-Gebiet leben, historisch gesehen alle Abkommen von einst dorthin deportierten Kriminellen sind.“